Miller ist ein enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin. Seit 2001 im Amt gilt er vielen als verantwortlich für die unterdurchschnittliche Performance des Konzerns.

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Mit Riesenkurssprüngen ist Gazprom in dieser Woche zum größten Konzern Russlands aufgestiegen. Die Aktionäre freuen sich dabei nicht nur über eine verbesserte Dividende, sondern spekulierten augenscheinlich auch auf den Abgang von Konzernchef Alexej Miller.

Lange hatten Gazprom-Aktionäre auf diesen Tag warten müssen: Das letzte Mal war der Konzern im April 2016 das Schwergewicht unter Russlands Großkonzernen. Dann wurde er bei der Marktkapitalisierung erst von Rosneft überholt, dann von der Sberbank und für einige Zeit sogar von Lukoil und Novatek. Die Investoren zweifelten nicht am Potenzial, wohl aber an der Konzernpolitik. Die niedrigen Dividenden zusammen mit unvorhersagbaren Investitionen, einer hohen Steuerbelastung und politischen Risiken zählt Dmitri Marintschenko von der Ratingagentur Fitch als Belastungsfaktoren für den Aktienkurs auf.

Megaprojekte

Gerade die politisch motivierten Megaprojekte drückten auf Gewinne und die Stimmung am Markt. Die knapp 4000 Kilometer lange Pipeline "Kraft Sibiriens" beispielsweise kostet zusammen mit der Erschließung der dazugehörigen Lagerstätten Tschajanda und Kowykta geschätzt 55 bis 70 Milliarden Dollar. Doch um die Bedingungen für die Gaslieferungen nach China für die die Leitung gebaut wurde, macht Gazprom bis heute ein Geheimnis. Aus Verhandlungskreisen sickerte nur durch, dass die Chinesen den Preis stark drückten. Als der Sberbank-Analyst Alexander Fak die Rentabilität des Projekts ebenso wie bei der Pipeline Turkstream offen anzweifelte und Gewinne lediglich bei den beauftragten Bauunternehmen Putin-naher Oligarchen verortete, wurde er im vergangenen Jahr auf Druck von Gazprom gefeuert.

Damit demonstrierte Gazprom eindrucksvoll seine Lobbyfähigkeiten. Das Vertrauen in die kaufmännische Kompetenz der Konzernführung ist dadurch hingegen in der Branche nicht gestiegen. Doch nun deuten sich Veränderungen beim schwerfälligen Giganten an: Anfang des Jahres mussten zwei langjährige Top-Manager, darunter der für den Export zuständige Alexander Medwedew gehen. Medwedew wurde ohne große Dankesworte in Rente geschickt – mit 63 durchaus verfrüht. Und Ende Mai erklärte der Direktor der Finanzabteilung von Gazprom Alexander Iwannikow, dass der Konzern bis Jahresende eine neue Dividendenpolitik ausarbeiten werde. Seinen Angaben nach will Gazprom zumindest in den nächsten zwei bis drei Jahren seinen Aktionären 50 Prozent des Gewinns ausschütten.

Kursfeuerwerk

Iwannikow warnte zwar, dass der Konzern seine ungeschriebene Regel, die Dividenden niemals unter Vorjahresniveau zu senken, womöglich nicht beibehalten werde und es eine "Reihe objektiver Gründe gibt, die dazu führen könnten, dass unser Finanzergebnis in diesem Jahr unter dem Niveau von 2018 bleibt", trotzdem hat die Nachricht einer generell höheren Ausschüttung von Gewinnen in Form von Dividenden ein wahres Kursfeuerwerk an der Moskauer Börse ausgelöst.

Allerdings war dies nicht der einzige Grund, warum der Aktienkurs am Montag im Tagesverlauf teilweise um 15 Prozent zulegte, ehe er dann am Ende mit einem Plus von 9,5 Prozent aus dem Handel ging: Spekulationen um eine Ablösung von Gazprom-Chef Alexej Miller hatten die Phantasie der Händler beflügelt. "Gerüchte um einen möglichen Rücktritt des Vorstandschefs dürften tatsächlich der Katalysator für den Anstieg gewesen sein", meint der Direktor der Consultingagentur Nikita Rjabinin. Seiner Ansicht nach wurden mehrere Banken auf dem falschen Fuß erwischt und mussten Short-Positionen schließen.

Unterdurchschnittliche Performance

Miller, ein enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin, ist seit 2001 im Amt und gilt vielen als verantwortlich für die unterdurchschnittliche Performance des Konzerns in den letzten Jahren. "Gazprom investiert irrsinnige Summen in nutzlose Projekte", kommentierte der Energieexperte Michail Krutichin daher die Reaktion auf das Rücktrittsgerücht, das in verschiedenen als kremlnah geltenden Blogs gestreut wurden. Dort wurde bereits Alexander Djukow, der bisherige Chef der Tochter GazpromNeft als Nachfolger gehandelt.

Zumindest kurzfristig haben sich die Spekulationen nicht bestätigt. Auf der Vorstandssitzung am Dienstag war der Rücktritt kein Thema, auch wenn es Insidern zufolge nicht endgültig vom Tisch ist. Dafür bestätigte Miller aber das Ziel, künftig 50 Prozent der Gewinne auszuschütten. Das reichte, um die Aktie auch im Wochenverlauf auf dem neuen Niveau zu stabilisieren.

Optimistische Experten

Experten sind optimistisch. Neun der von Bloomberg befragten zwölf Analysten raten zum Kauf der Aktie. Andrej Polischtschuk von der Raiffeisenbank bestätigte gegenüber dem Standard seine Kaufempfehlung. "Unser Kursziel liegt bei 255 Rubel", sagte er. Am Donnerstag wurden die Papiere in Moskau für 232 Rubel gehandelt. Laut Polischtschuk nimmt Gazprom derzeit aktiv strukturelle Veränderungen im Management vor. "Dies lässt die Minderheitsaktionäre darauf hoffen, dass künftig Gazprom stärker die Kosten kontrolliert und bei Projekten auf Rentabilität achtet", sagte Polischtschuk. Der Cashflow werde sich dadurch pro Jahr um mindestens um drei Milliarden Dollar erhöhen, schätzt er.

Unsicherheitsfaktoren bleiben natürlich weiter: Zwar soll nun endlich zum Jahresende die "Kraft Sibiriens" in Betrieb gehen und damit erste Einnahmen generieren. Der Druck auf das Pipelineprojekt Nordstream 2 ist aber vonseiten der USA unvermindert hoch, auch wenn die Bundesregierung ihrerseits exterritoriale Sanktionen gegen das Projekt verurteilte. Dazu kommt der anhaltende Streit mit der Ukraine, um Gaslieferungen und –transit, wo sich Gazprom Milliardenforderungen ausgesetzt sieht. Doch die Risiken sind nach Ansicht von Branchenexperten weitgehend eingepreist. Und immerhin besteht die Hoffnung, dass sich im Streit mit der Ukraine beide Seiten über den Sommer auf eine Regelung des Transits auch nach Vertragsende einigen, schließlich ist auch Kiew auf die Erlöse daraus angewiesen. (André Ballin, 6.6.2019)