Rudolf Niedersüß empfängt in seinem Büro, einem winzigen holzgetäfelten Kammerl. Während des Interviews springt der 83-Jährige auf, um zu einem Kunden zu eilen. Der ersteht einen Anzug, den er gleich tragen will, weil er "ein Meeting" hat. Später wird er das gute Stück noch einmal vorbeibringen. Alle nötigen Änderungen gingen sich in der Eile nicht aus. Nach Vollendung der Arbeit wird man ihm das Kleidungsstück nach Rumänien nachschicken.

STANDARD: Ihr Fachgebiet sind die Herren. Aber ganz grundsätzlich: Was zeichnet gut gekleidete Menschen aus?

Niedersüß: Wenn man nicht negativ auffällt oder überdrüber gekleidet ist, ist man gut angezogen.

STANDARD: Das sind ja Kriterien, an denen sich jeden Tag etwas ändern kann. Sind Sie Herr über die Definition des guten Geschmacks?

Niedersüß: Nein. Adolf Loos hat gesagt, gut angezogen sein heißt, korrekt angezogen sein. Aber wenn heute jemand halbwegs angezogen ist, fällt er auch schon auf.

STANDARD: Sie können immerhin sagen, das ist Knize-Style. Der Laden von 1913 ist fast unverändert, inklusive des knarrenden Parketts. Ich bin fast vor Ehrfurcht erstarrt. Sie kamen in jungen Jahren hierher. Wie ist es Ihnen da ergangen?

Niedersüß: Ich bin von unten heraufgegangen und habe einen älteren Herren getroffen, den Geschäftsführer. Der war sehr nett. Ich habe halt ein sehr gutes Zeugnis mitgebracht. Da hat er gleich gesagt: Ja ja, kommen Sie zu uns. Und tun Sie sich mit den Mitarbeitern nicht zu sehr anfreunden, weil mit diesem Zeugnis haben wir mehr vor mit Ihnen. Ich habe wirklich sehr gut arbeiten gelernt und konnte nach dem ersten Jahr schon die Herrenmeisterprüfung machen.

STANDARD: Sie haben auch die Damenmeisterprüfung abgelegt. Die Damen können zwischen vielen Mustern, Farben, Silhouetten, Längen wählen. Nie bereut, nicht Damenschneider geworden zu sein?

Niedersüß: Nein. Es gibt so viele verschiedene Stoffe, so viele verschiedene Muster. Wenn jemand ein bisserl auffälliger sein will, gibt es das Esterhazy-Karo in vielen Farben. Die Herren müssen sich nicht als graue Mäuse fühlen.

STANDARD: Stichwort graue Mäuse. Da passt die Frage, was dran ist am Spruch von Friedrich Torbergs Tante Jolesch: "Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus."

Niedersüß: Alle Männer kennen den Spruch nicht. Leider. Die Eitlen sind nicht die Angenehmsten.

STANDARD: Ihre Kunden sind Fürsten, ehemalige Könige, namhafte Politiker. Wie wichtig ist es solchen Leuten, schick zu sein?

Niedersüß: Die wollen nicht schick sein, nur so angezogen, dass sie nicht auffallen. Wenn man beim Knize war, passt das.

STANDARD: Nicht für jeden. Exfinanzminister Hannes Androsch sind seine Maßanzüge schwer angekreidet worden. Auch über die Brioni-Anzüge des deutschen Exkanzlers Gerhard Schröder wurde lustvoll gelästert. Haben Sie einen Hintereingang für jene, die nicht erkannt werden wollen, wenn sie zu Ihnen kommen?

Niedersüß: Der Hintereingang wird eigentlich nicht mehr benützt. Aber Schröder hat ganz wenige Brioni-Anzüge gehabt. Das kommt halt dann von der Gegenseite. Und der Androsch wird sich auch innerhalb der Partei nicht nur Freunde gemacht haben, wenn sie gehört haben, dass er so viel Geld ausgibt. Aber gern hat er es eh nicht ausgegeben. (lacht)

STANDARD: Wo wir schon beim Mann sind, der sich gut kleidet: Wie erkennt er die Grenze zum Gockel?

Niedersüß: Es gibt welche, die sich wirklich viele Anzüge machen lassen. Beim Androsch war es so, dass er viele verbraucht hat. Weil er ein, wie soll ich sagen, sicher ein sehr intensiver Mensch war. Es gibt aber welche, die ganz einfach nur so eine Freude haben an jedem neuen Anzug. Die sehen einen neuen Stoff und sagen, so einen Anzug habe ich nicht. Machen Sie mir den, und machen Sie mir den.

STANDARD: Wie weit dürfen Spielereien gehen? Micky Maus auf der Krawatte, geht das?

Niedersüß: Die größte Auswahl an schönen und bunten Stecktüchern haben sicher wir. Nicht mit Micky Maus. Aber Bikini und Liegestuhl und Sonnenschirm sind drauf.

STANDARD: Und rote Socken?

Niedersüß: Wir sind mit Freunden auf einen Ball gegangen. Da hatten wir ausgemacht, er geht mit roten Socken, ich gehe mit blauen Socken. Ich finde das lustig, der verstorbene Generaldirektor Treichl Senior hat immer rote Socken angehabt. Er war immer bestens angezogen.

STANDARD: Sein Sohn trägt auch gerne Ihre Anzüge. Viele der Superreichen der Welt kleiden sich heute aber lieber in Kapuzenpullis. Ist der Anzug ein Statussymbol für eine aussterbende Generation?

Niedersüß: Sicher nicht. Es gibt jetzt vielleicht einmal ein gewisses Tief. Aber wenn man in ein gutes Hotel in Italien kommt, dann sind die Damen beim Abendessen super gekleidet und die Männer kommen ohne Socken und in irgendwelchen Tod's. Das ist für mich abstoßend. Ich ziehe mir dann absichtlich ein Sakko und eine Krawatte an.

Der Nobelschneider Rudolf Niedersüß.
Foto: Hendrich

STANDARD: Ihre jüngeren Kinder sind elf und neun. Die werden wohl nicht vor H&M zurückschrecken?

Niedersüß: Der Friedrich kriegt vielleicht sogar ein T-Shirt von H&M, weil er gleich wieder drausgewachsen ist. Auch H&M verkauft mitunter Sachen, die gar nicht schlecht sind. Aber die Masse ist halt billig und zum schnell wieder Wegschmeißen. Aber mein Sohn rechnet sich auch schon aus, wann er den ersten Frack vom Papa bekommt.

STANDARD: Ein Maßanzug kostet fast 8000 Euro ...

Niedersüß: Ja, aber das bekommen die Kinder nicht.

STANDARD: Ich wollte ohnehin über Preis und Wert mit Ihnen reden. Was ist für Sie teuer?

Niedersüß: Teuer ist, wenn etwas schlechte Qualität ist und viel Geld kostet. Zum Beispiel diese Sachen von diesen Haute-Couture-Firmen. Die sind alle teuer. Man weiß, dass die Firmen unter einer gewissen Kalkulation nix verkaufen. Dann passiert es, dass zum Beispiel Gucci die Firma Brioni kauft und die Qualität bei Brioni nach unten geht und die Preise nach oben. Wir haben sofort aufgehört, Brioni zu verkaufen, weil uns das nicht mehr entspricht.

STANDARD: Für einen handgefertigten Anzug braucht man 70 Arbeitsstunden. Vor zehn Jahren haben Sie rund 200 im Jahr geschneidert. Schaffen Sie das noch?

Niedersüß: Wir machen jetzt relativ wenig, weil wir zu wenige Mitarbeiter haben. Es ist eine Katastrophe. Es gibt viele, die Design machen und das von Grund auf lernen möchten. Das bringt ihnen viel ein, wenn sie sagen können, dass sie bei Knize auch das Handwerk gelernt haben. Aber viele sind heute nicht mehr bereit, so viel herzugeben, um das zu lernen. Wir bilden auch aus, aber leider schaffen es manche gar nicht. Nach einem Jahr gehen sie, weil ihnen das zu mühsam ist. Leider.

STANDARD: Ist etwas dran an den Klagen so mancher Unternehmer, dass die Jungen keinen Biss haben?

Niedersüß: Das stimmt auch. Der Leistungsabfall ist bei uns sicher 30 Prozent. Also ich muss 30 Prozent teurer sein, als ich es früher gewesen wäre. Vielleicht ist es nicht nur der Leistungswille, die jungen Leute glotzen viel zu viel ins Fernsehen oder sitzen weiß ich wie lange bei Handy und iPad und kommen dann in der Früh schon müde. Das ist auch ein Problem. Aber ich habe einen Elektriker aus der Südsteiermark dagehabt, der dasselbe gesagt hat: Die Jungen wollen nicht mehr zupacken.

STANDARD: Die Anzugträger unter ihnen tragen jetzt Slim Fit. Das ist gerade allgemein sehr in. Wie eng darf ein Anzug sein?

Niedersüß: Da fällt mir der Kern (Exkanzler Christian Kern, Anm.) ein, der natürlich wahnsinnig schlecht angezogen war. Der ist einmal um zehn vor der Tür gestanden, gleich nach einem Artikel im STANDARD. Er hat sich einen eleganten Anzug gekauft. Wissen Sie, hat er gesagt, ich habe es gerne eng. Ich habe dann gesagt: Ja, knapp schon, aber nicht so eng wie der Anzug, den Sie bei der Frau Merkel angehabt haben. Hat er gesagt: War ich da so schlecht angezogen? Habe ich gesagt: Schauen Sie sich das Foto an. Am nächsten Tag war natürlich ein Meuchelfoto in der Presse. Von hinten unten, da sind ihm die engen Hosen hinaufgerutscht. Er hat wirklich neben der Merkel so furchtbar ausgeschaut.

STANDARD: Wer ist in Ihren strengen Augen der am besten gekleidete Mann?

Niedersüß: Das kann ich gar nicht sagen.

STANDARD: Gibt es so viele?

Niedersüß: Nein, das nicht. Aber einige davon sind meine Kunden. (Regina Bruckner, 1.6.2019)