Jede Revolution habe ihren Rhythmus, erklären Demonstrierende.

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Bei den Protesten im Sudan spielen Frauen eine zentrale Rolle.

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So also sieht die Revolution aus. Sie findet – wie könnte es anders sein? – auf der El-Gamhuriya statt, der Straße des Präsidenten, und beginnt mit Straßensperren der Revolutionäre. An Ständen wird Trinkwasser verteilt, daneben gibt es heißen Tee. Aus großen Boxen schallt schon morgens Musik des in den USA lebenden sudanesischen Rappers Aymen Mao: Sein Hit "Live Bullet" – scharfe Munition – ist zur Hymne der Revolution geworden.

Noch vor zwei Wochen wurde hier tatsächlich scharf geschossen. Scharfschützen des Geheimdienstes NISS feuerten auf Demonstranten – rund zwanzig Menschen starben. Für den vorübergehenden Erfolg der Revolution sorgten Soldaten, als sie für die Aufständischen ihre mächtigen Tore öffneten. Zwei Tage später wurde der seit dreißig Jahren mit eiserner Hand regierende Omar al-Bashir von Offizieren entmachtet und ins Gefängnis geworfen. Seitdem wird auf der Revolutionsmeile gefeiert. Auch wenn sich die Aktivistin Selma Nour ganz sicher ist, dass "unsere Soldaten hinter uns stehen": Von den Generälen kann man das weniger behaupten – die Stimmung spannt sich allmählich wieder an.

Seit zweieinhalb Wochen war Selma nicht mehr zu Hause bei ihrem achtjährigen Sohn: Den haben die Großeltern in ihre Obhut genommen. Selma gehört "al-Mahanin" an, der Sudanesischen Berufsvereinigung (SPA), die als Mutter der Revolution gilt. Noch vor wenigen Tagen hätte sie das keinem – schon gar keinem ausländischen Reporter – erzählt, ihre Organisation musste im Geheimen operieren.

Selma hatte schon als Studentin an Demonstrationen gegen "Diktator" Bashir teilgenommen und war von dessen Geheimpolizisten mehrmals verprügelt worden. "Ich weiß, wie sich Widerstand anfühlt", sagt die Architektin, die nun für die Proteste ihre Arbeit in Dubai aufgab.

Revolution mit Rhythmus

Die Demonstranten auf der Revolutionsmeile scharen sich neugierig um die bleichhäutigen Reporter, die erst seit kurzem wieder ins Land dürfen, und skandieren: "Wo ist unser Zuhause? Es ist hier!" In jedem Sudanesen scheint entweder ein Verseschmied oder ein Trommler zu stecken. "Jede Revolution hat ihren Rhythmus", meint ein Passant.

Wie ihre Organisation, die SPA, es geschafft hat, bis zu einer Million Menschen Abend für Abend auf die Meile zu locken, will Selma Nour vorerst nicht verraten. Noch ist nicht sicher, ob die "Berufsvereinigung" nicht wieder in den Untergrund abtauchen muss.

Sudans Mittelstand, der die Revolution trägt, wurde von der Pleite des Staates am härtesten getroffen. Auf Drängen des Weltwährungsfonds hatte die Regierung im vergangenen Dezember staatliche Subventionen für Benzin und Weizen gestrichen. Wenige Tage später war es zu ersten Protesten der nach Berufsständen gegliederten SPA gekommen: Ein Lehrer erzählt, sein Monatsgehalt habe sich in den vergangenen fünf Jahren von 1.200 auf 1.500 sudanesische Pfund erhöht, während der Preis für ein Fladenbrot von 0,10 auf ein Pfund in die Höhe schoss.

Nicht jeder litt unter der Krise: Nach Bashirs Verhaftung teilte die Militärführung mit, in seiner Residenz seien 351.000 US-Dollar und sechs Millionen Euro in bar gefunden worden. Trotzdem musste der entmachtete Präsident nur wenige Tage im berüchtigten Gefängnis von Kober verbringen, will die Khartumer Gerüchteküche wissen: In seiner Zelle sei der 75-Jährige dermaßen krank geworden, dass ihn Generäle zum Hausarrest in seine Residenz entlassen hätten. "Blut für Blut und nicht bloß Entschädigung", skandieren die Demonstranten. Sie wollen den vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen in Darfur Angeklagten zu Hause vor Gericht gestellt sehen, weil es in Den Haag keine Todesstrafe gibt.

Aktive Rolle der Frauen

"Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, wie wir das Land aus seinem Elend befreien", meint hingegen Selma. Dabei käme den Frauen eine besondere Bedeutung zu, stimmt ihr Aida Fadlala zu, die sich auf der Meile um das Wohl der Straßenkinder kümmert. "Als sie in den USA noch nicht einmal wählen durften, hatten wir im Sudan schon Frauen in der Regierung." Das änderte sich, als der Islamist Bashir durch einen Militärputsch an die Regierung kam, die erste "Islamische Republik" auf afrikanischem Boden gründete und etwa strenge Kleidervorschriften einführte. Heute trägt sie wieder Jeans und wie selbstverständlich kein Kopftuch.

Dass die Islamisten wieder an die Macht kommen könnten, hält Selma für "unwahrscheinlich": Mit ihrer religiösen Heuchelei hätten sie es sich bei der Bevölkerung "endgültig verscherzt". Alle Anstrengungen seien nun auf die Militärchefs gerichtet, die Bashirs Regime in säkularisierter Form fortführen wollten. Das gelte es "unter allen Umständen" zu verhindern.

Golfstaaten versprechen Hilfe

Einerseits versuchen die Generäle die Unterstützung der reichen Golfstaaten, vor allem Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate, zu gewinnen, die bereits drei Milliarden Dollar Soforthilfe versprachen. Andererseits treiben sie einen Keil in die Opposition – vor allem zwischen alte oppositionelle Organisationen wie die Umma-Partei und die junge SPA.

Der für die Absetzung Bashirs verantwortliche Militärrat hatte die Opposition bereits vor Tagen aufgefordert, Vorschläge für eine zivile Regierung einzureichen. Doch die Flut der unterbreiteten Eingaben mache eine Entscheidung fast unmöglich, teilten die Generäle derweil mit. Auch westliche Gesandte befürchten, dass die Militärs eine weitere Destabilisierung des Landes anstreben, um sich schließlich als einzige Garanten eines geordneten Übergangs zu präsentieren.

Schauplatz des Tauziehens um die Macht im Staat bleibt bis auf Weiteres die Revolutionsmeile in Khartum: Immer wieder fordert der Militärrat eine Beendigung des Happenings vor seinem Hauptquartier. Bislang scheiterte aber noch jeder Versuch auch an der Mithilfe sympathisierender Soldaten. Abend für Abend organisiert Selma ein Programm, das so viel Feierabendrevolutionäre wie möglich anzieht. Unerwartete Unterstützung erhielt sie dabei letztens aus der Provinz, als ein Zug mit tausenden Demonstranten aus dem 350 Kilometer nilabwärts gelegenen Atbara eintraf. "Wir werden nicht aufgeben", fasst sie neuen Mut: "Auch wenn wir für unsere Freiheit noch einmal 30 Jahre kämpfen müssen." (Johannes Dieterich aus Khartum, 25.4.2019)