Der Kabarettist und Satiriker Nico Semsrott (33) hat dank der Vervierfachung der Stimmen und Verdoppelung der Mandate der deutschen Partei Die Partei (ein Apronym für Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) einen Sitz im EU-Parlament für die kommende Legislaturperiode. Wie Parteikollege Martin Sonneborn versucht auch er ernste Themen mit einer ordentlichen Portion Humor und Satire jenen Menschen zu vermitteln, die sich sonst eventuell von der Politik abwenden würden. Die Partei erreichte bei den EU-Wahlen 2019 2,4 Prozent der Stimmen und zwei Mandate.

Der selbsternannte Demotivationstrainer geht motiviert in seine erste Amtszeit als Politiker und will sich vor allem dem Klimawandel und dem Kampf gegen rechte, rechtspopulistische und rechtsextreme Politik widmen, sich aber auch für ein progressives Europa einsetzen, das die Menschenrechte hochhält. Im STANDARD-Interview erzählt er, warum Jugendliche mehr psychologische Betreuung brauchen, die Politik bei Transport- und Überwachungsfragen schärfer reglementieren muss und warum er vielleicht schon bald regelmäßig Milkshakes in die Brüsseler und Straßburger EU-Institutionen mitnehmen wird.

STANDARD: Die Partei macht ernsthafte Politik mit satirischen Mitteln und ist damit immer erfolgreicher. In der Ukraine schaffte es ein Komiker unlängst ins Präsidentenamt. Werden Parteien ähnlichen Zuschnitts bald in ganz Europa zur Normalität gehören?

Semsrott: Ich möchte mich zunächst einmal ganz klar von diesem ukrainischen Komiker distanzieren. Der ist ja nicht unabhängig, sondern auf einem Ticket eines Oligarchen unterwegs, das unterscheidet uns dann doch sehr. Ansonsten befürchte ich, dass das eine Möglichkeit ist, ja. Und ich wünsche mir das überhaupt nicht. Dass Komiker die Rolle von Politikern übernehmen, ist auf jeden Fall ein Krisenzeichen. Dass ich hier interviewt werde, ist auch ein Alarmsignal. Im Prinzip ist es eine Notmaßnahme. Ich sehe mein Engagement an der Stelle als notwendig an, damit weniger Leute nicht nichtwählen. Sie sollen lieber uns wählen, als gar nicht mehr mitzumachen.

Ob es einen Satz gibt, den er in einer österreichischen Tageszeitung einmal gesagt haben will? "Ich grüße alle Demokratinnen und Demokraten in Österreich. Haltet durch."

STANDARD: Auch Ihr Parteichef Martin Sonneborn sagt immer, es gehe darum, mit eurer Medienpräsenz Aufmerksamkeit für die wirklich wichtigen Themen zu schaffen. Welche sind das?

Semsrott: Völlig klar ist ja, dass die Klimaerwärmung das Thema Nummer eins ist. Haben wir Lust zu überleben oder nicht? Haben wir Lust, den nachfolgenden Generationen einen Planeten zu hinterlassen, auf dem es nicht dauernd Kriege um knapper werdende Ressourcen gibt? Das ist unschlagbar Thema Nummer eins. Thema Nummer zwei hängt damit zusammen. Die ganzen Klimawandelleugner von rechts, die letzten Endes auch die Demokratie und den Rechtsstaat abbauen wollen, um dann den Unternehmen noch mehr Macht zu geben. Global gibt es momentan ja drei Machtzentren: China, die USA und Europa. Es geht dabei eigentlich darum, sich für die europäische Demokratie zu engagieren und liberale Werte zu verteidigen. Und wenn wir schon bei Werten sind: Es geht darum, Menschenrechte zu verteidigen, nicht systematisch unterlassene Hilfeleistung an den Grenzen und im Mittelmeer zu betreiben und Helfende zu bestrafen.

STANDARD: Sehen Sie das als das größte Versagen Europas der vergangenen Jahre – das Sterben im Mittelmeer?

Semsrott: Es ist auf jeden Fall das eindrücklichste Bild. Ich finde es schwer, bei all diesen Krassheiten und Diskrepanzen zwischen Selbsterzählung und Handeln genau das Thema zu finden, was am wichtigsten ist. Symbolisch steht es jedenfalls für sehr viele Fehlentwicklungen. Ich möchte ein progressives Europa. Ist Strache eigentlich drin?

Die Partei stellte ihre Sendezeit im deutschen Fernsehen für Wahlwerbespots den Seenotrettern von Sea-Watch zur Verfügung.
Nico Semsrott

STANDARD: Heinz-Christian Strache hat die notwendigen Vorzugsstimmen für ein EU-Mandat erhalten. Derzeit wird parteiintern diskutiert, ob er es annehmen soll. Berlusconi und Strache könnten also schon bald Ihre Amtskollegen sein.

Semsrott: Mhm, also wenn ich satirisch antworten müsste, wüsste ich jedenfalls, auf wessen Partys ich gehen würde. Aber na ja, deren Politik ist natürlich eine absolute Katastrophe. In Großbritannien gab es im EU-Wahlkampf ja diese Milkshake-Kampagne gegen Nigel Farage. Ich könnte mir vorstellen, dass ich dann auch die ganze Zeit einen Milkshake bei mir haben werde. Grundsätzlich geht es aber darum, die Rechten mit dem zu bekämpfen, vor dem sie am meisten Angst haben: Humor und Fakten.

Brexit-Party-Frontmann und Chef-EU-Skeptiker Nigel Farage wurde im Wahlkampf immer wieder Opfer von Milkshake-Angriffen.
Foto: AP / Tom Wilkinson

STANDARD: Ihr habt mit Die Partei mehr als doppelt so viele Instagram-Follower wie die nächstgrößere Partei und gebt dabei keinen Cent für Onlinewerbung aus. Hilft euch euer Schmäh dabei, die Algorithmen der großen US-Konzerne auszuhebeln, wofür andere Parteien große Summen an Geld reinpumpen müssen?

Semsrott: Bestimmt. Was wir posten, guckt man sich nicht nur freiwillig an, sondern schickt es auch noch Freunden weiter. Das ist eine völlig andere Herangehensweise an Politik, aber nur weil es lustig ist, heißt es nicht, dass es weniger ernst ist. Im Gegenteil: Man kennt das doch auch von Sendungen wie "Willkommen Österreich" oder von Josef Hader, da werden ja ernste Themen besprochen, nur attraktiv verpackt – auf Lacher ausgerichtet, aber mit Botschaften verknüpft.

STANDARD: Nervt es Sie, dass Parteien wie die Ihre bei Wahlergebnissen nur unter "sonstige" aufscheinen?

Semsrott: Tun wir ja mittlerweile gar nicht mehr. Das hat eine Woche vor der Wahl aufgehört. Wir haben jetzt unseren eigenen Balken bekommen und können der Zukunft ganz gelassen entgegenblicken.

STANDARD: Wenn also Deutschland im Jahr 2024 als einer der letzten Staaten eine Prozenthürde einführt, schafft Ihr das?

Semsrott: Davon ist aktuell auszugehen. Vielleicht wehrt sich die SPD aus Selbstschutz aber eh auch noch gegen diese Hürde.

Über Ergebnisse etwaiger Fraktionsgespräche halten sich Semsrott und Sonneborn im besten Politikersprech bedeckt.
Foto: PA/dpa/Wolfgang Kumm

STANDARD: Gibt es schon Ergebnisse der Gespräche über eine etwaige Fraktionsmitgliedschaft?

Semsrott: Da benutze ich jetzt ganz bewusst Politikerfloskeln und sage Ihnen, wir sind mit allen im Gespräch, die Gespräche laufen ergebnisoffen und in guter Atmosphäre, und bevor die Tinte nicht trocken ist, sage ich nichts mehr.

STANDARD: Wie sehen Sie dem Leistungsdruck im EU-Parlament entgegen? Wird es hart werden oder Spaß machen?

Semsrott: Von allem, was ich mitbekommen habe, leisten die meisten Politikerinnen und Politiker da extrem viel. Schon jetzt finde ich das Vorurteil schrecklich, zu sagen, die seien alle faul. Von den kleinen Einblicken, die ich bisher hatte, ist der Leistungsdruck, glaube ich, enorm. Für uns als Die Partei ist das aber nochmal anders: Wir sind freier, aber wir haben uns ein großes Publikum aufgebaut, das uns kontrolliert und das sich etwas von uns erwartet.

Allein für das Foto mit Kapuze auf dem Parlamentsausweis hätte sich ihre Stimme schon rentiert, schreiben Semsrott einige Wähler. Viele mehr fordern allerdings, dass er aus dem Mandat etwas machen solle. Er wird das Mandat keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen, so Semsrott.

STANDARD: Haben Sie politische Vorbilder?

Semsrott: Greta Thunberg, Alexandria Ocasio-Cortez und Pippi Langstrumpf, die hat auch ihr Ding durchgezogen.

STANDARD: 60 Prozent der deutschen Erstwählerinnen und Erstwähler haben links gewählt. Wie löst man diesen politischen Generationenkonflikt?

Semsrott: Ich glaube, das lässt sich nicht lösen, weil es bei den älteren Parteien keine Bewegung gibt. Die werden das Prinzip bis zum Ende nicht verstehen. Und es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Jungen dann übernehmen. Leider sind es noch drei Jahrzehnte bis dahin.

STANDARD: Ab wann ist man reif, um mitzuentscheiden? In Deutschland ist das Wahlalter ja bei 18 Jahren, und dennoch sind die Fridays-for-Future-Kids die erste Generation, die einen wirklichen Wandel in der Klimapolitik anstoßen kann, scheint es.

Semsrott: Vielleicht wäre es aus taktischer Sicht sogar gut, das Wahlalter noch höher anzusetzen, um die Leute wütend zu machen und zum Engagement zu bringen. Nein, das ist tatsächlich eine philosophische Frage. Ich weiß nicht, warum man nur die Menschen unter 18 oder 16 ausschließt und nicht auch noch andere Gruppen. Demokratietheoretisch ist es, glaube ich, schwer zu verstehen, warum ein Sechsjähriger nicht auch wählen sollte. Man findet das erst einmal absurd, aber auch nur aus einer Tradition heraus. Eigentlich soll jeder abstimmen dürfen, weil man ja niemandem das Wahlrecht entziehen kann. Auch verwirrten älteren Menschen kann man das Wahlrecht natürlich nicht entziehen. Wenn Zurechnungsfähigkeit ein Kriterium fürs Wählen sein sollte, dann muss man ja auf beiden Seiten des Altersspektrums Leute ausschließen, und das ist irgendwie nicht gerecht. Ich habe darauf keine wirkliche Antwort. Ich frage nur zurück: Was ist am jetzigen System fair?

Satirische Powerpoint-Präsentationen wie dieser Hasen-AfD-Vergleich machten Semsrott in Deutschland einst bekannt.
ZDF heute-show

STANDARD: CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hatte nach dem schwachen Europawahlergebnis Regeln für "Meinungsmache" im Internet in Wahlkampfzeiten ins Gespräch gebracht. Das Rezo-Video wurde auch bei uns diskutiert – auch im Hinblick darauf, ob die Politik noch die Sprache der Jugend spricht.

Semsrott: Hat sie doch noch nie getan, die spricht ja nicht einmal die Sprache der normalen Menschen. Ich war kürzlich in so einer Talkshow mit einem CDU-Ministerpräsidenten, und der hat dort das Wort "Binnenpluralität" gesagt. Und ich dachte mir so: Wow, damit holst du die Leute ab, das zündet richtig. Ich will jetzt auch bald einmal ein Video zu Binnenpluralität machen, weil mich das so elektrisiert hat. Ich habe echt Angst, dass ich in diesem Politikbetrieb auch immer mehr mit Floskeln und Redewendungen rede und verlerne, einen graden Satz zu sagen. Primär braucht es Inhalte, aber es braucht auch mehr Workshops für politische Kommunikation. Die Rechten und Rechtsradikalen haben das drauf in ganz Europa. Die Progressiven schlafen da immer noch. Und wir als Die Partei versuchen dem ein wenig zu entgegnen.

STANDARD: Sie haben selbst Gewissensbisse, wenn sie mit dem Flieger verreisen. In welchem Verhältnis sollen Eigenverantwortung und politische Vorgaben stehen?

Semsrott: Ich bin davon überzeugt, dass wir ein Affenhirn haben, das die globale Skala nicht versteht. Es ist zu abstrakt, um ein eindeutiges Motiv zu haben, nicht zu fliegen oder vernünftige Dinge zu tun. Dafür braucht es eine kluge Politik und einen klugen Staat, der Motivation und Bestrafung gleichzeitig anbietet. Es muss Wege geben, CO2-ausstoßende Flugzeuge binnen weniger Jahre zu verbieten und bis dahin die Kosten zu erhöhen und neue Antriebstechniken zu fördern. Das Interesse gibt es aber nicht, weil Politik und Industrie so stark miteinander verwoben sind und Politiker zu sehr Angst vor dem Arbeitsplätzeargument haben. Mutige Schritte sind deshalb in den nächsten Monaten wohl nicht zu erwarten.

STANDARD: Abrupter Themenwechsel: Sie sprechen sich immer wieder für die Enttabuisierung psychischer Krankheiten wie Depressionen aus. Welche Tabus müssen wir als Gesellschaft künftig noch brechen?

Semsrott: Ich würde daran anschließen. Alles, was mit Schwäche in der Erzählung zu tun hat. Selbstzweifel, Rollenbilder et cetera. Ich rege mich gerade furchtbar über manche Kommentare zur Maischberger-Sendung auf, wonach ich aggressiver hätte sein müssen. Nö, muss ich überhaupt nicht. Ich muss mich dieser Konkurrenzgebarung und diesem Machogehabe nicht anschließen. Ich wünsche mir einen sanfteren und zärtlicheren Umgang miteinander. Auch wenn das wie ein Widerspruch klingt: Ich versuche mit aller Wucht und Härte, mehr Zärtlichkeit durchzudrücken.

STANDARD: Welche technischen Errungenschaften bereiten Ihnen am meisten Sorge?

Semsrott: Die größte Sorge ist nicht die Technik an sich, sondern dass die Politik nicht ihre Aufgabe erfüllt und den Markt einfach machen lässt. Der Staatenverbund der Europäischen Union hat natürlich die Macht, den Unternehmen vorzuschreiben, wie die Technik einzusetzen ist – wenn es um automatische Gesichtserkennung geht, um das Sammeln von Daten, Bewegungssensoren und dergleichen. All das kann und soll die EU im Sinne einer Bürgerrechtsunion verbieten. Ich habe, wie gesagt, Sorge, dass es die Politik nicht versteht und dass sie sich von Unternehmen kaufen lässt. Wählerinnen und Wähler haben ja keine richtige Lobby. Es gibt zwischen 20.000 und 30.000 Lobbyisten in Brüssel und 751 Parlamentarier. Das ist ein wenig ungerecht, noch dazu, wenn die Hälfte der Parlamentarier aufseiten der Unternehmen arbeitet.

Scharfe Satire war auch bei den Wahlkampfauftritten der Partei omnipräsent.
Nico Semsrott

STANDARD: Welche Fähigkeiten und Kompetenzen soll ein junger Mensch heute erlernen?

Semsrott: Denken, denken, denken – also kreativ sein. Unbedingt neue Ideen entwickeln und diese annehmen können, weil die Entwicklungen so schnell vorangehen, dass man immer weiter lernen muss. Grundfähigkeiten sind wichtiger als Grundwissen. Und ich wünsche mir so sehr, dass es mehr psychologische Kompetenzen gibt. Mehr Reflektionsvermögen, was tue ich hier, was machen die anderen in der Gruppe? Wie können wir besser miteinander klarkommen? Am liebsten würde ich alle Menschen in ihrer Jugend schon einmal in die Therapie schicken. Gar nicht, weil es ihnen schlecht geht oder so, sondern weil es gut ist zu verstehen, welche Gefühle zu welchen Handlungen führen und was in einem selbst passiert. Wenn das noch zusätzlich beigebracht würde, würde auch die Politik ganz anders aussehen.

STANDARD: Und vielleicht auch die politische Partizipation in Zukunft verändern?

Semsrott: Absolut, ja. Meine Religion ist die Psychologie. Ich glaube, dass jeder an etwas glaubt. Man kann nicht nicht glauben, und meine Lehre ist die Psychologie, weil man etwas ausprobieren kann, beobachten kann und dann herausfinden kann – und diesen wissenschaftlichen Ansatz schätze ich sehr, denn die Psychologie kann uns am meisten über unser Verhalten erzählen. (Fabian Sommavilla, 2.6.2019)