Thiem darf durchatmen, er steht in der dritten Runde der French Open.

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Im vierten Satz wehrte der Österreicher zwei Satzbälle ab.

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Der Arbeitstag ist beendet.

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Der Court Philippe Chatrier ...

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... und Schlitzohr Alexander Bublik.

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Elf Uhr morgens also. Denkt in Paris niemand an die Wiener? Nein, der Franzose ist rücksichtslos. Also setzt er das Match von Dominic Thiem gegen Alexander Bublik mitten in der Nacht an. Thiem wurde zum Glück nicht in der verlotterten Hauptstadt geboren. Er ist Niederösterreicher, stellt sich den Wecker und steht am Donnerstag pünktlich auf dem Court Philippe Chatrier. Süß geträumt hat er ohnehin, der Tennisprofi ist bekennender Fan des FC Chelsea. Er hat Fever Pitch nie gelesen. Nennen wir es die Gnade der späten Geburt.

Im vergangenen Jahr wurde Thiem in der zweiten Runde noch auf einen Nebencourt abgeschoben. Aber die Nummer vier der Weltrangliste hat sich in Roland Garros ein Standing erarbeitet. Semifinale, Semifinale, Finale. Das kann man nicht ignorieren.

Wenig Liebe

Im offiziellen Magazin des Turniers sind ihm neun Seiten gewidmet. Er wird auf Fotos inszeniert, zum Star gemacht. Thiem ist einer der führenden Sandplatzspieler, dementsprechend wird er respektiert. Geliebt wird er noch nicht, der Center Court ist bei den ersten Ballwechseln mäßig besucht.

"Er wird versuchen, mein Spiel zu zerstören", hatte Thiem vor seiner ersten Begegnung mit Bublik prophezeit. Der 21-jährige Kasache sei eine Art Nick Kyrgios. Damit waren weniger die spielerischen Qualitäten als die Eigenheiten auf dem Platz gemeint. In der Tat ist Bublik ein Schlitzohr. Bereits in der ersten Runde hatte er gegen Rudi Molleker Aufschläge von unten eingestreut. Gegen Thiem legt er nach. Für die einen ist es eine Unart, für die anderen regelkonform. Es ist, im Gegensatz zu einer Krachledernen bei einer Trauerfeier, Geschmackssache.

Was kann die Nummer 91 der Weltrangliste? In den ersten Games wenig. Thiem zieht in sechs Minuten 3:0 davon. Hätte ein Milchmädchen den Zwischenstand an dieser Stelle hochgerechnet, wäre es auf eine Spieldauer von 36 Minuten gekommen. So einfach geht es dann doch nicht.

Der Österreicher gewinnt den ersten Satz 6:3, gibt den zweiten aber mit einem Doppelfehler im Tiebreak ab, und dies nach vergebenem Satzball. Der 25-Jährige verarbeitet den Schmerz professionell, kontert und gewinnt den dritten Satz 6:3.

Bublik spielt Hollywood, wohl wissend, dass dies seine einzige Chance ist. Die Statistik belegt: Je öfter der Ball über das Netz geht, desto eher geht der Punkt an Thiem. Der Kasache ist kein Holzschädel, er kennt die Stärken seines Gegners – also hopp oder dropp, Winner oder Fehler. Das geht im vierten Satz lange Zeit gut. Bublik führt 5:3 und serviert auf den Satzausgleich. Die Zuseher stellen sich bereits auf eine Zugabe ein. Aber es kommt nicht dazu. Denn genau an dieser Stelle zeigt Thiem, dass er nicht per Zufall zu den Turnierfavoriten gezählt wird. Er wehrt zwei Satzbälle ab, Endstand 6:3, 6:7 (6), 6:3, 7:5.

Schnelles Service

"Er hat mit dem zweiten Aufschlag stark serviert", sagt der Sieger nach dem Match. Die Statistik belegt es. Das schnellste zweite Service von Bublik wurde mit 213 Stundenkilometern gemessen. Bei Thiem waren es 171 Sachen. Die Ballwechsel brachten ihn kaum ins Laufen: "Ich fühle mich, als hätte ich keine körperliche Aktivität betrieben."

In der dritten Runde wird Schweiß fließen. Thiem trifft am Samstag auf den Sandplatzwühler Pablo Cuevas aus Uruguay, Nummer 47 der Weltrangliste. Es ist das sechste Duell, Thiem führt 3:2 im Head-to-Head. Es ging jedes Mal knapp her. (Philip Bauer aus Paris, 30.5.2019)