Sehen Sie im Video-Gespräch: Soziologe Güngör erklärt, welche Strategien gegen Mobbing in der Klasse helfen. HTL-Direktorin Mikovits beschreibt, wie sie mit Problemfällen umgeht.
DER STANDARD

Die gewalttätigen Vorfälle an einer Wiener HTL werden nun auch politische Konsequenzen haben. Das Bildungsministerium unter Heinz Faßmann (ÖVP) will für den Fall, dass Lehrer die Kontrolle über Schüler verlieren und es zu gewalttätigen Zwischenfällen kommt, eigene Time-out-Klassen einrichten. Diese sollen gewalttätige Jugendliche so lange besuchen müssen, bis sich ihr Verhalten bessert. Nicht nur Gewalt, auch andere Verhaltensauffälligkeiten wie ständiges Stören könnten ein Grund für die Entsendung in so eine Klasse sein, wo vor allem soziale Kompetenzen vermittelt werden sollen.

Doch was halten Experten von dem Vorschlag? Der Plan des Bildungsministeriums war auch Thema in einer Videodiskussion des STANDARD, bei der unsere Userinnen und User regelmäßig die Gelegenheit haben, Fragen an Politiker und Experten zu stellen.

Der Soziologe Kenan Güngör, der aktuell ein Anti-Mobbing-Pilotprojekt im Auftrag der Stadt Wien durchführt, sprach sich deutlich gegen Time-out-Klassen aus. "Solche Klassen werden dazu führen, dass in den Schulen sehr schnell und bequem gesagt werden wird: Diese Schüler wollen wir nicht und sie wegschickt". Schüler gleich in separate Klassen zu schicken, sobald erste Probleme auftreten, sei der falsche Ansatz.

Spürbare Strafen für wirkliche Vergehen

Stattdessen müsste im Klassenverband gearbeitet werden, damit auch aggressive Schüler Empathiefähigkeit erlernen. Güngör machte dazu auch konkrete Vorschläge. Helfen würden etwa Rollenspiele, in denen Schüler problematische Situationen, etwa Mobbing, aus verschiedenen Perspektiven erleben können. Besonders wichtig wäre aber auch, schwierigen Schülern selbst Empathie entgegenzubringen, ihnen zu zeigen, "sie werden auch mal gehört", denn das sei die Voraussetzung, damit sie selbst Anteilnahme empfinden können.

Die Diskussion um Time-Out-Klassen sieht Soziologe Güngor kritisch.
STANDARD/Fischer

Allerdings: Diese Interventionen hält Güngör nur dann für sinnvoll, wenn eine gewisse Schwelle von gewalttätigem Verhalten nicht überschritten ist. Bei wirklich schweren Fällen sieht er in Time-out-Klassen auch keinen Mehrwert, denn dann bräuchte es harte Konsequenzen. Im Fall der Schüler der HTL-Ottakring, die einen Lehrer wiederholt attackiert haben, plädiert Güngör für einen Ausschluss aus der Schule. Aus dem Strafvollzug für Jugendliche sei bekannt, dass unmittelbar gesetzte Konsequenzen die deutlichste Wirkung entfalten. Und: Die Jugendlichen könnten von so klaren Maßnahme auch profitieren, wenn mit der Zeit Umdenken erfolgt.

Erste Details aus dem Bildungsministerium

Strikt spricht sich Güngör dagegen aus, Kinder in Time-out-Klassen zu schicken, etwa an Neuen Mittelschulen. Hier könnte noch mit frühen Interventionen in der Klasse viel eher geholfen werden. Martin Netzer, Generalsekretär im Bildungsministerium, sprach im Ö1-"Morgenjournal" davon, dass die separaten Klassen ab der Sekundarstufe eins, also ab zehn Jahren, kommen sollen.

Auf dem Programm von Time-out-Klassen soll nicht nur Regelunterricht, sondern auch das gewaltfreie Lösen von Konflikten stehen, präzisierte Netzer weiter. Am konkreten Modell der Klassen werde derzeit gearbeitet. Ziel sei es, Schüler so rasch wie möglich in Regelklassen zurückzuschicken. In der Schweiz gibt es Time-out-Klassen für drei Monate.

Mit im STANDARD-Studio war die Wiener HTL-Direktorin Martina Mikovits. Sie sagt zu den Time-out-Klassen: "Diese Maßnahme erscheint mir nicht als geeignete Lösung. Wer soll da überhaupt unterreichten, Sozialarbeiter, Psychologen – oder Lehrer?", so Mikovits.

Netzer vom Bildungsministerium sprach in Ö1 von "qualifizierten Pädagogen".

Direktorin Mikovits plädiert für frühe Interventionen mithilfe von Schulpsychologen und des Lehrerteams, wenn sich Probleme andeuten.

Klare Vorgaben

Was, wenn es zu aggressivem Verhalten kommt? Wie geht sie damit an ihrer HTL um? Die Schüler müssten immer wissen, welche Konsequenzen für welches Verhalten drohen, so Mikovits. Etabliert habe sich an ihrer HTL, Vereinbarungen mit Schülern zu unterschreiben: Darin verpflichten sich die Jugendlichen, problematisches Verhalten zu unterlassen. Wiederholen sich Gewalttätigen dennoch, ende das damit, dass die Schüler ersucht werden, den Vertrag mit der Schule aufzulösen. Wie oft es dazu in den vergangenen Jahren in ihrer HTL gekommen ist? Die Antwort gibt Direktorin Mikovits in der STANDARD-Diskussion. (András Szigetvari, 8.5.2019)