Protest gegen das Artensterben: Aktivisten der Gruppe Extinction Rebellion vergossen in Paris 300 Liter Kunstblut.

Foto: APA/AFP/FRANCOIS GUILLOT

Einer der wichtigste Gründe für das Artensterben: "Landnutzungsänderungen", zum Beispiel die Abholzung von Regenwald.

Foto: REUTERS/Bruno Kelly

Es ist der Morgen des 6. Mai 2019, als Archie Harrison, das Kind von Prinz Harry und Herzogin Meghan, das Licht der Welt erblickt. Beinahe gleichzeitig veröffentlicht der UN-Biodiversitätsrat IPBES seinen neuen Bericht. Für die Wissenschafter, die das Wochenende davor in Paris tagten, hätte es wohl keinen schlechteren Zeitpunkt für den royalen Nachwuchs geben können.

Der Bericht ist die größte internationale Untersuchung zum Artenschutz, die es je gegeben hat. Drei Jahre lang arbeiteten Experten aus aller Welt an dem Bericht, mehr als 15.000 Quellen haben sie analysiert, mehrere Millionen Euro hat die Forschung verschlungen. Der Bericht füllt 1800 Seiten und dokumentiert, wie wir nach und nach die Tier- und Pflanzenwelt ausrotten. Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht. Handeln wir nicht schnell genug, bringen wir uns in sehr ernste Probleme. Doch in den meisten Medien ging die Warnung des Rates unter den Jubelmeldungen zum royalen Arterhalt unter.

TED-Ed

"Mindestens so bedrohlich" wie der Klimawandel

Dabei ist das Problem so dringlich, dass die Uno die laufende Dekade zu jener der Biodiversität erklärt hat. Aber ganz ehrlich: Haben Sie das mitbekommen? Während Klimaschutz in der Gesellschaft angekommen ist, Schüler auf die Straßen treibt und Wahlen beeinflusst, ist Biodiversität wenig mehr als ein Fachwort. Dabei ist das massenhafte Artensterben "mindestens so bedrohlich" wie der Klimawandel. Das sagt zumindest Robert Watson, Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats.

Aber wen kümmert es schon, wenn es weniger Käfer, Würmer, Plankton gibt? Weniger Gelsen, die die immer lauer werdende Sommernächte stören?

"Ich lebe auch gerne ohne Moskitos im Sommer", sagt Günter Mitlacher, der beim WWF die internationale Biodiversitätspolitik koordiniert. Aber gerade über Insekten, die besonders gefährdet sind, ist vergleichsweise wenig bekannt. Von vielen Tieren wisse man gar nicht, welche Funktion sie in einem Ökosystem haben, erklärt Mitlacher, und nur ein Bruchteil der Räuber-Beute-Beziehungen ist bisher erforscht.

Ein Imker protestiert gegen die Übernahme von Monsanto durch Bayer bei der Aktionärsversammlung in Bonn im April. Die Bienen in seinen Händen seien im Bienenstock gestorben – ein Zeichen von Krankheit oder Vergiftung.
Foto: reuters/WOLFGANG RATTAY

Milliardenbusiness Bestäubung

Was hingegen jedes Kind weiß: Dass viele Pflanzen auf Bienen und andere Insekten angewiesen sind, um sich zu vermehren und Früchte zu tragen. Ohne Bienen gäbe es keine Erdbeeren, Äpfel, Birnen. "Was Bienen oder Hummeln gratis für uns Menschen leisten, das könnten wir gar nicht bezahlen", sagt Mitlacher. Auf bis zu 577 Milliarden US-Dollar beziffert der IPBES den Wert der Lebensmittel, die in Gefahr sind, wenn die wir keine Bestäuber hätten.

Ironischerweise sind es gerade Obstbäume, die am intensivsten mit Spritzmitteln behandelt werden. Ein Apfel aus konventionellem Anbau wird ungefähr 30-mal mit Pestiziden behandelt, sagt der Zoologe Johann Zaller von der Wiener Universität für Bodenkultur. Vergangenes Jahr erschien sein Buch Unser täglich Gift, in dem er den sorglosen Umgang mit Pestiziden anprangert. Von Landwirten und deren Interessenverbänden bekommt er immer noch wütende Anrufe und E-Mails.

Pestizide schlecht untersucht

Die meisten Substanzen, die auf Feldern versprüht werden, seien nur schlecht untersucht, kritisiert Zaller. Zwar würden einzelne Wirkstoffe auf ihre Giftigkeit getestet. "Aber wie sich die vielen Spritzmittel im Freiland gegenseitig beeinflussen, das weiß kein Mensch." In den toxikologischen Studien wird Versuchstieren so viel von einer Substanz gegeben, bis sie sterben. Ob sie langfristig geschädigt werden und zum Beispiel weniger Nachkommen zeugen, bleibe unklar.

Wie die vielen Pestizide in der freien Natur zusammenspielen ist wenig erforscht, sagt Zoologe Johann Zaller.
Foto: dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Eine der größten Gefahren für die Artenvielfalt ist die Art und Weise, wie wir heute Land nutzen, kurz: Wir brauchen zu viel Platz. Drei Viertel der gesamten Landoberfläche wurden bereits von Menschen verändert. Dort, wo Jahrmillionen lang nur die Natur Landschaft formte, stehen heute Einfamilienhäuser, Kulturwälder, Rinderweiden oder Fluglandebahnen. Platz, der der Natur fehlt.

Klimawandel heizt zusätzlich ein

Daneben ächzen die Weltmeere unter der Überfischung, Plastikmüll und giftigen Abwässern. Als wäre das nicht genug, heizt der Klimawandel vielen Spezies zusätzlich ein.

Auch wenn man kleine Taten setzen kann, um das Artensterben zumindest ein wenig einzudämmen – um das große Sterben zu verhindern, müssten Regierungen handeln.

Günther Mitlacher vom WWF fordert etwa, die EU-Agrarsubventionen in die richtigen – biologischen – Bahnen zu leiten. Laut IPBES sollen jährlich 100 Milliarden US-Dollar an Fördergeldern alleine in den OECD-Ländern in Landwirtschaften fließen, die der Natur potenziell schaden. Zaller fordert ein komplettes Verbot von Pestiziden.

Neben Warnungen liefert der Bericht auch Hoffnung: "Die Natur kann bewahrt, wiederhergestellt und nachhaltig genutzt werden", schreiben die Autoren. Die Frage ist nur: Wie lange noch? (Philip Pramer, 3.6.2019)