Still und heimlich erobern sie sich neue Lebensräume – kleine Zuzügler, die auf den Klimawandel reagieren oder auf dem einen oder anderen Weg in Gebiete gelangten, wo sie nicht heimisch sind. Oft sind sie einfach nur lästig, sie können aber auch Krankheiten übertragen, andere Arten verdrängen oder beträchtliche Schäden verursachen.

Marmorierte Baumwanze: Obst- und Hausbesetzer

Die Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys) stammt ursprünglich aus Asien. Von dort gelangten die etwa 15 Millimeter großen Insekten vor rund 20 Jahren, wahrscheinlich mit Transportkisten, nach Nordamerika, von wo aus sie sich via Pflanzen und Verpackungen rasch ausbreiteten. In Europa ist sie seit 2004 nachgewiesen, in Österreich seit 2015.

Die erwachsenen Wanzen werden im Frühjahr ab einer Temperatur von mehr als zehn Grad aktiv. Mit ihrem Saugrüssel stechen sie Früchte und Blätter diverser Pflanzenarten an und saugen deren Saft. Mit ihrem Speichel gelangt ein Enzym in das Pflanzengewebe, das Flecken und Nekrosen erzeugen kann. Es kann auch dazu führen, dass sich die Früchte später verfärben und verformen. Dadurch werden sie unansehnlich und können nicht mehr verkauft werden. Außerdem können die befallenen Pflanzenteile auch absterben oder vorzeitig abfallen. Vor allem in Obstkulturen kann die Marmorierte Baumwanze dadurch erheblichen Schaden anrichten.

Für den Menschen sind die Wanzen hingegen völlig ungefährlich, wenn auch lästig: Sobald es warm wird, treten sie oft massenhaft an sonnigen Hausfassaden oder Fenstern auf. Wenn man ihnen zu nahe kommt, verbreiten sie außerdem ein stinkendes Sekret. Kleiner Trost: Hierzulande kommen sie gewöhnlich nur auf eine Generation im Jahr – in ihrer deutlich wärmeren Heimat sind es fünf bis sechs.

Foto: APA / Roland Schlager

Goldfisch: Dekorativer Allesfresser

Der Goldfisch (Carassius auratus auratus) ist das "Neozoon des Jahres 2019" und insofern ein Spezialfall, als es sich bei ihm eigentlich um ein Haustier handelt. Neueren Forschungen zufolge stammt er vom Giebel ab, einem unauffällig grauen Karpfenverwandten. Aus dieser Stammform wurde er vor etwa 1000 Jahren in China zu dekorativen Zwecken gezüchtet und ist damit das älteste bekannte Haustier, das nicht aus wirtschaftlichen Gründen gehalten wird. Vermutlich im 17. Jahrhundert kam er als exklusiver Zierfisch nach England und damit nach Europa.

Heute werden Goldfische aus verschiedenen Gründen unkontrolliert in natürlichen Gewässern ausgesetzt – oft deshalb, weil sie für das Aquarium zu groß geworden sind. In freier Wildbahn können sie jedoch großen Schaden anrichten, unter anderem indem sie den Laich gefährdeter Amphibien, wie von Grasfrosch oder Kammmolch, fressen.

Außerdem konkurriert der Goldfisch sehr erfolgreich mit angestammten Fischarten, denn er ist ein Allesfresser, stellt nur geringe Ansprüche an seinen Lebensraum und vermehrt sich rasch. Ist er in einem Gewässer einmal etabliert, ist er kaum wieder wegzubekommen: Ein paar Exemplare verstecken sich immer erfolgreich in der Vegetation oder im Schlamm. Deshalb sollten Goldfische unter keinen Umständen in die freie Natur entlassen werden.

Foto: dpa / Stephanie Pilick

Japanische Buschmücke: Robuste Virenschleuder

Als potenzielle Überträger von Krankheitserregern stehen Stechmücken oder Gelsen unter besonderer Beobachtung. Derzeit gibt es in Österreich vier neu eingewanderte Arten, darunter die Japanische Buschmücke (Aedes japonicus). Wie die bekanntere Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) steht sie unter Verdacht, Chikungunya- und Dengue-Viren zu übertragen, außerdem Viren, die Gehirnhautentzündungen auslösen.

Die Japanische Buschmücke ist ursprünglich in Korea, Japan, Taiwan, Südchina und Russland beheimatet. Ab den 1990er-Jahren gelangten ihre Eier in gebrauchten Autoreifen unbemerkt zuerst nach Neuseeland, dann nach Nordamerika und ab dem Jahr 2000 auch nach Europa. In Österreich ist sie seit kurzem in allen neun Bundesländern vereinzelt nachgewiesen, und zwar nicht nur im Tiefland, sondern auch in Mittelgebirgslagen. Aufgrund ihrer geografischen Herkunft ist die Art sehr robust und für die Temperaturen hierzulande gut gerüstet.

Sie ist auch imstande, Dauereier zu erzeugen, die Frost und Trockenheit widerstehen können, bis die Bedingungen wieder günstiger werden. Vorläufig tritt die Japanische Buschmücke in Österreich allerdings noch nicht sehr häufig auf.

Foto: Wikimedia / James Gathany, CDC

Gewächshausschabe: Österreich-Neuling

Die Heimat der rund 2,5 Zentimeter großen Schabe liegt in Süd- und Südostasien, wo sie ein bekannter Pflanzenschädling ist. Von dort hat sie sich im Zuge von Pflanzen- und Bodentransporten in tropische und subtropische Gebiete auf der ganzen Welt ausgebreitet. In der gemäßigten Zone kommt sie bisher nur in Glashäusern vor; in Europa fand man Exemplare in Spanien und Schweden. Kürzlich hat sie Mitteleuropa erreicht, und zwar ausgerechnet Österreich: 2015 wurde ein einzelnes Exemplar im Botanischen Garten der Stadt Graz entdeckt, 2018 waren es bereits zahlreiche. Ebenfalls im Vorjahr wurde eine Population im Schmetterlingshaus in Wien gefunden.

Das Besondere an dieser Schabenart ist, dass sie sich ausschließlich parthenogenetisch fortpflanzt, das heißt, sie kommt völlig ohne Männchen aus. Ein einziges Weibchen reicht also aus, um eine neue Population zu gründen. Die Art hält sich gern in der Nähe menschlicher Einrichtungen auf und richtet in ihrer Heimat beträchtliche Schäden in Plantagen von Rosen, Lilien und Orchideen an, an deren Wurzeln sie frisst. Sie befällt aber auch Gurken, Paradeiser, Feigen und Ananas.

Da sie an warmes Klima gebunden ist, werden die Ausbreitungsmöglichkeiten der Gewächshausschabe als recht gering eingeschätzt. Bei steigenden Temperaturen im Zuge des Klimawandels ist jedoch nicht völlig auszuschließen, dass sie irgendwann auch das Freiland erobert.

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Kastanien-Miniermotte: Verfressener Winzling

Die nur wenige Millimeter große Kastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella) erregt mehr Aufsehen als echten Schaden. Wie winzige Bergarbeiter fressen sich ihre Larven durch die Blätter von Rosskastanien. Die dabei entstehenden Minengänge bringen das darüber liegende Gewebe zum Absterben, was zu braunen Flecken auf den Blättern führt. Bei starkem Befall können die Bäume schon im Juli aussehen wie im Herbst und bereits im August ihr Laub abwerfen. Abgesehen von der Optik werden sie dadurch jedoch nicht ernsthaft beeinträchtigt.

Die Herkunft der Motte, die in ganz Europa verbreitet ist, ist trotz jahrelanger Nachforschungen ungeklärt. In Österreich wurden 1989 vereinzelte Exemplare im Raum Linz gefunden, die sich bald darauf massenhaft vermehrten. 1992 fand man die Art auch im Raum St. Pölten, und seitdem hat sie sich in ganz Österreich ausgebreitet.

Ihr Wirtsbaum, die weißblühende Rosskastanie, ist übrigens selbst eine gebietsfremde Art: Sie stammt vom Balkan, von dort gelangte sie im 16. Jahrhundert nach Österreich. Im Gegensatz dazu ist die Kastanien-Miniermotte erst seit knapp 30 Jahren hier. Wissenschafter vermuten daher, dass die Rosskastanie gar nicht der ursprüngliche Wirtsbaum der Motte ist.

Foto: Imago / Blickwinkel

Spanische Wegschnecke: Notorischer Gärtnerschreck

Woher die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris) stammt, ist ungeklärt. Sie wurde und wird mit Erde und Wurzelballen so häufig transportiert, dass auch detaillierte genetische Studien keinen Aufschluss mehr über ihre ursprüngliche Heimat geben können. In Österreich wurde sie das erste Mal 1972 festgestellt und hat sich seitdem im ganzen Bundesgebiet ausgebreitet – ein Citizen-Science-Projekt der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) konnte sie in Gärten in ganz Österreich und bis zu einer Meereshöhe von 800 Metern nachweisen.

Als unter anderem ausschlaggebend für die Vermehrung der Tiere hat sich das Wetter des jeweiligen Vorjahres herausgestellt: Verläuft es trocken, sind im darauffolgenden Jahr weniger Wegschnecken zu erwarten, ebenso nach frostreichen Wintern. Die Bekämpfung der Tiere ist notorisch schwierig. Als direkte Gegenmaßnahme hat sich gezieltes händisches Absammeln am besten bewährt.

Schneckenexperte Daniel Dörler von der Boku rät außerdem dazu, Beete möglichst an sonnigen Stellen anzulegen, nur morgens und gezielt den Wurzelbereich der Pflanzen zu gießen sowie potenzielle Schneckenunterschlüpfe wie Komposthaufen nicht in direkter Nähe von Beeten anzulegen.

(Susanne Strnadl, 25.5.2019)

Foto: APA / DPA / Patrick Pleul

Reblaus: Ruinöser Klimawandelprofiteur

Wenige Neozoen haben sich so in das kulturelle Gedächtnis eingeprägt wie die Reblaus (Daktulosphaira vitifoliae oder Viteus vitifoliae). Kein Wunder: Immerhin brachte sie nach ihrer Einschleppung aus Nordamerika im 19. Jahrhundert den europäischen Weinbau an den Rand des Ruins. Im heutigen Österreich trat die Reblaus das erste Mal 1867 in Klosterneuburg auf. Erst das Pfropfen der heimischen Weinsorten auf amerikanische, gegen die Reblaus widerstandsfähige Sorten brachte eine nachhaltige Lösung des Problems. Im Zuge der Klimaerwärmung ist der Schädling allerdings wieder auf dem Vormarsch.

Die Reblaus gehört zu den Pflanzenläusen und hat einen sehr komplexen Lebenszyklus, der sich teils oberirdisch auf dem Rebstock, teils unterirdisch an dessen Wurzeln abspielt. Massive Schäden richten die Insekten gewöhnlich nur unterirdisch als sogenannte Wurzelläuse an. Diese fressen an den Wurzeln und beschädigen sie dabei so stark, dass sie weder Wasser noch Nährstoffe leiten können. In der Folge stirbt die Rebe ab.

Durch steigende Temperaturen, brachliegende Weinberge und unveredelte Zierreben findet die Reblaus heute wieder bessere Bedingungen vor als früher. Dazu kommt, dass die Weinstöcke oft durch längere Trockenperioden gestresst sind, was auch widerstandsfähige Sorten anfälliger für die Reblaus machen kann. Grund zur Panik gibt es allerdings keinen: Eine neuerliche Reblaus-Katastrophe ist nicht zu erwarten.

Foto: Wikimedia

WISSEN: Lästling, Schädling, Eindringling

Neobiota ist der Fachbegriff für neu zugewanderte Arten in einem Gebiet, in dem sie ursprünglich nicht vorkommen. Gewöhnlich wurden sie – absichtlich oder unabsichtlich – vom Menschen dort eingeführt. Darunter fallen aber auch Arten, die selbstständig in ein neues Gebiet einwandern – etwa im Zuge klimatischer Veränderungen. Gebietsfremde Tiere nennt man Neozoen, gebietsfremde Pflanzen Neophyten.

Nicht jede neue Art ist invasiv: Dieser Begriff ist nur angebracht für gebietsfremde Arten, die sich massiv ausbreiten und dabei Schaden anrichten. In vielen Fällen geht es um die Gefährdung der heimischen Artenvielfalt, wenn Neobiota angestammte Arten schädigen, indem sie sie fressen, verdrängen oder parasitieren.

Deutlich allgemeiner ist die Einstufung bestimmter Organismen als Schädlinge: Das sind Lebewesen, die dem Menschen in irgendeiner Weise schaden. Das können einerseits Parasiten und Krankheitsüberträger sein, andererseits aber auch alle Arten, die Nutztiere oder -pflanzen fressen oder beeinträchtigen bzw. Vorräte und Gebrauchsgüter schädigen. Schädlinge können dementsprechend Ratten ebenso sein wie Mehlmotten oder Maikäfer.

Im Unterschied zu Schädlingen sind Lästlinge, wie der Name sagt, lästig, aber gewöhnlich harmlos. Ein klassisches Beispiel ist die Stubenfliege, die nervt, aber keinen Schaden anrichtet. Sogar Kopfläuse fallen in diese Kategorie, da sie – zumindest in Mitteleuropa – keine Krankheiten übertragen; sie sind "nur" extrem störend. Auch ekel- oder angsterregendes Aussehen und schlechter Geruch gelten nicht als Schaden – heimische Spinnen und Wanzen gehören damit auch zu den Lästlingen.

Demgegenüber handelt es sich bei Nützlingen um Organismen, die Schädlinge von sich aus vernichten bzw. im Zaum halten. Solche natürlichen Beziehungen zwischen Arten werden bei der biologischen Schädlingsbekämpfung gezielt eingesetzt. Ein Beispiel dafür ist das Fördern oder Ausbringen von Florfliegen und Ohrwürmern, die Blattläuse fressen. (strn)

Foto: APA / DPA / Sven Hoppe