In Khartum brennen Reifen.

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Die "Revolutionsmeile", einen Tag nach dem Massaker der Sicherheitskräfte in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Wo einst Tausende von Demonstranten flanierten, Musik und politischen Reden zuhörten oder Sprechchöre skandierten, herrscht jetzt gähnende Leere: Die zahllosen Zelte – darunter eine Krankenstation – sind abgebrannt, das große Podium liegt zerstört auf dem Boden, auf der Straße sind Blutflecke auszumachen. Soldaten und Milizionäre haben das Gelände vor dem Hauptquartier der Streitkräfte weiträumig abgesperrt: Das revolutionäre Volksfest, das die Bevölkerung der Stadt zwei Monate lang in Atem hielt, ist der Totenstille gewichen.

Nach den Schüssen die Ruhe.
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Auch am Dienstag sind in Khartum immer wieder Schüsse zu hören, die Milizionäre der Rapid Support Forces (RSF) rasen in ihren mit schweren Maschinengewehren bewaffneten Pick-ups durch die Straßen der Stadt, in blaue Uniformen gekleidete Bereitschaftspolizisten schlagen mit ihren langen Holzstöcken immer wieder auf Menschen ein, die sich zu Protestzügen versammeln wollen. Die Geschäfte blieben am Dienstag fast ausnahmslos geschlossen, Demonstranten errichteten Straßensperren, die von den Sicherheitskräften umgehend geräumt wurden. Die Zahl der am Montag Getöteten wird von oppositionsnahen Ärzten inzwischen mit über 100 angegeben. Zuvor war von 35 Toten die Rede. Die Opferzahl musste revidiert werden. Augenzeugen zufolge sind Leichen von den RSF-Milizionären in den Nil geworfen wurden.

Mobilnetze abgeschaltet

Was in Khartum genau vorgeht, lässt sich schwer sagen: Über die Stadt wurde ein "Blackout" verhängt – mit dem Internet sind die sozialen Netzwerke unterbrochen, auch die Mobilfunknetze funktionieren nicht mehr, ausländische Journalisten wurden von den Sicherheitskräften in ihren Hotels festgehalten. Ob der von der Opposition erklärte Generalstreik und die Kampagne des zivilen Ungehorsams befolgt wurden, lässt sich auch deshalb schwer einschätzen, weil der Fastenmonat Ramadan am Dienstag mit dem Eid-Feiertag endete, der von der Opposition zum Trauertag erklärt wurde. Die Militärs haben den Eid indessen auf Mittwoch verschoben.

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Am Dienstagmorgen meldete sich der Chef des Militärischen Übergangsrats (TMC), Abdel Fattah al-Burhan, mit einer Fernsehansprache zu Wort. Bei dem Angriff auf die Revolutionsmeile habe es sich um eine "ungewollte Entwicklung" gehandelt, erklärte der General: Sicherheitskräfte hätten Ganoven aus dem nahegelegenen Stadtteil Kolumbien dingfest machen wollten, die auf die Revolutionsmeile geflüchtet seien. Gleichzeitig gab der General allerdings den Abbruch der Verhandlungen mit der Spa und die Stornierung aller bisher getroffenen Vereinbarungen bekannt: Der Militärrat wolle bis spätestens in neun Monaten Wahlen abhalten, weil ein "Mandat zum Regieren" lediglich durch eine Abstimmung möglich sei. Die Opposition lehnt einen frühen Urnengang ab: Sie befürchtet, dass dieser von den Militärherrschern manipuliert werden wird – wie im Nachbarstaat Ägypten, wo sich Abdel Fattah al-Sisi nach seinem Putsch gegen die gewählte Regierung Mohamed Morsis bereits zweimal mit umstrittenen Wahlen als Präsident bestätigen ließ, zuletzt mit angeblich 98 Prozent aller abgegebenen Stimmen.

Abdel Fattah al-Burhan erklärt seine Sicht der Dinge im TV.
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Sondersitzung im Sicherheitsrat

Die brutale Militäraktion, in deren Rahmen es auch zu Plünderungen und Vergewaltigungen gekommen sein soll, stieß im Ausland auf einhellige Verurteilung. UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich vor allem über die Berichte alarmiert, wonach RSF-Milizionäre selbst in Krankenhäusern das Feuer eröffneten und das Pflegepersonal mit Schlagstöcken traktierten. Mehrere Regierungen forderten eine unabhängige Untersuchung der Vorgänge. Auf Antrag Deutschlands, das derzeit über einen Sitz im UN-Sicherheitsrat verfügt, fand am Dienstag in New York eine Sondersitzung des Gremiums hinter verschlossenen Türen statt. Amnesty International forderte den Sicherheitsrat auf, Sanktionen gegen den Militärischen Übergangsrat zu verhängen, dessen Vizechef Mohamed Hamdan Dagalo alias Hemiti weithin als Drahtzieher des gewalttätigen Einsatzes gilt. Hemiti ist der Kommandeur der RSF-Miliz, die als Dschandschawid-Miliz bereits in den Darfur-Provinzen zahlreiche schwere Menschenrechtsverletzungen begangen haben soll. (Johannes Dieterich, 4.6.2019)