Ian Kershaw, "Achterbahn. Europa 1950 bis heute". Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. € 39,10 / 832 Seiten. DVA, München 2019

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Es ist mittlerweile mehr als dreißig Jahre her, dass Hans Magnus Enzensberger das Thomas Mann'sche "Achtung, Europa!" verkürzte zum melancholischen "Ach, Europa". Seither ist aus dem sanftmütigen "Ach" vielerorts ein mürrisches, ja ein abschätziges bis verächtliches geworden. Dabei ist sehr häufig das Manko jeder Debatte über Europa: Wer auch immer die sogenannte abendländisch-judäo-christliche Kultur für sich reklamiert, hat keine Ahnung von der Geschichte des Kontinents. Oft ersetzt ein analphabetisches "Europabild" das Bild von Europa.

Andere hingegen rühmten eloquent "das Europa der gebremsten Teilung und des wohlgetroffenen Maßes", so der Schweizer Adolf Muschg. "Europa", so der Romancier, Essayist und Hochschullehrer aus Zürich weiter, ist "ein Raum, in dem, statt globalisierter Anästhesie, Gefühl für Ort und Zeit wiederkehren, für begrenzte Dauer, befristete Heimat: was für ein Traum von Europa! Wie wach müssen Leute werden, die ihn träumen!" Sollte, wer den Traum von Europa träumt, allerdings nicht erst einmal wissen, wovon historisch die Rede war, also in Zukunft jenseits von Larmoyanz, Stumpfsinn und Renitenz sein muss? Abhilfe schafft Ian Kershaws nicht nur wegen des Umfangs imposanter Band Achterbahn.

Die Achterbahn- fahrt Europas ist noch nicht zu Ende. Ob sie halsbrecherisch werden wird? Oder gar eine Geisterbahnfahrt? Im Bild die größte Holzhochschaubahn Europas im Heide Park in Soltau. Sie wurde 2016 geschlossen und soll 2019 wieder aufsperren.
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Mehr als waghalsig

Der 1943 geborene Engländer lehrte lange an der University of Sheffield und hat vor allem über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts publiziert, eine zweibändige Hitler-Biografie, eine kluge Monografie über Hitler-Anhänger in der englischen High Society der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre. 2016 erschien der voluminöse Höllensturz, in dem Kershaw die europäische Geschichte zwischen 1914 und 1949 schilderte. Daran schließt Achterbahn nun als Fortsetzung und Fortschreibung an.

Und ist mehr als waghalsig. Nämlich gewagt und geradezu halsbrecherisch: die Geschichte von ganz Europa, zwischen Dublin und Moskau, Lissabon, Oslo und Bukarest, zwischen 1950 und 2017 zu schreiben. Ohne eine einzige Fußnote. Die 22 Seiten kurze eminente Literaturliste ist mehr Leseweiterverführung denn Nachweis.

Es ist in erster und auch in zweiter Linie eine Politikgeschichte. Ökonomie kommt eher am Rande vor, Technik kaum, Ökologie und gesellschaftliche Modernisierungen flicht er geschickt, aber knapp am Rande ein. Dafür spielt Kultur lediglich eine Fußnotenrolle. Ein ganzes Kapitel, das fünfte, ist zwar diesem Themenfeld gewidmet, doch es ist reichlich kursorisch. Und oberflächlich, erschöpft es sich doch beim Durchschreiten von Land zu Land in Namedropping.

Bereits die Überschrift "Kultur nach der Katastrophe" signalisiert, dass der Schwerpunkt auf dem Jahrzehnt 1950 bis 1960 liegt. Belletristik registriert Kershaw mit einem Feldstecher aus übergroßer Distanz. So endet deutschsprachige Literatur bei ihm mit Günter Grass' Die Blechtrommel. Österreich oder die Schweiz? Fehlanzeige. Kein Max Frisch, kein Peter Handke, weder Bernhard noch Dürrenmatt. Zu schweigen von Jüngeren. Europäischen Film gibt es bei Kershaw nach 1960 kaum mehr, Theater gar nicht, ebenso wenig Architektur, die sich wild ausdifferenzierende Popkultur versickert kurz vor Punk.

Skeptischer Blick in die Zukunft

Dafür erweist sich Kershaw als genialisch pointierter Erzähler des Kalten Kriegs, der Urideen, Visionen und Anfänge der Europäischen Gemeinschaft, aus der die EU wurde, des Endes des Kolonialismus in Großbritannien und Frankreich, des Zusammenbruchs des Staatssozialismus in Osteuropa und in der Sowjetunion. Mit starken Strichen und klugen Raffungen zeichnet er ausnehmend gut lesbar Friedensentwicklung und Wohlstandsaufbau im Westen nach. Zurückhaltend, passagenweise recht entschieden sind seine Verdikte, etwa beim reformresistenten Italien oder beim fatalen Primat der Politik über ökonomische Fakten und Faktoren seit der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft nach 1990, dabei wohltuend frei von besserwisserischer Moral. In vielerlei Hinsicht ist dies ein Augen öffnendes, lehrreiches Buch.

Den Ausblick meliert zu nennen, wäre eine Untertreibung. Der 75-jährige Historiker (und Großvater) schaut wahrlich skeptisch in die Zukunft. Bündig, konzentriert und überzeugend umreißt er die zahllosen Probleme der Gegenwart, für die er kaum tragfähige Lösungsansätze, geschweige denn Lösungen zu erkennen vermag, von Terrorismus und Nordkorea über russischen Neoimperialismus bis zum Brexit, den er 2017 noch auf Kurs glaubte.

Was er unberücksichtigt lässt, sind die technologischen Dilemmata zwischen digitaler Überwachung und Monopolen transnationaler Internetfirmen, digitale Arbeitslosigkeitswelten, die Effekte der angefachten Handelskonflikte und, in und für Europa fast noch beängstigender, die explosiven Frontstellungen der Ressentiment-Lager, die sich jeglicher Kommunikation aus Prinzip entschlagen. Die Achterbahnfahrt Europas ist noch lange nicht zu Ende. Ob sie halsbrecherisch werden wird? Oder gar eine Geisterbahnfahrt? (Alexander Kluy, 18.5.2019)