AGU

1866 stieß der englische Geograph Alexander Findlay östlich der somalischen Küste auf ein Phänomen, das heute auf ozeanographischen Karten als "Great Whirl" verzeichnet ist. Jedes Jahr bildet sich dort ein gigantischer Meereswirbel, der die Wassermassen auf einer Fläche von 275.000 Quadratkilometern – etwa so viel wie Österreich, Tschechien, Bayern und die Schweiz zusammengenommen – im Uhrzeigersinn kreisen lässt.

US-amerikanische Wissenschafter haben diesen Wirbel nun genauer untersucht und dabei auf Satellitendaten gesetzt: Unter anderem, weil das Phänomen wegen seiner Größe aus der Nähe schwer abzugrenzen ist – aber auch, weil es die grassierende Piraterie in somalischen Gewässern Forschern praktisch unmögliche mache, Messinstrumente vor Ort zu platzieren, wie das Team um den Ozeanographen Bryce Melzer vom Stennis Space Center in Mississippi berichtet.

Hoch und in die Tiefe

Die Satellitendaten umfassten den Zeitraum von 1993 bis 2015 und ermöglichten es, wenigstens etwas System in das wechselhafte Phänomen zu bringen. Es beginnt sich im April zu bilden, wenn die vorherrschende Windrichtung im Indischen Ozean von West auf Ost umschwenkt. Seine größte Ausdehnung erreicht es in der Zeit von Juni bis September, der Great Whirl kann dann einen Durchmesser von 500 Kilometern annehmen.

Die kreisenden Meeresströmungen reichen hunderte Meter in die Tiefe – an manchen Stellen sogar mehr als einen Kilometer, wie die Forscher im Fachjournal "Geophysical Research Letters" berichten. Auf der anderen Seite wölben sich die Wassermassen im Zentrum nach oben: Der Wirbel kreist um einen "Hügel aus Wasser", der sich über den durchschnittlichen Meeresspiegel erhebt.

Die Daten zeigten auch, dass das Phänomen länger bestehen bleibt als gedacht. Zwischen 140 und 166 Tage kreist das Wasser, hatte man bislang veranschlagt. Melzers Team kam hingegen zum Schluss, dass der Great Whirl im Schnitt knapp 200 Tage lang besteht, wenn auch in abgeschwächter Form. In einigen Jahren war er sogar besonders hartnäckig: 1997 hielt er sich 256 Tage lang.

Zusammenhang mit dem Monsun

Die Wissenschafter haben sich dem Riesen-Wirbel nicht zuletzt deshalb so ausführlich gewidmet, weil seine Entstehungsbedingungen eng mit einem anderen Phänomen verknüpft sind, das von immenser wirtschaftlicher Bedeutung ist: dem Monsun, der alljährlich die Niederschläge und damit letztlich auch die Ernteerträge in Südasien bestimmt. Der Monsun ist aber berüchtigt dafür, dass sich seine Niederschlagsmengen nur schwer vorhersagen lassen.

Aus der Beobachtung des ebenfalls von Jahr zu Jahr schwankenden Great Whirl hoffen die Forscher neue Prognosemöglichkeiten dafür abzuleiten, was die Landwirtschaft vor allem Indiens im jeweiligen Jahr zu erwarten hat. Bislang konnten sie aber noch kein Muster erkennen. (red, 11. 5. 2019)