Die Kirche steckt in der Krise. Ohne eine schonungslose Besinnung – Stichwort Zölibat, Priestermangel, Missbrauchsfälle – wird die vielfach geforderte Erneuerung der Kirche im Sand verlaufen, erklärt Rudolf Langthaler, bis September Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, im Gastkommentar.

Illustration: Michael Murschetz

Gedankenexperiment zum Zölibat

1. Ein Gedankenexperiment – sehr realistisch, ohne Übertreibung: Alle Geistlichen der römisch-katholischen Kirche, die nicht in zölibatären Verhältnissen leben, "outen" sich und legen ihre priesterlichen Funktionen nieder. Die unvermeidliche Konsequenz: In ganz Europa – also auch hierzulande – würden die kirchlichen und pastoralen Strukturen insgesamt von heute auf morgen zusammenbrechen – erbärmliche Versteckspiele in einem heuchlerischen Kirchensystem würden ihr längst fälliges Ende finden.

Als "verlogen" und "heuchlerisch" ist dieses System deshalb zu bezeichnen, weil gar nicht wenige "Obergeistliche" – Pfarrer, Dechanten, Prälaten, "geistliche" Theologieprofessoren und womöglich auch Bischöfe – es sich bekanntlich über Jahrzehnte hin in zölibatsfernen Verhältnissen "richten". Junge Priester hingegen, die nach anfänglich redlichem zölibatärem Enthusiasmus nach eingekehrter Ernüchterung dann eben doch zu dauerhaften Partnerschaften finden und dazu auch aufrichtig stehen, ziehen oftmals die notwendigen Konsequenzen; sie geraten so freilich allzu oft in ein berufliches und existenzielles Vakuum und werden dabei vielfach einfachhin fallengelassen, während jene – in jeder Hinsicht unangefochtenen – "obergeistlichen" Herren – brav und bieder, mitunter recht komfortabel – in ihren mehr oder weniger gut getarnten partnerschaftlichen Verhältnissen leben. Das ist leider die weithin verschwiegene, ja verleugnete Realität: ganz einfach ein Ärgernis.

Auffangbecken für Gescheiterte

2. "Am Ende" ist dieses durch und durch morsche System aber auch mit Blick auf den Priesternachwuchs. Katastrophal ist dabei nicht nur die Zahl der Priesterstudenten, sondern – allzu oft – das charakterliche, psychische und nicht zuletzt auch das intellektuelle Profil vieler dieser jungen Männer. Die für die Aufnahme in die Priesterseminare verantwortlichen Regenten haben da wahrlich eine schwierige Aufgabe: Vermeintliche Berufungen verdanken sich nicht selten in Wahrheit sehr fragwürdigen sozialisatorischen Umständen. Dass laut Kathpress "längst moderne Standards und Ausbildungsmethoden angewendet" werden, "damit nur reife Persönlichkeiten Priester werden", ist vielfach bloßes Wunschdenken.

In der Regel ist es doch so: Nahezu jeder Interessierte männlichen Geschlechts wird aufgenommen, gar nicht so selten wird dies geradezu ein Auffangbecken für andernorts Gescheiterte. Mit Blick auf die jährlich anstehenden Priesterweihen herrscht zudem ein krampfhafter Kampf gegen die trostlosen Zahlen und auch ein latentes – Druck erzeugendes – Konkurrenzverhältnis zwischen den einzelnen Diözesen.

Ärgerliche Heuchelei

Und es ist auch nicht zu übersehen (und vor allem: zu überhören): Die angesichts dessen weithin – als "Notbehelf" – importierten "Geistlichen" aus Osteuropa, Afrika, Indien beschönigen diese traurige Situation, verstärken sie allerdings in Wahrheit lediglich – und zwar in vielerlei Hinsicht. Die Pastoral und Verkündigung gehen im Sturzflug, wie man so sagt, "den Bach runter", das Christentum verkommt weithin zur bloßen Folklore. Dieses System ist einfach zum Scheitern verurteilt!

Nicht, dass die Aufhebung des Zölibats etwas an den tristen Zahlen des Priesternachwuchses ändern würde – das ist nicht zu erwarten, denn diese Misere hat im Kern gewiss andere und ungleich tiefere Gründe –, aber wenigstens jene ärgerliche Heuchelei hätte ein Ende und die berufliche Entscheidung für das Priesteramt durch junge Männer könnte "zwangsfrei" erfolgen.

Die Frauenfrage

Nicht zuletzt würde dies einem anderen Thema einen allzu berechtigten Aufwind verleihen: dem Priesteramt der Frau. Die in der offiziellen Kirchenlehre immer noch vorherrschende Ansicht, die Kirche habe kein Recht, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, weil Jesus eben ausschließlich Männer dazu berufen habe, ist jedenfalls ganz einfach unplausibel, ja geradezu lächerlich und auch leicht zu entkräften – und widerspricht auch allen Grundsätzen der Humanität.

"Löscht den Geist nicht aus!", kann man da nur entgegenrufen. Was wäre denn die römisch-katholische Kirche ohne das vielfache Engagement und die Dienste der Frauen – jedoch ohne jede "amtliche Kompetenz"? Nur nebenbei: Die Bedeutung des derzeitigen Pontifikats wird nicht zuletzt daran zu bemessen sein, was dieser Papst zur Lösung dieser bedrängenden Fragen beiträgt.

Papst Franziskus bei einer Messe am Gründonnerstag.
Foto: REUTERS/Remo Casilli

Christlicher "Analphabetismus"

3. Ohne eine schonungslose Besinnung auf die oben geschilderte Situation wird die jüngst – angesichts der ungeheuerlichen Missbrauchsfälle – vielfach geforderte Erneuerung der Kirche allerdings im Sand verlaufen. Zu dieser Erneuerung gehört aber ebenso eine notwendige Neubesinnung auf die elementaren Aufgaben der Bischöfe und Äbte als den obersten "Wächtern und Hütern" des Glaubens.

Dies verlangt, von fromm-erbaulichen Floskeln, einer leeren "Jesus liebt dich"-Pastoral und den vielfach lediglich folkloristischen Inszenierungen Abschied zu nehmen. Denn dies kann – so wenig wie die sprachlose "Flucht" in die Kunst – die überfälligen Erläuterungen zur christlichen "Glaubenssubstanz" nicht ersetzen, auf die man von bischöflicher (und auch von päpstlicher) Seite vergebens wartet – nicht zuletzt angesichts eines weithin vorherrschenden christlichen "Analphabetismus" auch in den eigenen Reihen: "Denn sie wissen nicht, was sie glauben" – dies gilt weithin auch für das Kirchenvolk selbst.

Aufklärung und Ablehnung

Die vor ziemlich genau 250 Jahren an die christlichen Autoritäten gerichteten Anfragen des jüdischen Berliner Aufklärers Moses Mendelssohn haben an Aktualität und Dringlichkeit nichts verloren:

"Ich kann keinem Zeugnisse trauen, das, meiner Überzeugung nach, einer ausgemachten, unumstößlichen Wahrheit widerspricht. Nach der Lehre des Neuen Testamentes (wenigstens wie dieses in öffentlichen Lehrbüchern erklärt wird) muss ich 1) eine Dreieinigkeit in dem göttlichen Wesen, 2) die Menschwerdung einer Gottheit, 3) das Leiden einer Person der Gottheit, die sich ihrer göttlichen Majestät entäußert hat, 4) die Genugtuung und Befriedigung der ersten Person in der Gottheit durch das Leiden und den Tod der erniedrigten zweiten Person und noch viele andere diesen ähnliche oder aus diesen fließende Sätze bei Verlust meiner ewigen Seligkeit glauben (...) ich selbst kann die Wahrheit nicht anders als nach meiner Überzeugung annehmen und ich gestehe, dass mir die angeführten Sätze den ersten Gründen der menschlichen Erkenntnis schnurstracks zu widersprechen scheinen."

Im Klartext gefragt: Was also heißt "Erlösung", Jesus sei "für uns gestorben", was meint "Auferstehung", Dreifaltigkeit und Menschwerdung Gottes, Jungfrauengeburt? Und so weiter. Allesamt Themen, mit denen sich ein aufgeklärtes Bewusstsein offenkundig ziemlich schwertut und zunehmende Ablehnung provozieren, denen in der "Verkündigung" – aber auch im geforderten "religiösen Dialog" – jedoch weithin ausgewichen wird: "fremdes Land" – das sehen viele durchaus bemühte und ernsthafte Zeitgenossen wohl ganz ähnlich.

Salbungsvolle "Menschlichkeits"-Appelle

Zu jenen Themen bleiben leider auch die obersten Glaubenswächter weithin stumm: der Papst, die Bischöfe, die Äbte (die zahlreichen Altbischöfe und Altäbte miteingeschlossen). Zwischen formelhaft-frömmelndem Gerede und salbungsvollen "Menschlichkeits"-Appellen fällt die eigentliche Substanz der christlichen Botschaft in der Regel durch: Wo findet man von bischöflicher Seite dazu substanzielle Erläuterungen in den Medien – sei es auch nur in den Kirchenzeitungen und zu den hohen Feiertagen?

Stattdessen – bei aller Gelegenheit – hohle psychologisierende Aufmunterungen, lauwarme "caritative" Aufrufe zu mehr "Menschlichkeit", Predigten gegen "soziale Kälte": "so ähnlich sagen es auch die NGOs, nur mit etwas anderen Worten". So wichtig all dies ist – soll dies etwa die "christliche Substanz" sein, auf die man sich gerne beruft?

Die "christliche Substanz" – nostalgisch garnierte Folklore?
Foto: APA/AFP/ANDREAS SOLARO

Ausgelaugte, schale Botschaften

Die Präsenz des Christlichen im öffentlichen Raum beschränkt sich weithin auf die physische Anwesenheit von kirchlichen Würdenträgern bei "offiziellen Anlässen" und auf nostalgisch garnierte Folklore. Die Lehren und Botschaften des Christentums sind hingegen weithin nichtssagend, ausgelaugt, schal geworden – sie erreichen jedenfalls nicht mehr das Bewusstsein der aufgeklärten Töchter und Söhne der Moderne:

"Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden." (Matth. 5,13)

Oder verrät jene – hilflose? – Stummheit der "Oberhirten" womöglich das stillschweigende – heimlich und widerwillig zur Kenntnis genommene – Eingeständnis, dass von jenen ehemals beanspruchten "religiösen Wahrheiten" lediglich die "profanen Grundsätze einer universalistischen Verantwortungsethik gerettet werden können"? (Habermas) Sehr ernste und radikale – buchstäblich an die Wurzel gehende – Anfragen an die geforderte "Erneuerung der Kirche".

Es sind wohl nicht nur flüchtige Schatten, die die Kirchen Europas überlagern, sondern es ist offenbar ein fortschreitender "Schwelbrand", der sie erfasst hat. Und die Kirchen werden leer: "Grüfte und Grabmäler Gottes" (Nietzsche)? Passionsmusikkonzerte haben in den europäischen Großstädten mehr Publikum als die Karliturgie der Kirchen. In diesem Sinne: Frohe Ostern! (Rudolf Langthaler, 21.4.2019)