Das legendäre Building 20 des MIT wurde zwischen 1996 und 1998 sukzessive geleert, auf dem Areal befindet sich heute das Stata Center (Building 32) des MIT.

Foto: youtube_MIT's Building 20_The Magical Incubator

Das aus dem Building 20 entstandene Stata Center beherbergt heute fünf kleinere "Klassenzimmer", ein Café, ein Pub, einen Fitnessbereich und einen Hörsaal mit 350 Plätzen.

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Detailaufnahme des Stata Center des MIT.

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Im Silicon Valley trifft man heute auf viele Leute, die nicht nur ihre eigene (finanzielle) Situation verbessern, sondern die mit ihren Ideen und Produkten auch Leben anderer Menschen verändern wollen. Dieser Entrepreneurial Spirit ist im Silicon Valley allgegenwärtig. Aber kalifornischer Tatendrang und eine zupackende Einstellung reichen nicht, um innovativ zu sein – es braucht auch konkrete Rahmenbedingungen, die sich für Unternehmen in Sachen Innovationsförderung bewähren.

Innovation braucht Räume

Eine dieser Rahmenbedingungen ist zweifellos Architektur. Obwohl es wenige wissenschaftliche Studien zum Zusammenhang von Innovationsfreude und Architektur gibt, ist es kein Zufall, dass viele der weltweit führenden Forschungseinrichtungen und Ideenschmieden durch besondere Architektur auffallen.

Eines der wohl berühmtesten Beispiele für ein innovationsförderndes Gebäude ist das legendäre Building 20 des Massachusetts Institute of Technology. Es wurde 1943 als temporäre Struktur für ein Radiologielabor errichtet und sollte eigentlich zum Ende des Zweiten Weltkriegs wieder abgerissen werden. Da Stahl damals knapp war, besteht das Building 20 hauptsächlich aus Holz. Es ist ein schlichter Bau mit der zweckmäßigen Ästhetik eine Lagerhalle, doch im Inneren passierte Bemerkenswertes – in wissenschaftlicher und kreativer Hinsicht. Bahnbrechende Entwicklungen und Erfindungen nahmen hier ihren Anfang, Radarsysteme etwa, völlig neue Möglichkeiten der Wettervorhersage oder der Seenavigation.

Sich Raum nehmen

Denn wichtiger als eine glänzende Fassade war, was im Gebäude passierte: Die Nutzer und Nutzerinnen, Forscher, Entwicklerinnen, Wissenschafter und Kreative konnten den Raum komplett selbst gestalten und an ihre Bedürfnisse anpassen. Wände konnten niedergerissen und die Einrichtungen selbst gestaltet werden. Kleine Schuppen, die neben dem Gebäude mit der Zeit entstanden, zeugten von der Expansion des Gebäudes, die nicht nur außerhalb stattfand, sondern auch in die Vertikale ging: Als Jerrold Zacharias im Building 20 die erste Welt-Atomuhr entwickelte, wurden für die Uhr zwei Deckenwände entfernt, um dieser genug Raum zu geben.

Eine Besonderheit des Building 20 war auch, dass hier verschiedene Disziplinen, Kreative und Wissenschafter zusammenkamen und Gänge und Treppen zum Austausch von Ideen dienten. Kreative Pausen waren in der anspruchslosen Architektur angelegt. Sie bewirkte gewissermaßen eine kreative Befreiung.

Dokumentarfilm des MIT über sein legendäres Building 20 – den "magischen Inkubator".
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Architektur wirkt

Das Building 20 steht Pate für eine Raumgestaltung, die bis heute Kreativität möglich macht: Es braucht Raum für Austausch, Gespräche, Zusammentreffen. In vielen neuen Gebäuden dominiert ein industrieller Look. Inkubatoren und andere Ideenwerkstätten sind heute gerne in ehemaligen Fabrikhallen gelegen, mit hohen Decken, freiliegenden Rohren, riesigen Fenstern, großen Räumen als Begegnungsorte mit flexiblen Sitzmöglichkeiten. Statt Trennwänden gibt es meist bunte Sitzmöbel und große Küchen im Zentrum. "Kreatives Denken in den immergleichen Räumen der immergleichen Konzernzentralen ist ein Widerspruch", sagt Alexander Frech, Mitgründer von Playroom, einem Start-up für Innovationsräume aus Wien. "Kreativität braucht Raum, und Raum kann man gestalten und moderieren."

Mentale Freiräume

So wichtig wie Räumlichkeiten scheinen mentale Freiräume zu sein. Wann hatten Sie Ihre letzte gute Idee? Und wo waren Sie? Im Büro? Beim Anblick ihrer vollen Inbox? Oder doch eher unter der Dusche oder beim Spazierengehen mit Ihrem Hund? Frei gestaltete Momente wie dieser erlauben unseren Gedanken zu wandern in Richtungen, die nicht von außen vorgegeben werden, sondern die durch Nichtlinearität innovative Geistesblitze zulassen. Zahlreiche Studien haben die Verbindung zwischen Langeweile und Kreativität untersucht und sind zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Langeweile hilft uns, neue Ideen zu haben und kreativer zu sein.

Viele Unternehmen im Silicon Valley haben heute verstanden, dass die besten Ideen in den "inbetween-moments" entstehen – dann, wenn man vielleicht am wenigsten daran denkt. Deshalb versuchen Unternehmen wie Google diese Momente regelrecht zu "designen": durch großzügige Küchen und Wohnzimmerräume, die nach dem Mittagessen zum Verweilen einladen, durch Basketballfelder und kostenlose Massagen.

Externe Stimmen einbringen

Vor einiger Zeit wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Studie der University of Central Lancashire gebeten, sich möglichst viele Einsatzmöglichkeiten für Plastikbecher einfallen zu lassen. Eine Gruppe machte zuvor sich ständig wiederholende Tätigkeiten wie das Kopieren und Lesen von Nummern aus einem Telefonbuch. Die Kontrollgruppe musste nichts dergleichen tun. Das Ergebnis war, dass diejenigen, die zuvor eine langweilige oder repetitive Tätigkeit durchgeführt hatten, weitaus kreativer waren als die Kontrollgruppe. Es wäre spannend zu überlegen, wie man solche Ergebnisse für den Unternehmensalltag, für kreative Lösungen und Meetings nutzen kann. (Rebecca Vogels, 21.5.2019)