Liverpool.
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Liverpool – Liverpool, kurz nach 22.30 Uhr: Die Zuschauer an der Anfield Road sind auf Zehenspitzen. Es steht 3:0, der FC Liverpool hat die herbe Niederlage im Halbfinalhinspiel gegen den FC Barcelona bereits wettgemacht. Die Gäste aus Barcelona hängen nach drei Gegentreffern in den Seilen. Schon das dritte Tor war ein Magenstrudel. Das Team um Superstar Lionel Messi, der noch im Hinspiel mit zwei Treffern den Unterschied ausgemacht hat, versucht die Spannung zu halten. Das ist anstrengend. Es ist jetzt schon ein Thriller. 3:0 bedeutet Verlängerung, jedes Tor von Barcelona würde Liverpool noch mehr in die Bring-, also Torschuld schieben. Ein viertes Tor für die Reds würde das Märchen wohl perfekt machen. Für beide Teams geht alles – und auch nichts. "From hero to zero" und umgekehrt.

78. Minute: kurze Entspannung, kurzes Durchatmen. Eckball für Liverpool. Der große FC Barcelona lässt kurz locker, sortiert sich. Die Zuteilung beim Eckball der gegnerischen Mannschaft ist einstudiert, daily business für den Fußballer von Format. Man kennt seinen Gegenspieler, man kennt die Varianten, man kennt die Laufwege und was jetzt zu tun ist. Wenn der Ball getreten wird, muss man da sein, ohne Wenn und Aber. Keine Ausreden. Dafür wird man bezahlt, das hat man gelernt.

Die Entspannung und der Coup

Ausführen wird der junge Rechtsverteidiger Trent Alexander-Arnold, der schon zuvor die Partie seines Lebens gespielt hat. Barcelona wartet gespannt, auf Zehenspitzen: Kommt der Corner kurz oder lang? Scharf, hoch oder beides? In die Mitte oder an die Strafraumgrenze? Weder noch: Alexander-Arnold dreht ab, es wirkt, als ob doch nicht er den Corner schießen wird. Der 20-Jährige macht ein, zwei lockere Schritte auf den Platz. Teamkollege Shaqiri dürfte übernehmen, er trabt Richtung Eckfahne. Der FC Barcelona kann wieder kurz durchatmen, sich neu oder besser sortieren, vielleicht auf die Uhr schauen oder an die Chance von Ousmane Dembélé in der Nachspielzeit vom Hinspiel denken.

Dann der Coup: Alexander-Arnold sieht die Nachlässigkeit bei den Gästen, dreht um und schnalzt die Ecke blitzschnell zu seinem Mitspieler Divock Origi. Barcelona steht, Barcelona schnauft, Barcelona träumt. Goalie Marc-André ter Stegen klatscht noch motivierend. Origi nimmt den Ball direkt, es steht 4:0. Niemand, außer Alexander-Arnold und Origi, wusste, was gerade passiert war. Ein Tor zwischen Dreistigkeit und Genialität, das wohl auch bei Liefering vs. Amstetten für Aufsehen gesorgt hätte. Nur, das war eben die Champions League, die Speerspitze des Fußballsports. Eine Sternstunde im Blitzlichtgewitter der Königsklasse. "Wow. Ich sah den Ball im Netz und hatte keine Ahnung, wer den Eckball und wer das Tor geschossen hatte. Genial", sagte Liverpool-Coach Jürgen Klopp nach dem Spiel. Einstudiert war das also wohl nicht: "Ich sah einfach die Möglichkeit und habe aus dem Bauch heraus entschieden", erinnert sich Alexander-Arnold.

"Fehler"

Bei Barcelona herrschte freilich Trauer. "Eine katastrophale Nacht", stammelte Präsident Josep Bartomeu. "Es gibt keine Entschuldigung", sagte Trainer Ernesto Valverde, der bei den Katalanen nun um seinen Job fürchten muss: "Wenn man einen solchen Zusammenbruch erlebt, hat man ein paar schreckliche Tage vor sich."

An Gegentoren "trifft immer jemand die Schuld. Wenn man ein Tor betrachtet, wird man feststellen, dass da ein Fehler vorliegt", sagte Valverde hinterher. "Sie haben uns mit dem vierten Tor überrascht. Liverpool hat Köpfchen bewiesen." Für die Katalanen ist diese so unerwartete Niederlage "schwer zu verdauen. Sie waren einfach besser als wir", sagte Sergio Busquets. "Von Anfang an waren sie da."

Finale

Liverpool steht jedenfalls wie im Vorjahr im Finale der Champions League. Dort mussten sich die Engländer recht deutlich mit 1:3 geschlagen geben. Daran denkt niemand mehr. Das Hier und Jetzt, die Renaissance gegen Barcelona, eines der besten Teams der Welt, hat alles überschrieben. Man nennt das euphorisch. "Es war eine außergewöhnliche Nacht. Das haut dich um", sagte Klopp. "Es ist einfach unglaublich, diese Saison, diese Spiele, diese Verletzungen, die wir hatten. Was sie heute geleistet haben, war wirklich ganz besonders. Ich werde das niemals vergessen."

"Wow"
Foto: REUTERS/PHIL NOBLE

Der 51-jährige Deutsche steht zum dritten Mal in seiner Karriere im Endspiel der Königsklasse. Dort trifft Liverpool auf Tottenham Hotspur. Die Londoner haben nach einem 0:1 im Hinspiel das Rückspiel gegen Ajax in Amsterdam mit 3:2 gewonnen und so das Finalticket gelöst. (Andreas Hagenauer, 8.5.2019)