"Cambridge hat mich zu dem gemacht, was ich bin, nicht Wien." Max Perutz im Jahr 1962 mit dem Strukturmodell von Hämoglobin, für dessen Entschlüsselung er im selben Jahr den Chemienobelpreis erhielt.

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Anfang Mai 1965 fanden die größten Feierlichkeiten der Universität Wien im 20. Jahrhundert statt: Österreichs älteste Hochschule beging ihr 600-Jahr-Jubiläum, und als einer der Höhepunkte sollten 30 Wissenschafter mit Ehrendoktoraten ausgezeichnet werden. Doch unmittelbar zuvor trübte ein Telegramm aus England die Vorfeierstimmung und brachte den damaligen Rektor gehörig in die Bredouille.

Absender der Depesche war Max Ferdinand Perutz. Der Biochemiker aus Cambridge, der drei Jahre zuvor den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte, zeigte sich in seinem Telegramm vom 4. Mai 1965 "beunruhigt über Bericht, dass früherer Nazi, der für Judenvernichtung eintrat, Ehrendoktorat erhalten soll. Wenn dies nicht befriedigend aufgeklärt wird, muss ich mit großem Bedauern zurücktreten und die Gründe dafür öffentlich bekanntgeben."

Ein Protest mit Wirkung

Der Hintergrund für die Protestnote: Der deutsche Staatsrechtler Ernst Forsthoff war unter den 30 zu Ehrenden; 1933 hatte er in seinem Buch Der totale Staat unter anderem geschrieben: "Darum wurde der Jude (...) zum Feind und musste als solcher unschädlich gemacht werden." Nach Perutz' Intervention und aus Furcht vor einem internationalen Skandal wurde Forsthoff postwendend ausgeladen, und die Feier konnte ohne gröbere Misstöne stattfinden. (Der Staatsrechtler erhielt den Dr. h. c. übrigens 1969 bei einem Hausbesuch nachgereicht.)

Dass es ausgerechnet Max F. Perutz war, der als einziger Forscher Einspruch erhob, kam nicht von ungefähr: Er war am 19. Mai 1914 in eine wohlhabende Wiener Textilindustriellenfamilie jüdischer Herkunft geboren worden und hatte noch vor dem "Anschluss" Österreich für immer verlassen. Perutz' Erziehung war allerdings katholisch. Nach Absolvierung des elitären Theresianums studierte er ab 1932 an der Universität Wien. Perutz' hauptsächliche Leidenschaft galt damals allerdings dem Bergsteigen und Skifahren.

Transformation durch Cambridge

Seine Dissertation wollte er dann in Cambridge schreiben, nachdem ihm ein Dozent von den dortigen bahnbrechenden Forschungen im Bereich Biochemie erzählt hatte. Perutz erhielt tatsächlich einen Studienplatz, musste dafür aber in den Bereich Röntgenkristallografie wechseln, der für ihn völlig neu war. Der 21-Jährige hatte mit dieser doppelten Veränderung mehrfach Glück: Sein Dissertationsthema – die Struktur des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin – sollte ihn mehr als 30 Jahre sehr erfolgreich beschäftigen. Vor allem aber habe er, wie er später immer wieder betonte, von der inspirierenden Umgebung in Cambridge – den dortigen Kollegen, ihrer Art des Denkens und Forschens – profitiert, die ihn zu einem der herausragenden Biochemiker des 20. Jahrhunderts werden ließ.

In einem seiner späten Essays verglich er seine eigene Transformation mit der einer Wiener Bekannten namens Fifi Gessner, die 1937 nach Kenia auswanderte. In Wien hatte Gessner einen Dackel besessen, in ihrer Wahlheimat wurde sie unter dem Namen Joy Adamson vor allem deshalb weltberühmt, weil sie eine Löwin aufzog. Perutz wiederum hatte, wie er selbst schrieb, in Wien keine Ahnung, dass es Wissenschafter vom Format eines J. D. Bernal, W. L. Bragg oder einer Dorothy Hodgkin gab. "Wie konnte ich also auch nur versuchen, ihnen nachzueifern? Cambridge hat mich zu dem gemacht, was ich bin, nicht Wien."

Glaziologische Forschungen

Immerhin sollte er in England wenigstens von seinen in Österreich erworbenen Fähigkeiten als Bergsteiger und Skifahrer profitieren: Er durfte noch vor dem Krieg an einer britischen Expedition in die Schweiz teilnehmen, wo er untersuchte, wie aus Schnee Gletschereis wurde. Und diese glaziologischen Kenntnisse wiederum qualifizierten ihn nach Kriegsausbruch dafür, am Projekt Habbakuk mitzuarbeiten, einem der obskursten militärischen Unterfangen des Zweiten Weltkriegs.

Die Briten wollten im Rahmen dieses Projekts nämlich im Nordatlantik eine Art Riesenschiff aus einem Stoff namens Pykrete (einer extrem stabilen Mischung aus Eis und Sägespänen) bauen, das als gigantischer Flugzeugträger dienen sollte. Aus dieser schwimmenden Plattform mit über einem Kilometer Länge wurde zwar nichts, Perutz erhielt für die Teilnahme am Projekt Habbakuk aber immerhin 1943 die britische Staatsbürgerschaft.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – Perutz hatte 1940 promoviert, 1942 geheiratet und war seit 1944 Vater einer Tochter – forschte er weiter nebenbei als Glaziologe und brachte es dabei zu einiger Bekanntheit. Seine wichtigste Leistung als Forscher war aber die Entschlüsselung der Struktur des Hämoglobins. Mindestens ebenso erfolgreich war er aber als Forschungsorganisator am Laboratory for Molecular Biology (LMB), das er von seinen Anfängen im Jahr 1947 an begleitet hatte und das zum Hauptschauplatz der Revolution in der Molekularbiologie werden sollte – mit Max Perutz als ihrem "Paten".

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Mit Hämoglobin zum Nobelpreis

Bis die eigene Forschung und sein Labor Früchte trugen, brauchte es freilich einige Jahre: 1953 entwickelte Perutz eine neue Methode, um Proteinstrukturen zu entschlüsseln, indem man diese mit schweren Atomen markiert. Fast zeitgleich hatten die LMB-Mitarbeiter Francis Crick und James Watson die Struktur der DNA ermittelt. 1959 erstellte Perutz dann das erste dreidimensionale Hämoglobin-Modell, wofür er 1962 gemeinsam mit seinem Mitarbeiter John Kendrew, der die Struktur von Myglobin entschlüsselt hatte, den Nobelpreis für Chemie erhielt. Im gleichen Jahr erhielten Watson, Crick und Maurice Wilkins den Medizin-Nobelpreis.

Ebenfalls 1962 war das neue LMB-Gebäude eröffnet worden. Vorsitzender wurde Max F. Perutz, der von den ersten Anfängen der molekularbiologischen Abteilung an federführend mit dabei gewesen war und das Institut bis zu seiner Emeritierung 1979 leiten sollte. In dieser Zeit war das LMB das erfolgreichste Forschungsinstitut der Welt, zumindest gemessen an der Zahl der 15 Nobelpreisträger, die Institutsangehörige waren, und den weiteren zwölf Laureaten, die dort geforscht hatten.

Erfolgsgeheimnisse des Instituts

Perutz selbst spielte seine Rolle herunter, wenn er später meinte, dass es vor allem darum ging, für Interdisziplinarität zu sorgen und begabte junge Forscher zu fördern. Für Georgina Ferry, die 2008 die exzellente Biografie "Max Perutz and the Secret of Life" veröffentlichte, waren es noch einige andere Faktoren, die den Erfolg des LMB unter Perutz ausmachten: "Er hatte erstklassige Abteilungsleiter, die er eigenständig arbeiten und Mitarbeiter rekrutieren ließ", so Ferry auf Nachfrage des STANDARD. "Zugleich gab es ein gemeinsames Budget und eine gemeinsame Forschungsinfrastruktur, die von allen genützt werden konnte."

Junge Mitarbeiter sollten ihren Interessen folgen, und niemand habe Publikationen gezählt oder sich sorgen über Projektmittel gemacht. "Außerdem legte Perutz großen Wert auf eine Cafeteria für alle", ergänzt Ferry. "Dort konnten auch Nachwuchsforscher ihre Arbeit mit 'Göttern' wie Francis Crick oder Fred Sanger bereden."

Biochemiker Kim Nasmyth, ehemaliger Direktor des Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien, das sich einige dieser LMB-Erfolgsgeheimnisse mit Erfolg abgeschaut hat, verweist auf zwei weitere wichtige Faktoren, um so langfristig Spitzenforschung zu betreiben: "Am vielleicht wichtigsten ist es, wie am LMB sehr hohe Ziele zu haben und sich nicht mit den bisherigen Erklärungen zufriedenzugeben." Und: Max Perutz sei stets der Erste gewesen, der nach einem Vortrag eine kritische Frage gestellt hat, wenn ihm die gebotene Erklärung nicht klar genug erschien.

Eine späte Karriere als Essayist

Auch wenn er nach seiner Emeritierung weiter am LMB arbeitete, begann Perutz noch eine weitere Karriere als Essayist und schrieb für die "New York Review of Books" regelmäßig Artikel über wissenschaftliche Bücher und Themen. Als Autor Anerkennung zu finden war ihm eine späte Genugtuung: In den Wiener Jugendjahren hatte ihm der Schriftsteller Leo Perutz, ein Cousin des Vaters, ausdrücklich kein literarisches Talent bestätigt, nachdem er Texte von Max gelesen hatte.

Auch wenn Perutz immer wieder betonte, dass es die beste Entscheidung seines Lebens gewesen war, 1936 von Wien nach Cambridge zu übersiedeln, hatte ihn doch die Zeit davor in Österreich bis zuletzt geprägt: 2001, ein Jahr vor seinem Tod, wurde er in eine BBC-Radiosendung eingeladen und sollte jene Plattenaufnahmen nennen, die er auf die einsame Insel mitnehmen würde. Als er am Ende der Sendung noch nach einem Luxusartikel gefragt wurde, den er zusätzlich mitnehmen könnte, antwortete Perutz: "Ein Paar Ski. Man weiß nie – es könnte ja schneien." (Klaus Taschwer, 17.5.2019)