Das Bildnis von Johannes dem Täufer gehörte zu Leonardo da Vincis Lieblingsbildern. Bis zu seinem Tod vor 500 Jahren weigerte er sich, es zu veräußern.

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Der "Salvator Mundi" wurde 2017 um 450 Millionen Dollar verkauft.

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Die "Mona Lisa" ist Leonardos der Besuchermagnet im Pariser Louvre.

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Bei Leonardos "Portrait eines alten Mannes" könnte es sich um ein Selbstporträt da Vincis handeln.

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Das Grab des berühmtesten Künstlers aller Zeiten kennt keinen Prunk. Nur sein Name und ein Porträtrelief erinnern an Leonardo da Vinci, der heute vor 500 Jahren gestorben ist. Die Gebeine des Italieners ruhen nicht in seiner Heimat, sondern beim Loire-Schloss Amboise. Auf Einladung von König Franz I. verlegte Leonardo seinen Alterssitz nach Frankreich. Mit im Gepäck: seine drei nie veräußerten Lieblingsbilder Mona Lisa, Anna selbdritt und Johannes der Täufer.

Nichts prädestinierte Leonardo für den Aufstieg zum Hofmaler der Könige und Päpste. 1452 als unehelicher Sohn einer Magd und eines Notars in dem Kaff Vinci geboren, genoss er keine höhere Schulbildung. Aber sein Talent fürs Zeichnen und sein scharfes Auge stachen hervor. In der Werkstatt des Florentiners Andrea del Verrocchio lernte er Technik und Aufbau von Malerei, Bildhauerei und Bronzeguss ebenso wie klassisches Gedankengut.

Renaissancefigur par excellence

In seiner Neugierde stellt Leonardo eine Renaissancefigur par excellence dar. Gäbe es nur seine Gemälde, er wäre wohl kaum so populär wie der in Anatomie, Biologie, Architektur, Mechanik, Ingenieurwesen oder Waffentechnik umtriebige Tausendsassa. Mit dem vitruvianischen Menschen schuf der homosexuelle Künstler ein Emblem für ideale Proportionen. Dennoch sah der Dienstnehmer machtgieriger Bankiers und Herzoge im Menschen nie die Krone der Schöpfung.

Dass der alte Leonardo die Menschen "Monster" schimpfen wird, möchte man angesichts des feinen Schmelzes seiner Figuren kaum glauben. Sein größter Beitrag zur Malereigeschichte liegt in der Sfumato-Technik: Um den Kompositionen die scharfen Linien zu nehmen und die Figuren weich mit dem Hintergrund zu verschmelzen, trug der Künstler unzählige Schichten verdünnter Farbe auf. Die verschleierte Atmosphäre wirkt besonders in seinem perfektesten Bild: Bei der Mona Lisa sind kaum mehr einzelne Pinselstriche auszumachen.

Nur 14 bis 17 Ölbilder

Millionen von Besuchern strömen im Pariser Louvre jedes Jahr in Richtung "Salle de la Joconde". Die Kameras gezückt, eilen sie an Leonardos La Belle Ferronière und seiner lieblichen Felsgrottenmadonna vorbei. Das malerische Werk des unsteten Dandys ist klein: Je nach Expertise gelten heute nur 14 bis 17 Ölbilder als eigenhändig gemalt. Dafür hinterließ er so viele Skizzen und Studien wie keiner seiner Zeitgenossen. Hierzulande besitzt nur die Albertina mit der Halbfigur eines Apostels so ein Blatt.

Mit fünf Gemälden und 22 Zeichnungen verfügt der Louvre über den größten Leonardo-Bestand weltweit. In seiner Jubiläumsschau ab Oktober will das Museum so viele Werke wie möglich vereinen, aber die Leihgaben haben sich zur Zitterpartie entwickelt. Als Coup sollte das 2017 um 450 Millionen Dollar verkaufte, in seiner Echtheit umstrittene Christusbild Salvator Mundi erstmals öffentlich gezeigt werden. Laut Louvre steht die Zusage des Eigentümers jedoch ebenso aus wie jene für die Entlehnungen aus Italien. Dort hat die rechte Regierung das Jubeljahr für sich reklamiert und die Leihabkommen als "schamloseste Handlung" ihrer sozialdemokratischen Vorgänger verunglimpft.

Nationalistisch vereinnahmt

Das Bild von Leonardo als uritalienischem Genie gefiel bereits Mussolini. Für eine große Ausstellung 1939 in Mailand wurden erstmals Modelle von da Vincis technischen Apparaten gebaut. Anhand seiner Maschinenträume wurde der Künstler zum Übermenschen und zum Bürgen für den überlegenen Innovationsgeist seines Volkes stilisiert. Erst die jüngere Forschung hat den Mythos von Leonardo als Erfinder von Auto bis U-Boot wieder relativiert. Fazit: tolle Ideen, aber praktisch untauglich.

Es war auch nationalistischer Stolz, der einen italienischen Handwerker 1911 zum Raub der Mona Lisa aus dem Louvre trieb. Er wollte sie "heim" nach Italien schaffen, versteckte La Gioconda aber erst einmal zwei Jahre in seinem Pariser Zimmer. Dann bot der Kunstdieb das Werk den Uffizien in Florenz an, wo bei der Übergabe die Polizei wartete. Erst nach ihrer gloriosen Rückkehr begann Mona Lisas Aufstieg zum Star.

Stoff der Populärkultur

Kein anderes Gemälde wurde so oft kopiert, reproduziert und aufs Korn genommen wie die rätselhaft lächelnde Dame. Mit Dan Browns Bestseller The Da Vinci Code wurde aber noch ein anderes Werk zum Hype der Populärkultur. Der Thriller interpretiert das Wandgemälde Das Abendmahl im Mailänder Kloster Santa Maria delle Grazie als Schlüsselwerk, in dem Leonardos Geheimwissen um die Ehe von Jesus mit Maria Magdalena zum Ausdruck kommen soll. Dan Brown erhebt Leonardo indirekt zum Feministen, und auch die Neuerscheinung Leonardo da Vinci und die Frauen von Kia Vahland betont diese Sichtweise.

In ihren Aufsätzen legt die Kunsthistorikerin dar, wie sehr der Künstler von der gängigen Porträtkunst der Renaissance abwich. Während Frauen vom Gros der Maler als schöne Objekte dargestellt wurden, fing da Vinci sie als selbstbewusste Persönlichkeiten ein. Neben seiner künstlerischen Beziehung zu Aristokratinnen wie Isabella d'Este könnten auch die anatomischen Studien zu Leonardos Wertschätzung von Weiblichkeit beigetragen haben, etwa seine beiden großartigen Zeichnungen von Föten im Mutterleib.

Klage über Menschheit

Leonardo hat sich zeitlebens mit dem flüssigen Element beschäftigt. Er betrachtete das Wasser für die Erde als Äquivalent für das Blut im Körper. Den Zeichenblock immer parat, entwarf er Konstruktionspläne für Kanäle, Studien zu Hydraulik, Strömungen und Wetterkreisläufen. In späten Sintflut-Zeichnungen tritt allerdings die apokalyptische Kraft der Natur hervor. "Oh Welt, warum öffnest du dich nicht und verschlingst die Menschen in den tiefen Spalten deiner großen Höhlen", klagte Leonardo über die destruktive Menschheit, die ein halbes Jahrtausend nach seinem Tod vor dem Abgrund Klimawandel steht. (Nicole Scheyerer, 2.5.2019)