Nach den Anschläge vom Sonntag nahmen Angehörige am Montag bei den ersten Begräbnissen Abschied von den Opfern.

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Der Schrein des Heiligen Antonius in Colombo wurde zum Ziel.

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Am Sonntag war es noch von allem der Schock, der den Menschen in Sri Lanka in den Knochen steckte. Am Montag kam die Wut dazu – und viele Fragen an die Regierung. Mittlerweile hat sich die Zahl der Toten nach den mutmaßlich islamistischen Anschlägen auf Kirchen und Hotels vom Sonntag auf 359 erhöht.

Wie der stellvertretende Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene am Dienstag vor dem Parlament sagte, vermutet die Regierung, dass es sich bei den Anschlägen um eine "Antwort auf das Attentat von Christchurch" gehandelt hat. Einer der mutmaßlichen Attentäter habe nach dem Anschlag auf Moscheen in Neuseeland mit 50 Toten vor fünf Wochen begonnen, mehr extremistisches Material in sozialen Medien zu teilen. Allerdings war nicht unmittelbar klar, ob die Anschläge selbst oder ihre Ziele Reaktionen auf den Anschlag von Christchurch darstellen sollten. Terrorexperten gehen davon aus, dass es wesentlich länger als fünf Wochen dauern würde, einen derart ausgeklügelten Anschlag zu planen.

Im Internet wurden am Dienstag Bilder geteilt, die drei der mutmaßlichen Attentäter zeigen sollen. Sie posieren vor einer Flagge der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Später reklamierte die Terrormiliz über ihre Agentur Amaq die Anschläge für sich. Beweise stellte sie aber nicht zur Verfügung.

Premierminister Ranil Wickremesinghe erklärte am Dienstag, einige Verdächtige befänden auf der Flucht, manche von ihnen hätten Sprengstoff dabei. Einige der Attentäter seien im Ausland gewesen.

Mehr Befugnisse

Das Kabinett von Präsident Maithripala Sirisena hat den Notstand ausgerufen, um "die öffentliche Ordnung zu wahren" und auch die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Sicherheitskräfte erhalten nun zusätzliche Befugnisse, um Festnahmen durchzuführen. Mittlerweile sollen 42 Personen zumindest vorübergehend in Haft sein, darunter ein Syrer.

20 Häuser sind durchsucht worden. Über mögliche internationale Hintermänner gibt es aber immer noch keine Informationen. Wie es am Dienstag hieß, soll sich ein syrischer Staatsbürger im Gewahrsam der Behörden befinden, der befragt werde. Ob gegen ihn ein konkreter Verdacht bestehe, war nicht zu erfahren. Verhaftet wurde er offenbar als Resultat der Verhöre sri-lankischer Verdächtiger.

Information offenbar nicht weitergegeben

Die Regierung hatte am Tag nach den verheerenden Terroranschlägen auf drei christliche Kirchen und drei Luxushotels eingestehen müssen, dass sie bereits seit Tagen über entsprechende Pläne der örtlichen Islamistengruppe National Thowheeth Jama’ath (NTJ) informiert gewesen war – dass diese Informationen aber offenbar nie die zuständigen Stellen in der Polizei erreichten. Die Regierung gab am Dienstag bekannt, dass neben NTJ auch eine weitere islamistische Gruppe für die Anschläge verantwortlich sein soll, die Jammiyathul Millathu Ibrahim (JMI).

Ohne Reaktion auf die Informationen vom 11. April konnten die Angreifer am Ostersonntag offenbar weitgehend ungehindert ihre Pläne umsetzen: Um 8.45 Uhr örtlicher Zeit betreten die wohl sechs Selbstmordattentäter jeweils drei Kirchen und drei Hotels. In der katholischen St.-Antonius-Kirche von Colombo und in der St.-Sebastians-Kirche in der Stadt Negombo und in der protestantischen Zion-Kirche von Batticaloa sprengt sich jeweils einer von ihnen während der Osterfeierlichkeiten in die Luft. Allein in Negombo werden dabei fast 100 Menschen getötet.

Zugleich betreten drei weitere Terroristen Luxushotels in Colombo. Im Shangri-La und dem Cinnamon-Hotel zünden sie jeweils inmitten der Gäste am Frühstücksbuffet ihren Sprengstoff. Später am Tag werden weitere Menschen bei kleineren Anschlägen in Hotels sowie bei einer Polizeirazzia getötet. Unter den Toten sind auch rund 40 ausländische Staatsbürger. 500 weitere Menschen werden verletzt – mindestens, denn die Opfer wurden auch am Dienstag noch gezählt.

Streit lähmt Regierung

Von der Regierung ist am Sonntag zunächst wenig zu hören. Premier Ranil Wickremesinghe gibt später bekannt, er habe in dieser Zeit Vertreter der Sicherheitsbehörden getroffen und sich mit ihnen über die Situation ausgetauscht. Er beruft auch den Sicherheitsrat ein, was er laut Verfassung aber eigentlich nicht kann – mehrere Minister erscheinen daher offenbar nicht. Präsident Maithripala Sirisena, der auch Verteidigungsminister und für den Sicherheitsrat zuständig ist, weilt zu dieser Zeit seit Tagen im Ausland. Offenbar ist er auf einer privaten Pilgerfahrt in Indien – er meldet sich erst später zu Wort und spricht von "Angriffen" auf das Land. Erst am Montag kehrt er zurück und kündigt dann die Verhängung des Ausnahmezustandes an.

Wie schnell die Sicherheitskräfte am Sonntag wirklich über die Hintergründe des Geschehens Bescheid wussten, ist nicht sicher. In der Warnung, die ihnen seit dem 11. April vorgelegen war, ist jedenfalls konkret von der NTJ die Rede und von möglichen Anschlägen auf Kirchen. Selbst die Namen mehrerer Männer, die später zu mutmaßlichen Attentätern wurden, werden genannt.

Ebenso ist unklar, wie es zum fatalen Chaos bei der Weiterleitung der Informationen kam. Vermutlich liegt der Hintergrund aber in der Zerstrittenheit der Regierung: Der Präsident hatte seinen Premier im November entlassen, ihm Mordpläne vorgeworfen und ihn durch Expräsident Mahinda Rajapaksa ersetzt. Er musste den Schritt aber dann nach einem Urteil des Höchstgerichtes rückgängig machen – die Regierung ist seither tief zerstritten.

Gruppe bisher wenig bekannt

Nur einige Polizeistationen bekamen daher die Warnung zugestellt. Wie ernst sie sie mangels politischen Drucks nahmen, ist unsicher. Denn eigentlich galt die NTJ bisher zwar als radikal, nicht aber als schlagkräftig. Mit welcher internationalen Terrorgruppe sie sich verbündet hat, um die logistisch anspruchsvollen Angriffe durchzuführen, war nicht ganz klar. Das liegt auch daran, dass es vorerst kein Bekenntnis zum Anschlag gab. Bekannt wurde nur, dass Anhänger des "Islamischen Staats" (IS) die Tat im Netz lobten.

Am Montag jedenfalls gab es noch einmal kurz Alarm: Bei einer Busstation wurden rund 90 Bombenzünder gefunden – und nahe der Sankt-Antonius-Kirche explodierte ein von der Polizei als verdächtig eingestufter Van. Verletzt wurde dabei niemand. (Manuel Escher, red, 23.4.2019)