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Das Insektensterben macht nur einen Bruchteil des globalen Artenschwunds aus.

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Abgeholztes Gebiet im Westen Brasiliens. Statt Regenwald sollen hier Sojabohnen wachsen.

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Die Autoren des Berichts weisen auch explizit auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Artensterbens für unsere eigene Spezies hin: Der Mensch gefährde sein eigenes Überleben.

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Noch sei es für Gegenmaßnahmen nicht zu spät, sagt der britische Chemiker Robert Watson, seit 2017 Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats. "Aber nur, wenn wir sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen damit beginnen."

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Paris – Die fortschreitende Umweltzerstörung durch den Menschen führt weltweit in rasendem Tempo zu einem beispiellosen Artensterben. Dafür gebe es inzwischen überwältigende Beweise, die ein unheilvolles Bild zeichneten, warnt der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrats (IPBES), Robert Watson. Am Montag wurde ein Bericht der UN-Organisation zum globalen Artenschutz veröffentlicht.

"Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität", so Watson. Die Weltgemeinschaft müsse sich dringend abwenden von wirtschaftlichem Wachstum als zentralem Ziel, hin zu nachhaltigeren Systemen.

Erster globaler Bericht

In ihrem ersten globalen Report zum Zustand der Artenvielfalt reiht die UN-Organisation beängstigende Fakten aneinander: Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht, viele könnten bereits "in den kommenden Jahrzehnten" verschwinden. Die Wissenschafter fordern "tiefgreifende Änderungen" vor allem in der Landwirtschaft.

Der 1.800 Seiten starke Bericht fasst drei Jahre intensiver Studien zusammen, wertet 15.000 wissenschaftliche Arbeiten und andere verlässliche Quellen aus und bilanziert die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Klar ist demnach, dass heute schon rund um den Globus etwa 20 Prozent weniger Spezies existieren als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so eine der Kernaussagen des Berichts. Mehr als 40 Prozent der Amphibienarten, fast 33 Prozent der riffbildenden Korallen und mehr als ein Drittel aller marinen Säugetierspezies sind demnach bedroht. Auch bei Nutztieren schwinde die Vielfalt: Mehr als neun Prozent der für die Viehwirtschaft domestizierten Säugetierrassen seien bis 2016 verschwunden.

Hauptfaktor Mensch

Verantwortlich dafür ist eindeutig der Mensch: Drei Viertel der Landfläche und zwei Drittel der Meere sind entscheidend durch den menschlichen Einfluss verändert worden. Hinzu kommen 70 Prozent mehr invasive Arten in allen Weltregionen, deren Zuwanderung ebenfalls durch den Menschen ermöglicht wurde. Das Ausmaß des Artensterbens sei in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß gewesen wie heute – und die Aussterberate nehme weiter zu.

Gesellschaftliche Folgen

Immer wieder verdeutlichen die Autoren, dass der Verlust an Biodiversität kein reines Umweltthema ist, sondern auch Entwicklung, Wirtschaft, politische Stabilität und soziale Aspekte wie Flüchtlingsströme beeinflusst. Gravierende Folgen für Menschen weltweit seien inzwischen wahrscheinlich, warnen sie. Noch sei es aber nicht zu spät für Gegenmaßnahmen, sagt Watson, "aber nur, wenn wir sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen damit beginnen". Es bedürfe fundamentaler Veränderungen bei Technologien, Wirtschaft und Gesellschaft, Paradigmen, Ziele und Werte eingeschlossen.

"Die Biodiversität und die Naturgaben für den Menschen sind unser gemeinsames Erbe und das wichtigste Sicherheitsnetz für das Überleben der Menschheit", erklärt Sandra Díaz von der Nationalen Universität Cordoba, eine der Hauptautorinnen des Berichts. Dieses Netz sei jedoch inzwischen fast bis zum Zerreißen belastet.

Umdenken gefordert

"Der Weltbiodiversitätsrat IPBES wird durch 132 Mitgliedsstaaten getragen, mit deren Vertretern das Global Assessment abgestimmt ist. Die Autoren erhoffen sich, dass sich die Mitgliedsstaaten an den Bericht gebunden fühlen und ihn nutzen, um zukünftig gesellschaftlichem Leben und Wirtschaften Gestaltungsräume zu eröffnen, die tatsächlich nachhaltig sind", sagt Koautor Jens Jetzkowitz vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin.

Die dramatischen Befunde zum Zustand von biologischer Vielfalt, aber auch das gesammelte Wissen über alternative, nachhaltige Entwicklungspfade sollten einen Endpunkt und einen Startpunkt bilden, so Jetzkowitz: "Einen Endpunkt für die ahnungslose oder wissentlich in Kauf genommene Zerstörung von biologischer Vielfalt. Und einen Startpunkt für tiefgreifende Umgestaltungen unserer gesellschaftlichen Entwicklungspfade."

Informationsdefizit

Eine aktuelle Eurobarometer-Umfrage zum Thema bringt indes Informationsdefizite in der Bevölkerung ans Licht: Demnach wissen nur vier von zehn Europäern, was Biodiversität bedeutet. Befragt wurden 27.643 Personen aus allen 28 EU-Mitgliedsstaaten. Zwar gaben 71 Prozent an, schon einmal von Biodiversität gehört zu haben, aber nur 41 Prozent wussten auch, was der Begriff bedeutet. Nichtsdestotrotz hat sich der Wert seit einer vergleichbaren Studie aus 2015 bereits um elf Prozentpunkte gesteigert. Österreich liegt mit 41 Prozent exakt im EU-Schnitt. (red, APA, 6.5.2019)