In dieser Woche stehen Tottenham, Liverpool, Chelsea und Arsenal in den Finalspielen der Uefa Champions League und der Europa League. Die prestigeträchtigsten Trophäen des europäischen und internationalen Klubfußballs werden damit ausschließlich unter den Vertretern der englischen Premier League (EPL) ausgemacht. In den vorangegangenen Saisonen scheiterten die englischen Mannschaften hingegen frühzeitig. Wie lässt sich diese plötzliche Dominanz auf europäischer Ebene erklären?

Es ist allseits bekannt, dass in der EPL die höchsten Ablösesummen und Gehälter für Spieler bezahlt werden. Laut Berichten der englischen Sportpresse verdienen die Topspieler der EPL mehr als 200.000 Pfund pro Woche. "Geld schießt keine Tore", lautet eine Fußballweisheit des deutschen Meistertrainers Otto Rehhagel. Belehren uns die Klubs der EPL gerade eines Besseren? Die Antwort lautet: Geld alleine schießt keine Tore, es kommt auf die Verteilung des Geldes an.

Ausgeglichenheit und ökonomischer Erfolg von Sportligen

Ein zentrales Konzept der Sportökonomik ist das Louis-Schmeling-Paradox. Es trägt den Namen der überragenden Schwergewichtsboxer der 1930er-Jahre und besagt, dass die Einnahmen eines Sportwettkampfs am höchsten sind, wenn die beteiligten Athleten Spitzenleistungen auf möglichst ähnlichem Niveau erbringen. Die Ausgeglichenheit eines sportlichen Wettkampfs erhöht die Unsicherheit über den Ausgang und damit den Spannungsgrad von Sportveranstaltungen, was wiederum das Zuschauerinteresse und den Umsatz ankurbelt. Um ein Paradox handelt es sich, weil auf Märkten außerhalb des Sports der Gewinn eines Unternehmens am höchsten ist, wenn die Konkurrenz gering oder nicht vorhanden ist. Sportlerinnen und Sportler "leben" also von der Konkurrenz. Je umkämpfter und enger der Wettbewerb, desto größer das Einnahmenpotenzial.

Im US-amerikanischen Profisport ist diese Erkenntnis schon lange angekommen. Dass jeder jeden schlagen können soll, ist das Credo des dortigen Ligensports. Spezielle Regeln wie Gehaltsobergrenzen, Kaderrestriktionen oder Draft-Systeme garantieren, dass die Spannung bis zum Ende der Meisterschaft erhalten bleibt. Das Finanzierungssystem im europäischen Fußball – Sponsorenverträge, Einnahmen aus Ticketverkauf und Merchandising sowie die immer wichtiger werdenden TV-Übertragungsrechte – verzerrt hingegen systematisch in Richtung größerer Vereine. Kleinere Vereine können bestenfalls Achtungserfolge erzielen, die wichtigsten Meisterschaften werden längst unter den Großen ausgemacht. Die Folge sind unausgeglichene Ligen, Spannungsverluste und zunehmende Einnahmendifferenzen zwischen kleinen und großen Vereinen. Innerhalb der europäischen Top-fünf-Ligen – deutsche Bundesliga, spanische La Liga, französische Ligue 1, EPL und italienische Serie A – weist jedoch die EPL die höchste Ausgeglichenheit auf, was wesentlich in der Verteilung von Einnahmen aus TV-Übertragsungsrechten begründet liegt.

Die Leistung englischer Vereine hat auch eine finanzielle Ursache.
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TV-Übertragungsrechte und Ausgeglichenheit einer Liga

Die EPL verfügt über die höchstdotierten Einnahmen aus der nationalen und internationalen Vermarktung von TV-Übertragungsrechten. In der Saison 2018/19 beliefen sich die ligaweiten und für die Klubs zur Verfügung stehenden Gesamteinnahmen aus der zentralen Vermarktung der Liga auf fast 2,4 Milliarden Pfund.

Der Verteilungsschlüssel für diese Einnahmen setzt sich aus drei Komponenten zusammen. Zunächst erhalten alle Mannschaften einen Fixbetrag in Höhe von 79,4 Millionen Pfund. Zusätzlich bezieht jeder Klub weitere Einnahmen für die Anzahl der Spiele, die live übertragen werden. Bei bis zu zehn Übertragungen erhalten die Klubs einen Fixbetrag von rund 12,5 Millionen. Für jedes zusätzlich übertragene Spiel erfolgt eine Zahlung von 1,18 Millionen. Der Restbetrag wird schließlich auf Basis der Endplatzierung in der Tabelle verteilt. Der letztplatzierte Verein erhält aus diesem Topf etwas weniger als zwei Millionen Pfund, für jeden besseren Platz erhöhen sich die Einnahmen um diesen Betrag. Für den Meister fallen somit aus diesem Posten Einnahmen von knapp 39 Millionen Pfund an. Insgesamt legt der gesamte Verteilungsschlüssel jedoch ein hohes Gewicht auf eine gleichmäßige Verteilung von TV-Einnahmen. Huddersfield Town als Schlusslicht der EPL erhält immerhin mehr als 93 Millionen Pfund aus den gesamten TV-Übertragungsrechten. Das übertrifft deutlich jene 65,5 Millionen Euro, die der FC Bayern als deutscher Meister an TV-Geldern für die Saison 2018/19 lukrieren kann.

Für die Ausgeglichenheit einer Liga lohnt es sich, die relative Verteilung von Einnahmen aus TV-Übertragungsrechten zu betrachten. In der EPL erhält der Absteiger Huddersfield circa 63 Prozent jener TV-Einnahmen, die der Meisterschaftsgewinner Manchester City für sich verbuchen kann. In der deutschen Bundesliga hingegen betragen die TV-Einnahmen von Fortuna Düsseldorf etwa 25,4 Millionen Euro und damit circa 39 Prozent der TV-Einnahmen des FC Bayern.

Die Unterschiede in den Verteilungsschlüsseln der TV-Einnahmen schlagen sich auch im ökonomischen Potenzial der Vereine nieder. Vergleicht man zum Beispiel für die europäischen Top-fünf-Ligen den durchschnittlichen Marktwert der Tabellenmitte (neunt- bis elftplatzierte Vereine), ergibt sich für die EPL ein Wert von 280 Millionen Euro, während die deutsche Bundesliga und die Serie A knapp die Hälfte und die La Liga wie auch die Ligue 1 gar nur ein Drittel dieses Wertes verbuchen können. Ein englischer Mittelständler ist also international deutlich konkurrenzfähiger als ein vergleichbarer Verein einer anderen Liga. Für einen Topverein der EPL bedeutet das aber auch, dass eine höhere Anzahl an schwierigen Spielen während der Ligasaison zu bewältigen ist.

Ausgeglichenheit und sportliche Dominanz der EPL

Die enorme Leistungsdichte in der EPL macht es für einen Verein schwieriger, sich in den vorderen Tabellenrängen zu behaupten. Für die Meisterschaft oder eine Klassifizierung, die zur Teilnahme an der Champions League oder der Europa League berechtigt, darf man sich kaum Umfaller erlauben. Waren die Meisterschaften der anderen Top-fünf-Ligen aufgrund ihrer Unausgeglichenheit meist schon früh entschieden (Frankreich, Italien und Spanien), musste eine Topmannschaft in der EPL das maximale Leistungsniveau bis zum letzten Spieltag abrufen. Ihre Spieler sind es gewohnt, mit dem Leistungsdruck umzugehen, selbst wenn viel auf dem Spiel steht. Diese Fähigkeit ist besonders in Spielen auf höchstem europäischem Niveau gefragt, die eng sind und häufig durch ein psychologisches Momentum entschieden werden. Der FC Liverpool (gegen Barcelona) und Tottenham Hotspur (gegen Ajax Amsterdam) lieferten in der heurigen Champions-League-Saison dafür eindrückliche Beispiele.

Bedeutet das nun, dass wir uns in Zukunft auf eine Dominanz der EPL-Vereine auf europäischer Klubebene einstellen müssen? Wahrscheinlich ja, wenngleich die Unsicherheit über den Ausgang eines Spiels bestehen bleibt. Bei einem anderen Spielverlauf hätte das Finale der heurigen Champions League durchaus FC Barcelona gegen Ajax Amsterdam lauten können. Letztere gehören nicht einmal zu den Top 20 des europäischen Klubfußballs. Diese Unberechenbarkeit wird immer bleiben und ist das Interessante am Fußball. (Harald Oberhofer, Hannes Winner, 28.5.2019)