Die Geschäftsmodelle der großen Technologieunternehmen sind auf Automatisierung, nicht die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgerichtet.

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In der Nachkriegszeit stieg die Nachfrage nach Arbeitskräften enorm. Für den Ökonomen Daron Acemoğlu beruhte die Entwicklung auf drei Säulen. Was sich die US-Regierung heute davon abschauen könnte, erklärt er im Gastkommentar.

Weltweit stehen am diesjährigen 1. Mai politische Vorschläge auf dem Programm, die einem noch vor ein paar Jahren radikal erschienen wären. In den USA etwa haben sich hohe Grenzsteuersätze, Vermögenssteuern und eine universelle Krankenversicherung als Ideen im Mainstream etabliert. Doch wenn die Politiker ihre Prioritäten nicht richtig setzen, könnte die Gelegenheit für wirksame Reformen vertan werden, was zu noch tieferen sozialen und politischen Spannungen führen würde.

Oberste Priorität sollte es haben, gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen, und dieses Ziel sollte die politischen Ansätze in allen Bereichen bestimmen – von Technologie und Regulierung über die Steuern bis hin zu Bildung und Sozialprogrammen. Es hat in der Geschichte noch keine Gesellschaft gemeinsamen Wohlstand allein durch Umverteilung geschaffen. Wohlstand beruht auf der Schaffung von Arbeitsplätzen mit menschenwürdigen Gehältern. Und es sind gute Arbeitsplätze – und nicht Umverteilung –, die den Menschen ein Ziel und einen Lebenssinn geben.

Mehr Macht den Arbeitnehmern

Dies erfordert die Ausrichtung der technologischen Innovation auf die Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Gute Arbeitsplätze entstehen in freien Märkten nicht von selbst. Vielmehr erfordern sie Arbeitsmarktinstitutionen, die die Arbeitnehmer schützen und ihnen mehr Macht geben, großzügig finanzierte Bildungssysteme und wirksame soziale Sicherheitsnetze. Dies ist die institutionelle Architektur, die den USA und anderen hochentwickelten Volkswirtschaften nach dem Zweiten Weltkrieg vier Jahrzehnte starken, inklusiven Wachstums beschert hat.

Der enorme Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskräften in dieser Zeit beruhte auf drei Säulen. Erstens setzten die Unternehmen ihre Technologien auf Weisen ein, die die Arbeitsproduktivität steigerten und damit das Lohnwachstum und die Nachfrage nach Arbeitskräften antrieben. Zugleich leisteten die Regierungen wichtige Unterstützung, indem sie Geld in Bildung und Forschung steckten und (in einigen Fällen) zu wichtigen Käufern von Hightech-Ausrüstung avancierten. Die meisten der heute bestimmenden Technologien sind teilweise staatlich finanzierten Innovationen aus dieser Zeit geschuldet.

Zugang zu Bildung

Zweitens schufen die Regierungen in der Nachkriegszeit ein Wirtschaftsumfeld mit Mindestlöhnen, Arbeitsschutzvorgaben und anderen Regeln für den Arbeits- und Produktmarkt. Es wird derartigen Maßnahmen oft vorgeworfen, sie würden die Beschäftigung abwürgen. Aber sie können tatsächlich einen positiven Wachstumszyklus schaffen, denn die Kostenuntergrenze für Arbeit schafft einen Anreiz für die Unternehmen, ihre Produktionsprozesse zu rationalisieren und zu verbessern und damit die Produktivität und damit die Nachfrage zu steigern. Indem Regierungen dafür sorgen, dass die Produktmärkte wettbewerbsfähig bleiben, können sie Unternehmen daran hindern, Monopolpreise zu berechnen und höhere Gewinne einzufahren, ohne mehr Arbeitskräfte einzustellen.

Drittens weiteten die Regierungen in der Nachkriegszeit den Zugang zur Bildung aus, was zur Folge hatte, dass mehr Arbeitskräfte die nachgefragten Fertigkeiten aufwiesen. Natürlich erforderten all diese Investitionen in Innovation und Bildung höhere Steuereinnahmen. Aber geringfügig höhere Steuersätze und das Wirtschaftswachstum selbst reichten aus, um die Differenz aufzubringen.

Das soll nicht heißen, dass die 1950er- und 1960er-Jahre perfekt waren. In den USA blieb die Diskriminierung von Afroamerikanern und Frauen tief verwurzelt, und die Bildungschancen waren ungleich verteilt. Trotzdem war das wirtschaftliche Umfeld in vielerlei Hinsicht besser als heute, insbesondere was die Verfügbarkeit gut bezahlter Arbeitsplätze anging.

Verlangsamtes Lohnwachstum

Nach durchschnittlich 2,5 Prozent jährlich während der Jahre 1947–1987 verlangsamte sich das Lohnwachstum im privaten Sektor in den USA nach 1987 steil und hörte im Jahr 2000 – volle sieben Jahre vor der Großen Rezession – komplett auf. Diese Verlangsamung fiel mit einer Phase schwachen Produktivitätswachstums und einer Umleitung der Investitionen in Richtung Automatisierung und weg von der Schaffung neuer, produktivitätsstarker Aufgaben für menschliche Arbeitskräfte zusammen. Die Zahl gut bezahlter Arbeitsplätze nahm ab, die Löhne stagnierten, und ein größerer Anteil der Erwachsenen im besten Erwerbsalter fiel aus der Erwerbsbevölkerung heraus.

In diesem Zeitraum zerfiel die institutionelle Infrastruktur, die der Schaffung von Arbeitsplätzen zugrunde lag. Die Absicherung der Arbeitnehmer wurde stetig aufgeweicht, die Marktkonzentration in vielen Sektoren nahm zu, und die Regierung gab ihre frühere innovationsfördernde Haltung auf. Die Ausgaben der US-Bundesregierung für Forschung und Entwicklung lagen 2015 bei nur noch 0,7 Prozent vom BIP, gegenüber 1,9 Prozent in den 1960er-Jahren.

Fokussierung auf Automatisierung

Viele betrachten den Rückgang bei der Schaffung gut bezahlter Arbeitsplätze als zwangsläufige Folge von Fortschritten im Bereich der künstlichen Intelligenz und der Robotik. Das stimmt nicht. Man kann Technologie entweder nutzen, um Arbeitskräfte zu verdrängen oder um die Produktivität der Arbeitskräfte zu steigern. Die Wahl liegt bei uns. Doch damit die Arbeitnehmer von derartigen Entscheidungen profitieren, müssen die Regierungen den privaten Sektor von seiner singulären Fokussierung auf die Automatisierung abbringen.

In den USA könnte dies mit der Reparatur des Steuersystems anfangen, das Kapitaleinkünfte viel zu sehr begünstigt. Weil die Unternehmen ihre Steuerlast durch Einsatz von Maschinen verringern können, haben sie häufig einen Anreiz, die Automatisierung selbst dann zu forcieren, wenn angestellte Arbeitnehmer tatsächlich produktiver wären. Die Regierung muss zudem wieder dazu übergehen, technologische Innovationen zu fördern, um ein Gegengewicht zu den großen Technologieunternehmen zu bieten, deren Geschäftsmodelle auf Kosten der Schaffung von Arbeitsplätzen auf die Automatisierung ausgerichtet sind. Und natürlich ist eine Ausweitung der Bildungschancen in allen Bereichen unverzichtbar.

Steuerbasis verbreitern

Wie in der Nachkriegszeit erfordert diese institutionelle Architektur höhere Steuereinnahmen, und zwar insbesondere in den USA, wo die jährlichen Steuereinnahmen bei rund 27 Prozent des BIP liegen, was deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 34 Prozent liegt. Bei der Erhöhung dieses Wertes sollte das Gewicht nicht darauf gelegt werden, die Reichen zu bestrafen, sondern darauf, Verzerrungen wie die Begünstigung von Kapitaleinkünften zu beseitigen. Dies bedeutet, dass man die Steuerbasis verbreitern und die Steuersätze geringfügig anheben muss, um Investitions- und Innovationshemmnisse zu vermeiden.

Eine von gemeinsamem Wohlstand angetriebene Gesellschaft ist nicht außer Reichweite. Doch dorthin zu gelangen, erfordert dringende Maßnahmen zur Abstimmung der Technologie auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer, zur Verhinderung von Monopolbildung und zur Reparatur des Steuersystems, damit wir die nötigen Investitionen finanzieren können. Die Wiederherstellung der institutionellen Architektur der Nachkriegszeit ist ein Job allein für Menschen. (Daron Acemoğlu, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 30.4.2019)