Was wird über die Jahre 2018 und 2019 einmal in den Geschichtsbüchern stehen? Wie würde man diese Zeit bewerten? Religionswissenschafter Ernst Fürlinger wagt im Gastkommentar einen Rückblick.

Ich bin im Jahr 2018 in Wien geboren. Im Rückblick betrachtet war das ein besonders wichtiges Jahr: Es war in diesem Jahr, dass die Schülerdemonstrationen für Klimaschutz an verschiedenen Orten begannen, ausgelöst durch den Streik von Greta Thunberg vor dem schwedischen Parlament, der später weltweit anerkannten UN-Sonderbeauftragten für globale Klimagerechtigkeit. Sie ist in die Geschichte eingegangen als jener Mensch, auf den der weltweite Aufstand der Jugend für einen entschlossenen Klimaschutz ab Anfang der 20er-Jahre zurückging.

Heute kann man sich das Ausmaß der Schmähungen, denen Thunberg damals ausgesetzt war, nicht mehr vorstellen. Damals konnte man nicht ahnen, dass es dieses junge Mädchen sein würde – und die von ihr inspirierte Bewegung der Schüler –, der wir die historische Wende der 20er-Jahre verdanken, die über den Klimaschutz weit hinausging. Es war das Ende jener Phase, in der ein anderer, rückwärtsgewandter Aufstand dominierte, in Form der Machtübernahme populistischer Politiker in vielen Ländern. Forscher haben diese Phase als "nationalistischen Angstreflex" auf das Problem des Klimawandels und der globalen Umweltzerstörung charakterisiert.

Greta Thunberg im April 2019 in Rom.
Foto: REUTERS/Yara Nardi

Chaotische Übergangsphase

Weil viele Menschen auf diesen Aufschwung des rechten Populismus und auf das Aufbäumen des fossilen Zeitalters und seiner mächtigen Interessengruppen vor allem in den USA fixiert waren, blieb für viele etwas Wesentliches unbemerkt. Schon damals bereitete sich an unzähligen Orten weltweit der kollektive Bewusstseinssprung vor, dessen Wirkungen wir heute erleben: ein Übergang zum Bewusstsein, dass die Menschheit nur gemeinsam, auf Basis einer kosmopolitischen Gerechtigkeit und nachhaltigen Lebensweise bestehen kann.

Heute wissen wir im Rückblick, dass es sich um eine düstere, chaotische Übergangsphase handelte, in der man sich schutzsuchend auf die alten nationalistischen Muster, hinter die nationalen Grenzen zurückzuziehen versuchte. Aber schon damals war klar, dass angesichts des Klimawandels und seiner Folgen, die alle nationalen Grenzen überspringen, des Erreichens der planetaren Grenzen und der globalen Ungleichheit nur eine internationale Kooperation auf Basis der Prinzipien der Gerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und der Menschenrechte zukunftsfähig ist. Donald Trump, der in meiner Kindheit so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, war nur eine kurzlebige groteske Fußnote der Geschichte.

Ein Demonstrant mit Trump-Maske bei den YouthStrike4Climate-Protesten im März 2019 in London.
Foto: REUTERS/Henry Nicholls

Neue Weltordnung

Mitten im Chaos des Übergangs wuchs bereits das Neue heran. In meiner Kindheit erschienen etwa Werke wie "On Cosmopolitanism" und "Justice Without Borders" von Simon Caney, die die philosophischen Grundlagen der neuen kosmopolitischen Weltordnung bereitstellten. Die Produktion von synthetischem Kerosin aus Wasserstoff und CO2 stand damals noch in den Anfängen, heute ist der CO2-neutrale Flugzeugtreibstoff selbstverständlich. Damals war ein nachhaltiger Lebensstil Sache einzelner Pioniere.

Als entscheidend stellte sich heraus, dass aus der globalen Klimaschutzbewegung der Jugend schließlich eine Zusammenarbeit der globalen sozialen Bewegungen hervorging, einschließlich der Klimaschutzbewegung – ein Brückenschlag zwischen Menschen aus dem Norden und dem Süden. Die Tradition des zivilen Ungehorsams auf der Linie von Mahatma Gandhi und Nelson Mandela erlebte einen neuen Aufschwung. Es gab Chaos, Verhaftungen, Unruhen, die Verstärkung autoritärer Politik – bis schließlich der Durchbruch zur "Großen Globalen Wende" kam.

Weiterentwicklung der Uno

Die Uno wurde entschlossen weiterentwickelt und mit Mitteln ausgestattet, um eine echte "Weltinnenpolitik" auf Basis von Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit umsetzen zu können. Theoretische Ideen, die bereits lange vorhanden waren, wurden in die Tat umgesetzt, wie zum Beispiel die UN-Organisation Guardians of the Future, die die Interessen der Kinder und Jugendlichen sowie der zukünftigen Generationen auf internationaler Ebene vertritt. Dieser Rat aus jungen Menschen aus dem Norden und Süden hat sich mittlerweile längst als kraftvolle Stimme des globalen Aufbruchs in Richtung Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit etabliert und an Autorität gewonnen.

Auf lokaler Ebene wurden weltweit neue demokratische Innovationen eingeführt, durch die die Interessen der zukünftigen Generationen bei allen Entscheidungen berücksichtigt wurden. Bürgerräte, die die repräsentative Demokratie ergänzten, wurden weltweit zum Standard. Man entwickelte wirksame Mechanismen, um der Politik des Zauderns und Zögerns ein Ende zu bereiten und die Regierungen zur Einhaltung der Emissionsreduzierungen zu zwingen, unter anderem mittels Handelssanktionen und Ausschluss aus der WTO. Ausgehend von der Jugendrevolution entwickelte sich eine globale Bewegung, die sich für Edward Wilsons alte Idee einsetzte, die Hälfte des Planeten der Natur zu überlassen, die erst dann ihre Zeit fand.

Türkis-blaue Mutlosigkeit

Eine spezielle Ironie dieser Geschichte, was Österreich betrifft, ist die Tatsache, dass es damals der jüngste Kanzler der Welt war, gegen dessen Regierung und mangelnde Klimapolitik die jungen Leute am Heldenplatz und vor dem Kanzleramt zu demonstrieren begannen. Der jüngste Kanzler in Koalition mit der Partei der Klimawandelleugnung repräsentierte die alten Denkmuster: nationaler Egoismus, Vorrang der Interessen der Industrie und der Wirtschaft, Vorrang der Automobilität, das Hochspielen und Instrumentalisieren der Migrationsfrage und von Flüchtlingen als Feindbildern, um die nationalen Gefühle zu wecken und von der Untätigkeit gegenüber den eigentlichen Herausforderungen abzulenken, eine Politik der Kurzatmigkeit.

Es waren Schüler und Studenten, die die Klimapolitik dieser Regierung durchschauten und anprangerten: ein pflichtgemäßes, wenig ambitioniertes Abarbeiten der europäischen und internationalen Vorgaben. Eine hoch tönende Klimaschutzrhetorik und Klimaschutzstruktur mit Klimaschutzgesetz, internationalen Berichtspflichten, nationalen Kommissionen. Ein Potemkin'sches Dorf, mit dem man die Mutlosigkeit des Einfach-weiter-so zu verbergen trachtete, das Jahr für Jahr an den unbarmherzigen Fakten steigender nationaler Treibhausgasemissionen zerschellte.

"Ihr habt verschlafen, wir sind der Wecker!" – Plakat der Demonstration Fridays For Future im März 2019 in Wien.
Foto: APA/AFP/JOE KLAMAR

Keim echter Veränderungen

Das alles ist lange her. Heute bin ich alt und lebe im Vergleich zu den Jahren meiner Kindheit in einer völlig gewandelten Welt – technologisch, wirtschaftlich, politisch. Ich bin stolz auf die jungen Menschen, die sich damals weltweit nicht länger mit einer bloßen Rhetorik des Klimaschutzes zufriedengeben wollten, diese als eine andere, subtile Form der Klimawandelleugnung auffassten und begannen, auf die Straße zu gehen. Sie hatten damals nichts als die Hoffnung, dass sie zum Keim echter Veränderungen, einer Wende werden würden, die ich in meiner Lebenszeit tatsächlich erleben und aktiv mitgestalten durfte.

Katharina, Dominik, Sara, Johannes und den Teilnehmern von Fridays for Future in Österreich gewidmet. (Ernst Fürlinger, 3.5.2019)