Zahlreiche Frauen in Tokio auf dem Weg in die Arbeit – das Schuhwerk ist zwangsläufig immer das gleiche.

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Die 32-jährige Yumi Ishikawa steckt hinter der Kampagne gegen den Zwang zu Schuhabsätzen.

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In Japan hat gerade die Bewerbungssaison begonnen: Die Unternehmen wählen aus den Studenten, die im Winter die Universität abschließen, neue Trainees aus. Für die Vorstellungsgespräche schreiben sie eine einheitliche Bewerbungskleidung in Schwarz vor – für Männer Anzug und Krawatte, für Frauen Rock bis zum Knie, Blazer, weiße Bluse und Pumps mit breitem, halbhohem Absatz.

Nun erlebt Japan eine Rebellion gegen die strenge geschlechtsspezifische Kleiderordnung, die sich im Berufsleben meist fortsetzt. Tausende Frauen sammelten sich auf Twitter hinter dem Hashtag #KuToo. Der Begriff spielt auf die feministische #MeToo-Bewegung im Westen an und bedeutet auf Japanisch sowohl "Schuhe" als auch "Schmerz". Die Pumps verursachten Blasen, Fußverformung und Rückenschmerzen, beklagten Frauen in Tweets.

Hinter der Kampagne steckt das Model Yumi Ishikawa. Zwar posiert die 32-Jährige selbst für sexy Fotos in Boulevardblättern. Aber bei einem ihrer Nebenjobs für einen Bestatter ärgerte sie sich über den Pumps-Zwang für die Mitarbeiterinnen. "Das ist Diskriminierung", kritisierte sie die starren Geschlechterrollen in Japan. "Wir Frauen müssen uns klarmachen, dass wir nicht fair behandelt werden."

Gesetzesänderung abgelehnt

Online forderte Ishikawa ein Gesetz gegen den Zwang zu Schuhen mit Absätzen. Nach der Übergabe ihrer Petition, die von mehr als 21.000 Menschen unterzeichnet wurde, lehnte Arbeits- und Gesundheitsminister Takumi Nemoto eine Gesetzesänderung ab.

An manchen Arbeitsplätzen seien Pumps "notwendig und angemessen", erklärte der Politiker am Mittwoch im Parlament. Jedoch könne die Vorschrift diskriminierend sein, etwa bei Fußproblemen, räumte der 68-Jährige ein.

Großer Mangel an Arbeitskräften

Die offene Rebellion der Frauen wirft ein Schlaglicht auf einen dramatischen Wandel am Arbeitsmarkt. Bisher ertrugen die Japaner verletzende Schikanen, endlose Überstunden ohne Bezahlung und andere Ausbeutung, weil sie um ihren Job bangten. Aber wegen der Alterung der Gesellschaft und der schrumpfenden Bevölkerung herrscht inzwischen ein großer Mangel an Arbeitskräften. Dadurch sitzen Japans Arbeitnehmer erstmals am längeren Hebel.

Sobald ihre Vorgesetzten ihre Macht missbrauchen, wehren sie sich nun mit Tweets, Anzeigen und Klagen. Die Bandbreite dieses "Power Harassment", kurz "power hara" genannt, reicht von sexueller Belästigung (seku-hara) über die Diskriminierung von Vätern, die eine Babypause nehmen (pata-hara), bis zum Mobbing von älteren Angestellten, die mit der Digitalisierung ringen (ei-hara). Sogar das Abfragen von privaten Informationen (labu-hara) empfinden viele nun als Verletzung ihrer Rechte.

"Arbeitsstil-Reformen"

Die Regierung verstärkt den Trend mit ihren "Arbeitsstil-Reformen". Seit April ist die Zahl der Überstunden auf 60 im Monat begrenzt. Die Unternehmen müssen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter im Jahr mindestens fünf Urlaubstage nehmen. Das Arbeitsklima soll sich verbessern, damit vermehrt Jungeltern und Ältere erwerbstätig werden. "Das Gesetz hat die Atmosphäre in vielen Büros geändert", berichtete ein ausländischer Anwalt. Die Unternehmen fürchteten, ihre Mitarbeiter zu verlieren. Daher dürften viele nun früher Feierabend machen und mehr von zu Hause arbeiten.

Vergangene Woche verschärfte das Parlament das Gesetz gegen den Machtmissbrauch durch Vorgesetzte. Die Wirtschaftslobby wandte vergeblich ein, die Grenze zwischen Schikanierung und "strengem, aber fairem Management" sei schwer zu ziehen.

"Egoismus" der Frauen

Doch die männerdominierten Behörden und Unternehmen tut sich vor allem mit Frauen schwer. Erst vor einer Woche jammerte ein Ex-Minister ungeniert über den "Egoismus" der Japanerinnen, lieber Single zu bleiben, anstatt drei Kinder zu gebären. (Martin Fritz aus Tokio, 7.6.2019)