Ähnlichkeiten mit Tilda Swinton sind gegeben: Emily Beecham wurde in Cannes als beste Schauspielerin geehrt.

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Es ist schon eine Weile her, dass sich eine englische Schauspielerin über einen Preis in Cannes freuen durfte – das war 1997, als Kathy Burke für Gary Oldmans Arbeiterklassendrama "Nil by Mouth" prämiert wurde. Dass Emily Beecham ihr nun folgen kann, hat sie Jessica Hausner mitzuverdanken. Mit ihren markant roten Haaren wirkt sie in "Little Joe", dem ersten englischsprachigen Film der Österreicherin, wie eine Hitchcock-Heldin. Emotional zurückhaltend, etwas neurotisch – als Wissenschafterin jedoch vielleicht genau deshalb brillant.

In dem Sci-Fi-Horrorfilm spielt sie Mary, die Urheberin einer genmanipulierten roten Blume, die ihre Besitzer glücklich machen soll. Doch der Part ist doppelbödiger, als es zunächst erscheint. Denn Mary ist Mutter zweier "Sprösslinge", sie hat auch einen Sohn, der wie die Pflanze ihre Obsorge verdient. Mit ihrer fein nuancierten Mischung aus Gefasstheit und Wärme verleiht Beecham der Figur genau das nötige Maß an Empathie, damit die ironischen Aspekte an "Little Joe" richtig gut zur Geltung kommen.

Schwieriges Zeug

TV-Serienfans schätzen Beecham allerdings aufgrund anderer Fähigkeiten. In "Into the Badlands" löst sie als "Witwe" ihre Konflikte mit Martial-Arts-Bravour im Schwertkampf mit hochgesteckten Haaren – und dies bereits in drei Staffeln. Schon in ihrer Ausbildung wollte die 35-Jährige nie die herzigen, mädchenhaften Figuren haben. "Ich wollte Junkies spielen. Kompliziertes, schwieriges Zeug." Über Casting-Klischees hinwegzukommen, habe sie zu Beginn ihrer Karriere dann auch als Kampf empfunden.

Die Liebe zur Darstellungskunst wurde bei der Heranwachsenden durch oftmalige Umzüge geweckt – ihr Vater war Pilot, das Theater eine der wenigen Regelmäßigkeiten. Beechams Mutter ist Amerikanerin, deshalb besitzt sie zwei Pässe. Sie durfte "gegen Trump" stimmen. Mit Wythenshawe, Manchester, wo sie auf die Welt kam, verbindet sie dennoch am meisten. Sie sei ein "northern girl" geblieben.

Wie Tilda Swinton

Studiert hat Beecham an der London Academy of Music and Dramatic Art (Lamda). Ihren größten Erfolg vor Cannes feierte sie für Peter Mackie Burns' Charakterstudie "Daphne", in der sie eine zeitgenössische Londonerin verkörpert, die ähnlich wie Mary verzögert auf das Leben reagiert. Kritiker haben sie damals mit Tilda Swinton verglichen. Nun ist Emily Beecham auf dem besten Weg, als Eigenmarke zu bestehen. (Dominik Kamalzadeh, 26.5.2019)