Ein strahlender Scott Morrison freut sich am Sonntag mit seiner Familie darüber, dass seine Konservativen überraschend gewonnen haben.

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Zuerst sah es ganz danach aus, als ob das progressive Australien bei der Parlamentswahl vom Samstag die Oberhand behalten würde. Kurz nach Beginn der Auszählung der 17 Millionen Stimmen verlor der wohl konservativste Politiker des Landes, Ex-Premier Tony Abbott, nach 25 Jahren seinen Sitz im Parlament. Gewinnerin war die Unabhängige Zali Steggall. Die Anwältin aus dem wohlhabenden Nordsydney hatte sich in ihrer Kampagne darauf fokussiert, dass Australien endlich energisch gegen den Klimawandel vorgehen solle. Ihr Gegenspieler Abbott gilt als größter Verhinderer von Klimaschutzmaßnahmen im Parlament. Er bezeichnete die Klimawissenschaften einmal als "Mist". Seither stieg Australiens CO2-Ausstoß pro Kopf wieder auf den höchsten Stand unter den Industriestaaten.

Doch die Hoffnung auf einen Sieg der oppositionellen Labor-Partei, die für mehr Klimaschutz plädiert hatte, zerschlug sich am Samstagabend. Premierminister Scott Morrison, der erst im vergangenen Jahr nach einem Putsch gegen seinen Vorgänger Malcolm Turnbull an die Macht gekommen war, konnte rasch seinen Sieg ausrufen.

Zwar standen die endgültigen Zahlen am Sonntag noch nicht fest. Bald war aber klar, dass die Koalition aus der liberalen und der nationalen Partei im 151 Sitze zählenden Unterhaus eine Mehrheit bilden kann – eventuell mithilfe ultrarechter Kleinparteien. "Es ist offensichtlich, dass Labor die nächste Regierung nicht bilden kann", musste Labor-Chef Bill Shorten eingestehen. Und trat sofort als Parteivorsitzender zurück.

Wahlsieg "ein Wunder"

Dass der 51-jährige Morrison selbst nicht an einen Sieg geglaubt hatte, lässt seine Aussage vermuten, wonach es sich bei dem Ergebnis um "ein Wunder" handle. Der Premierminister ist ein strenggläubiger Anhänger einer Pfingstgemeinde. Der gescheiterte Tony Abbott drückte es anders aus: Die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels hätten die moralischen übertrumpft.

Tatsächlich hatten Umfragen gezeigt, dass zum ersten Mal bei Wahlen in Australien der Kampf gegen die globale Erwärmung die anderen Sorgen der Bevölkerung überschatten würde. Angesichts der Zunahme von Überschwemmungen und Waldbränden und des Absterbens des Great Barrier Reef zeigten sich immer mehr Bürger besorgt, meldeten die Meinungsforscher. Kritik gab es am mangelhaften Klimaschutz durch die konservative Regierung, die stark unter dem Einfluss Abbotts und einer kleinen Gruppe klimaskeptischer Parlamentarier steht.

Entsprechend positionierten sich die Parteien: Die konservative Regierung plädierte auf Minimalmaßnahmen gegen den Klimawandel und warnte vor den hohen Kosten, die mit Klimaschutz verbunden seien. Dagegen versprach Labor, den Kampf gegen die globale Erwärmung zur Chefsache zu machen. So solle Australien seine klimaschädlichen Emissionen bis 2030 statt der von Morrison geplanten 26 Prozent um 45 Prozent reduzieren.

Kernaussage der Regierung dagegen war, dass verstärkter Klimaschutz das Überleben der lukrativen Kohleindustrie gefährden könne – und damit tausende Arbeitsplätze. Unterstützt wurde sie von den dominierenden Medien des Medienzaren Rupert Murdoch. Diese bombardierten die Bevölkerung mit "Fake-News" über die vermeintliche Unzuverlässigkeit der Klimaforschung.

Dabei steht das Argument der Arbeitsplätze seit Jahren auf wackeligen Beinen. Offiziellen Zahlen zufolge beschäftigt die Kohleindustrie rund 8000 Menschen. Der Great-Barrier-Reef-Tourismus gibt dagegen fast 70.000 Menschen Arbeit. Forscher befürchten, dass das größte Korallenriff der Welt bis 2050 tot sein wird, falls es nicht gelingt, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken. (Urs Wälterlin aus Canberra, 19.5.2019)