Matteo Salvini und Silvio Berlusconi: ein ungleiches Paar mit gemeinsamem Zug zur Macht.

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Umstrittenes Facebook-Posting Salvinis: "Die Europawahlen kommen näher. Sie werden sich alles Mögliche einfallen lassen, um den Capitano zu stoppen und ihn mit Dreck zu bewerfen. Aber wir sind bewaffnet und haben Helme auf!"

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Extra für seine Fans ließ sich Matteo Salvini etwas ganz Besonderes einfallen: Er posierte mit einer Maschinenpistole für ein Facebook-Foto. Und ein vom Staat bezahlter Kommunikationsberater des italienischen Vizepremiers und Innenministers schrieb darunter: "Die Europawahlen kommen näher. Sie werden sich alles Mögliche einfallen lassen, um den Capitano zu stoppen und ihn mit Dreck zu bewerfen. Aber wir sind bewaffnet und haben Helme auf!" Es fehlte nur noch die Aufforderung, sich auf einen Bürgerkrieg einzustellen.

Mit "sie" sind "die da oben" gemeint: die Eliten, die Abgehobenen, die Kaviar-Linken, die Gutmenschen, die Fake-News-Medien. Salvinis Feindbilder sind identisch mit jenen anderer Rechtspopulisten und Rechtsextremisten Europas. Auch die Sündenböcke sind die gleichen: die Migranten, die Brüsseler Bürokraten, die Hochfinanz, die Ratingagenturen. Salvini biedert sich ungeniert bei den Neofaschisten an und verbrüdert sich öffentlich mit vorbestraften Hooligans der rechtsextremen Fankurve des Fußballklubs AC Milan.

Hemdsärmeliger Volkstribun

Dabei gibt sich "Matteo" stets volksnah und hemdsärmelig: Er postet Selfies, mal ein Nutellabrot zum Frühstück, mal Spaghetti zum Abendessen. "Mein Erfolgsgeheimnis ist die Normalität", sagte er einmal.

Er stehe für "gesunden Menschenverstand": Mit der Blockade der Häfen wolle er bloß "etwas Ordnung bei der Einwanderung schaffen". Unter gesunden Menschenverstand fällt auch ein neues Gesetz, das es den Bürgern und Geschäftsinhabern von jetzt an erlaubt, Einbrecher und Räuber straflos zu erschießen, notfalls auch von hinten. "Dann wählen die Gauner in ihrem nächsten Leben vielleicht einen ehrlichen Beruf", sagt der 46-Jährige hämisch.

In Berlusconis Fußstapfen

Der Populist Salvini ist in die Fußstapfen eines anderen Rechtspopulisten aus Mailand getreten, der Italien und den Rest der Welt fast zwei Jahrzehnte lang mit seinen Eskapaden, Strafprozessen und Sexaffären in Atem gehalten hatte: Silvio Berlusconi. Der heute 82-jährige TV-Tycoon redete, wie heute Salvini, den Leuten nach dem Mund, und wie der Lega-Chef versprach er völlig unrealistische Steuergeschenke.

Und weil auch Berlusconi rechte Koalitionspartner benötigte, polterte auch er gelegentlich gegen Migranten und nannte Mussolini einen "gutmütigen Diktator, der seine Gegner ins Exil, in die Ferien geschickt" habe.

Doch Salvinis Aggressivität fehlte Berlusconi stets. Der Unternehmer spielte sich zwar als Bollwerk gegen die "Kommunisten" auf, aber in Wahrheit hat er nie eine politische Agenda verfolgt. Berlusconi war im Grunde unpolitisch, sein Programm hieß: Silvio Berlusconi. Letztlich wollte er von allen gemocht, ja sogar geliebt werden. Ganz im Unterschied zu Salvini, der das Land bewusst spaltet. Die wichtigste Wählergruppe des Cavaliere waren die Hausfrauen – Salvinis Wähler dagegen sind die Wutbürger und Globalisierungsverlierer, deren Ressentiments mit Hassbotschaften geschürt werden müssen.

Persönliche Motive ohne Ideologie

Berlusconis Motivation, in die Politik einzusteigen, war eine persönliche gewesen: Der in mehreren Prozessen angeklagte Medienunternehmer musste Premier werden, um mit maßgeschneiderten Gesetzen seine Haut retten zu können. "Wäre Silvio nicht in die Politik gegangen, würden wir heute unter einer Brücke leben", hatte sein engster Vertrauter, Fedele Confalonieri, einmal gesagt. Berlusconi war schrill und hat Italien großen Schaden zugefügt. Aber trotz seiner Skandale und seiner verhängnisvollen Vorliebe für sexistische Witze hat sich der Cavaliere immer einen kleinen Rest staatsmännischen Auftretens bewahrt. "Im Vergleich zu Salvini erscheint Berlusconi heute wie Adenauer oder de Gaulle", schrieb unlängst die linksliberale "La Repubblica" – ein bisschen – ironisch.

Es verwundert kaum, dass sich die beiden Mailänder Populisten nicht besonders mögen: Berlusconi ist für Salvini Teil des verhassten Establishments, das Italien zugrunde gerichtet habe; während der Milliardär im 36 Jahre jüngeren Lega-Chef einen typischen Vertreter der von ihm immer verachteten Berufspolitiker erkennt, "der noch nie einer richtigen Arbeit nachgegangen ist".

Interessenpolitik

Aber in der Politik muss man sich nicht mögen, es reicht, wenn man sich gegenseitig nützt. Und so ist es gut möglich, dass die ungleichen Volkstribune schon bald gemeinsam Italien regieren werden: Salvini will unbedingt Regierungschef werden, und Berlusconi könnte dabei als sein Steigbügelhalter dienen. Falls die Lega bei den Europawahlen Ende dieses Monats erwartungsgemäß massiv zulegen wird und ihr Koalitionspartner, die Fünf-Sterne-Protestbewegung, ein Debakel erleidet, könnte Salvini versucht sein, den "Stecker zu ziehen". Bei Neuwahlen würde die Lega mit hoher Wahrscheinlichkeit zur stärksten Partei werden und könnte zusammen mit Berlusconis Forza Italia und den postfaschistischen Fratelli d'Italia von Giorgia Meloni eine neue Rechtsregierung bilden.

Auch Berlusconi – nach seiner Verurteilung als Steuerbetrüger mit einem langjährigen Ämterverbot gedemütigt und inzwischen wieder rehabilitiert – hegt immer noch einen alten Traum: Er möchte Staatspräsident werden. Bei der Wahl eines Nachfolgers von Amtsinhaber Sergio Mattarella im Februar 2022, so munkelt man in Rom, könnte sich Salvini, mit der Hilfe Berlusconis Regierungschef geworden, beim Cavaliere erkenntlich zeigen. Salvini als Premier und Berlusconi als Staatspräsident: eine bizarre, aber gar nicht so unwahrscheinliche Perspektive für Italien. (Dominik Straub, 14.5.2019)