Seit 2006 sperrten 10.000 Geschäfte in Österreich zu. Harten Gegenwind erlebt vor allem der Textilhandel.

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Wien – Österreichs Handel sucht nach Rezepten, um angesichts der wachsenden Dominanz der Onlineriesen nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten. Dabei entzünden sich zusehends harte Konflikte rund um das Korsett der Öffnungszeiten. Die Argumente des Arbeitnehmerschutzes würden hierzulande lediglich für den Handel herangezogen – während in der Industrie rund um die Uhr gearbeitet werden dürfe und die Internetkonzerne sämtliche Sperrzeiten durchbrechen, gibt Marktforscher Andreas Kreutzer zu bedenken. "Auch der Voest wird nicht vorgegeben, wann sie ihre Hochöfen abschalten muss."

Kreutzer empfiehlt dem Gesetzgeber, sich auch in den Einzelhandel nicht zu sehr einzumischen. Zum einen sei die Frauenerwerbsquote mittlerweile hoch, zum anderen hätten sich die Konsumgewohnheiten geändert. Die restriktive Ladenöffnung sei jedenfalls ein wesentlicher Treiber des Internetgeschäfts, ist er überzeugt. Wäre diese nur einen Tick liberaler, erweise man dem stationären Handel einen guten Dienst.

Reform der Zuschläge

Auch Rainer Will, Chef des Handelsverbands, schlägt in diese Kerbe. Wenngleich höhere Flexibilität, wie er betont, mit einer Reform des Zuschlagssystems einhergehen müsse, sonst sei dies nicht finanzierbar. "Aber hier geht seit Jahren nichts substanziell weiter, auch wenn den Mitarbeitern nichts genommen werden soll." Grundsätzlich frage er sich, warum kleine Händler ohne Angestellte vor allem an Sonntagen nicht aufsperren dürfen, obwohl vielen von ihnen das Wasser bis zum Hals stehe. "Es braucht liberalere Zugänge."

Für den Gewerkschafter Karl Dürtscher vergleicht Kreutzer freilich Äpfel mit Birnen: Einen Hochofen, der schon allein aus technischen Gründen nicht einfach ein- und ausgeschaltet werden könne, mit Verkaufsgeschäften gleichzusetzen sei unzulässig. Ganz abgesehen davon, dass in der Industrie Löhne vorherrschten, von denen Handelsmitarbeiter nur träumen könnten. Der Handelsverband wolle längere Öffnungszeiten zum Nulltarif, ärgert sich Dürtscher. "Aber unattraktive Arbeitszeiten sind höher abzugelten. Das ist auch in der Industrie so."

Im Übrigen betreibe der Großteil der Unternehmen mittlerweile eigene Onlineshops. Sie hätten es also in Hand, 24 Stunden am Tag zu verkaufen. Die Konsumausgaben würden in Summe nicht steigen. Längere Öffnungszeiten verursachen aus seiner Sicht also in erster Linie höhere Kosten.

Effekte der Steuerreform verpuffen

Kreutzer Fischer & Partner zufolge beliefen sich die privaten Ausgaben der Österreicher im Vorjahr auf knapp 188 Milliarden Euro. 62 Milliarden Euro davon flossen in den Einzelhandel – inflationsbereinigt ein Plus von einem Prozent. Von ungetrübter Kauflust sei trotz robuster Wirtschaft keine Rede. Seit die Effekte der Steuerreform verpufft seien, bewege sich die Nachfrage seitwärts, resümiert Kreutzer. "Ungebremst wächst primär der E-Commerce."

Norbert Scheele, Vizepräsident des Handelsverbands, zählt seit 2006 rund 10.000 stationäre Geschäfte weniger – das sei jeder fünfte Standort. Er rechnet in den nächsten fünf Jahren mit einem weiteren Rückgang der Verkaufsfläche um geschätzt sieben Prozent. Dass die geplante steuerliche Entlastung der geringen Einkommen stationären Händlern in den kommenden Jahren zugutekommt, bezweifelt Kreutzer. Die Erfahrung zeige, dass davon vielmehr Dienstleistungen, etwa rund um den Tourismus und die Gastronomie, profitierten.

16 Prozent mehr Pakete

Sein Branchenradar macht für 2018 einen Onlinezuwachs von mehr als elf Prozent aus. Quer über alle Handelssparten habe der Distanzhandel seinen Marktanteil seit 2015 um 40 Prozent auf 8,8 Prozent ausgebaut. Das Volumen an Paketen, die an private Haushalte gehen, nahm allein im Vorjahr um 16 Prozent zu. Und diese seien nach wie vor positiv codiert, betont der Experte: Mit einem Packerl beschenkten sich die Leute quasi selbst.

Bei Bekleidung und Elektronik deckten die Österreicher bereits ein Fünftel ihres Bedarfs online. Bei Büchern liege der Anteil des Webkaufs bei 29 Prozent. Mit 1,7 Prozent kaum relevant sei dieser nach wie vor bei Lebensmitteln – obwohl einzelne Supermärkte dafür viel Geld in die Hand nehmen. Mehr als die Hälfte des Lebensmittelgeschäfts laufe über sensible frische Produkte, erläutert Kreutzer. "Einmal schimmlige Erdbeeren liefern – und das war's dann." Nicht wirklich angekommen sei der E-Commerce auch bei Baustoffen, Putzmitteln, Pflanzen und Handfeuerwaffen.

Flugreisen hingegen werden mittlerweile laut Kreutzer zu zwei Dritteln online gebucht. Auch mehr als ein Fünftel der Eintrittsgelder bezahlen die Österreicher übers Internet. Es sei beim E-Commerce wie bei der Globalisierung und dem Klimawandel: "Es hat wenig Sinn, sich dagegenzustellen. Der Handel muss lernen, damit umzugehen." (Verena Kainrath, 8.5.2019)