Enissa Amani trat aufgrund einer Kritik im "Spiegel" einen Shitstorm gegen die Journalistin los, die den Artikel verfasst hatte.

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Zum Berufsstand einer Komikerin, so sollte man meinen, gehört eine gewisse Humorbegabung. Dass dem nicht zwangsläufig so sein muss, bewies die deutsche Stand-up-Künstlerin Enissa Amani, nachdem beim deutschen Nachrichtenportal "Spiegel Online" eine launige Kritik über ihren Auftritt bei einem Influencer-Award erschienen war. Via Instagram entfachte Amani einen Shitstorm: Der "Spiegel" sei ein "Schrott Klatschblatt mit ein paar politischen Alibi-Themen", über Stunden feuerte sie gegen das Medium und die Journalistin Anja Rützel. Der Empörung folgten viele ihrer 500.000 Instagram-Abonnenten, die Rützel massiv attackierten.

Beschimpfungen

Es entwickelte sich ein tagelanger virtueller Schlagabtausch, der nun selbst zum Teil der medialen Berichterstattung wurde – und in seiner Eskalationsstufe absurde Ausmaße angenommen hat. Plötzlich wurde Amani, deren Eltern aus dem Iran stammen, auf Instagram rassistisch beschimpft, die des Rassismus völlig unverdächtige Journalistin Rützel im Gegenzug von Amani-Fans als "Quasi-Nazi" verunglimpft.

Amani ließ ihrem Ärger freien Lauf – auch, weil ein AfD-Politiker den Text von Rützel lobte.

Als Feindbild machte die Komikerin zunehmend nicht nur den "Spiegel", sondern die Presse im Allgemeinen aus. Diese versuche, Influencern das Recht auf eigene Meinungsäußerung abzusprechen. "Tja, wir sind eben die neue Presse, nur mit mehr Reichweite", schrieb sie in einem mittlerweile gelöschten Beitrag Twitter.

Amani löschte diesen Tweet später wieder.
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Damit hat die Stand-up-Künstlerin nicht ganz unrecht. Längst unterbieten die Auflagen großer Medien die Followerzahlen führender Influencer. Dazu kommt ein Faktor, den wenige Medien genießen: Influencer haben für viele vor allem junge Fans den Charakter eines Freundes, auf dessen Rat man hört, den man bewundert und für den man vieles tun würde. Umso leichter fällt es ihnen, ihre Follower zu mobilisieren. Das kann kaum ein Medium von sich behaupten.

Geschäftsmodell Hass

Doch allein mit Freundlichkeit werden Influencer nicht zu Stars. Sie leben letzten Endes von der Aufmerksamkeit, die um sie generiert wird. Gerade in den schnelllebigen sozialen Medien braucht es ständig Aufsehen, um relevant zu bleiben. Was der Boulevard bereits seit vielen Jahren betreibt, wird von manchen Influencern geradezu perfektioniert: Aufregung, um Interesse zu schaffen. Ein (zumeist verbales) Gefecht schafft Reichweite, zugleich wird Followern durch das gemeinsame Feindbild ohne großen Aufwand ein Wir-Gefühl vermittelt. Wenn Fotos von Macarons und schöner Kleidung nicht mehr reichen, schlicht weil es in sozialen Medien eine massive Übersättigung solcher Inhalte gibt, muss ein Shitstorm herhalten.

Doch die verbalen Konflikte können sich mitunter auch in reale Gewalt wandeln. So etwa im März auf dem Berliner Alexanderplatz. Zwei Youtuber hatten zu einem Treffen aufgerufen, 400 Menschen tauchten auf. Das Event endete mit einer Massenschlägerei. Der Vorfall führte zugleich dazu, dass die Followerzahl der beiden angestiegen ist. Hatte der Youtuber ThatsBekir zuvor noch rund 260.000 Abonnenten, stieg die Zahl danach auf circa 270.000. Sein Youtube-Gegner Bahar Al Amood konnte seine 14.000 Followers auf rund 24.000 vermehren.

Ähnlich erging es dem Berliner Rapper Capital Bra, der als Social-Media-Phänomen Bekanntheit erlangte. Nachdem er einen Musikkritiker attackierte, griffen seine Fans den Redakteur an. Heute zählt Capital Bra mehr als drei Millionen Follower auf Instagram, auch klassische Medien berichten vermehrt über den Rapper.

Im Bild: Der Rapper Capital Bra.
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Keine Journalisten

Wenn Eskalation als Mittel zur Aufmerksamkeitsmaximierung dient, bleibt das Bewusstsein für Verantwortung oft links liegen. Anders als Medienunternehmen unterliegen Influencer keiner journalistischen Sorgfaltspflicht. Sie müssen die Rechte von Personen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, nicht wahren und haben auch nicht die Aufgabe, Beiträge vor der Veröffentlichung auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Trotzdem sind sie sich der großen medialen Macht, die sie durch ihre Öffentlichkeit haben, oft nicht bewusst. Beispielsweise die Influencerin Bonnie Strange (834.000 Abonnenten auf Insta gram), die aus einem Geschäft geworfen wurde und dafür auf Snapchat Videos teilte, in denen sie den zuständigen Verkäufer unter anderem als "ungevögelten Wichser" bezeichnete – und nun 10.000 Euro Schmerzensgeld zahlen muss. Oder der Youtuber LeFloid (über drei Millionen Abonnenten), der vor allem für seine Nachrichtenvideos bekannt ist und vor einigen Jahren einen Beitrag veröffentlichte, in dem er über eine Verschwörungstheorie berichtete, laut der angeblich Adolf Hitler noch lebt.

Verantwortung, wie Medien sie haben

Zudem verdienen die meisten Influencer Geld, indem sie im Netz Werbung machen. Anders als im klassischen Journalismus sind Redaktion und Verkauf nicht strikt voneinander getrennt. Allein aus diesem Grund können Influencer die Rolle einer neuen Presse nicht einnehmen. Und das wollen sie ja eigentlich auch nicht: Im Grunde genommen sind sie Popstars, nur mit weitaus mehr Möglichkeiten, als Meinungsmacher aufzutreten.

Statt sich erst den womöglich unangenehmen Fragen eines Journalisten bei einem Interview zu stellen, können sie ihre Worte nach Wunsch innerhalb weniger Sekunden transportieren. Es gibt keinen Torwächter mehr, der ihre Nachricht filtert.

Eskalation als Geschäftsmodell

Umso wichtiger wird es für die oft jungen Influencer, sich Gedanken über ihren tatsächlichen Einfluss zu machen. Ist die dauerhafte Eskalation tatsächlich die Lösung? Sind sich Personen wie Enissa Amani bewusst, was sie auslösen, wenn sie aufgrund einer persönlichen Kränkung die gesamte Medienlandschaft degradieren? Eine Frage, die der STANDARD zum Beispiel Amani gerne direkt gestellt hätte, wenn sie auf unsere Gesprächsanfrage reagiert hätte. (Muzayen Al-Youssef, 26.4.2019)