Best Buddies: der Kronprinz, der Fifa-Chef und der russische Präsident beim WM-Eröffnungsspiel 2018.

Foto: Imago / ITAR-TASS / Alexei Druzhinin

Sportswashing lautet der Fachbegriff, also Imagepolitur durch große Sportevents.

Illustration: Fatih Aydogdu

Können wir bitte kurz an Oberösterreich denken? An seine Ausdehnung? Knapp 12.000 Quadratkilometer. Auf diesem Raum soll 2022 die Fußball-WM stattfinden. Aber nicht in Oberösterreich, das wäre ja noch schöner, sondern in Katar. Katar (11.571 Quadratkilometer) ist sogar kleiner als Oberösterreich (11.982 Quadratkilometer). Dafür ist Oberösterreich, mit Verlaub, nicht ganz so superreich. Auch deshalb hat der Weltverband, die Fifa, die WM an das Emirat am Persischen Golf vergeben.

Katar wollte zunächst zwölf WM-Stadien aufbieten, nach internationaler Kritik – Tenor: zwölf Stadien in einem so kleinen Land, geht's noch? – stimmte die Fifa einem neuen Plan mit acht Stadien zu. Zwei davon wurden vor Jahren errichtet (Eröffnung 1976 bzw. 2003), sechs werden eigens für die WM gebaut. Acht Fußballstadien – eines fasst knapp 90.000, eines 60.000, sechs fassen je 40.000 Zuseher – in einem Land so groß wie Oberösterreich. Absurd? Abwarten, das ist längst nicht alles.

In Katar werden auf Teufel komm raus Stadien aus dem Boden gestampft.
Foto: APA/AFP/KARIM JAAFAR

Vor kurzem wurde bekannt, dass der sogenannte Fifa-Rat die erst für 2026 geplante Aufstockung des WM-Teilnehmerfelds von 32 auf 48 Teams um vier Jahre vorziehen will und einen Co-Ausrichter für Katar sucht. Der Oman und Kuwait waren die ersten Ansprechpartner, aber nicht zu begeistern. Bleibt also welches Land? Genau, Saudi-Arabien! Just einer der Erzfeinde Katars. Doch wenn es nach Fifa-Präsident Gianni Infantino geht, könnten Anfang Juni die Weichen gestellt werden, da steigt in Paris der nächste Verbandskongress.

Advent, Advent

Die Endrunde 2022 war 2010, also unter Infantinos Vorgänger Joseph S. Blatter, an Katar vergeben worden. Nur fünf Jahre später kam man drauf, dass dort zum traditionell sommerlichen WM-Termin traditionell unerträgliche Hitze herrscht. Also wurde das Turnier in den Spätherbst verlegt.

Es soll von 21. November bis 18. Dezember laufen, das wird für Fans in vielen Ländern ein völlig neues Erlebnis. Public Viewing am Punschstand. Advent, Advent, die Endrunde rennt. Geplant sind, so nicht aufgestockt wird, 64 Spiele in 28 Tagen, das wäre die kürzeste Endrunde seit 1978 (25 Tage, 16 Teilnehmer, 38 Spiele).

Der Fifa-Rat hat im Februar 2016 das Exekutivkomitee ersetzt. Dieses war zuvor oft genug in (negative) Schlagzeilen geraten, acht der 25 Mitglieder traten im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen zurück. Die Nummer neun war Blatter, der 2015 abgesetzt und später sechs Jahre gesperrt wurde. Nachfolger Infantino, ebenfalls Schweizer, will sich lieber schon 2022 denn erst mit der Endrunde 2026 (USA, Mexiko, Kanada) ein Denkmal setzen.

Schon länger trägt sich Infantino mit dem Gedanken, neue Formate einzuführen (Klub-WM, Weltliga) und Rechte an eine Investorengruppe mit saudischer Beteiligung zu verkaufen. Wie aus Dokumenten hervorgeht, die der Süddeutschen Zeitung und dem WDR vorliegen, würde der Deal, bei dem es um 25 Mrd. US-Dollar für zwölf Jahre gehen soll, freilich sehr wohl auch WM-Rechte beinhalten.

"Verliebt in die Saudis"

Ex-Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni, nun wieder Journalist, schreibt im Schweizer Tages-Anzeiger, Infantino sei "verliebt in die Saudis". Die Fifa habe zugesehen, wie der saudische TV-Sender mit dem provokanten Namen beoutQ (Bleib draußen, Katar) dem katarischen Sender BeIn (Sei dabei) das Satellitensignal gestohlen und WM-Spiele 2018 gezeigt habe, ohne zu bezahlen. Laut Tognoni hätte die Fifa Saudi-Arabien den Ausschluss androhen müssen. Doch: "Faszination und Einfluss des saudischen Geldes sind wichtiger."

Der britische Buchautor und Financial Times-Journalist Simon Kuper ist Insider und Auskenner in Sachen Fifa. Er zitierte eine Fifa-Machbarkeitsstudie: "Eine Beteiligung Saudi-Arabiens an der WM würde eine Aufhebung der Blockade Katars bedingen." Unter anderem die Saudis isolieren Katar, dem sie vorwerfen, die Muslimbruderschaft und andere radikale Gruppen zu unterstützen.

Mag sein, dass Katar einer saudischen WM-Beteiligung zustimmen würde, wenn die Blockade fällt. Dem Vernehmen nach hat die Fifa bereits Menschenrechtsorganisationen kontaktiert, um für Saudi-Arabien zu lobbyieren. Schon kursiert das Gerücht, dass die Fifa, weil ja ach so friedensstiftend in der Golfregion, gegebenenfalls um den Friedensnobelpreis vorstellig werden könnte.

Der Modernisierer und der Mord

Im Vorjahr traf es sich, dass Saudi-Arabien zur WM-Eröffnung gegen Gastgeber Russland spielte. Auf der Tribüne saß Infantino zwischen Wladimir Putin und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, man unterhielt sich prächtig. Immerhin, zu diesem Zeitpunkt war Jamal Khashoggi noch am Leben.

Der Journalist Jamal Khashoggi wurde ermordet.
Foto: REUTERS/Osman Orsal

Am 2. Oktober 2018 war Khashoggi tot. Kurz darauf gab Saudi-Arabien die Tötung des Journalisten zu. Der Kronprinz will natürlich nichts gewusst und niemanden beauftragt haben, obwohl etliche seiner Leibwächter als Mitglieder des Khashoggi-Killing-Teams identifiziert wurden.

MbS gilt als vorsichtiger Modernisierer. Doch seit dem Khashoggi-Mord ist sein Image angekratzt. Da kann der Sport helfen. Sportswashing lautet der Fachbegriff, also Imagepolitur durch große Sportevents.

Saudi-Arabien hat in Demokratie-, Menschenrechte- und Pressefreiheitsrankings einen der letzten Plätze gepachtet? Liegt in Statistiken zu Hinrichtungen ganz vorn? Treibt mit dem Krieg die humanitäre Katastrophe im Jemen voran? Bringt Journalisten um? Höchste Zeit für Sportswashing! Höchste Zeit für die Fußball-WM! (Fritz Neumann, 12.5.2019)