Früher einmal, tief im letzten Jahrhundert, gab es einen Managertypus, der nach eigener erfolgreicher Karriere in der Industrie das kapitalistische System in Frage stellte. "Auf die Bäume, ihr Affen" betitelte der ehemalige Schweizer Migros-Manager Hans Pestalozzi eines seiner Bücher, in dem er auch den früheren Arbeitgeber nicht mit seiner Kritik an der konsumorientierten Wachstumsgesellschaft schonte. Oder der ehemalige ABB-Manager Klaus Woltron, der in seinen Büchern über "Wege in den Postkapitalismus" und "Die Perestroika des Kapitalismus" nachdenkt. Man ist fast versucht, die Regel abzuleiten, dass derjenige, der seine Berufskarriere in der Wirtschaft ernsthaft reflektiert, irgendwann einmal das System in Frage stellt. Und Wortführer wie die beiden oben Genannten gelten zurecht als Wegbereiter eines kritischen Umwelt- und Wirtschaftsdenkens.

Eva Glawischnig und Christiane Brunner wechseln von der Abgeordnetenbank in die Industrie

In letzter Zeit ist jedoch etwas zu beobachten, das man quasi als "Gegenbewegung" bezeichnen möchte. Das prominenteste Beispiel dafür ist Eva Glawischnig, die langjährige Bundessprecherin und Klubobfrau der Grünen, die unmittelbar nach dem Ende ihrer politischen Karriere beim Glücksspielkonzern Novomatic anheuerte. Einen ähnlichen Schritt setzt nun die frühere grüne Nationalratsabgeordnete Christian Brunner, die in die "Corporate Affairs"-Abteilung des mehrheitlich staatlichen Energieunternehmen Verbund wechselt.

Die grünen Schläfer in der Industrie

Was bringt grüne Ex-Politiker dazu, genau dort anzuheuern, wo man ihm/ihr früher ein natürliches Feindbild unterstellen mochte? Ist es die fehlende Anerkennung in der Politik? Zu wenig Bezahlung? Oder einfach der Reiz des Verbotenen? Vielleicht liegen wir ja alle falsch und es handelt es sich in Wahrheit um die breit angelegte Unterwanderung des Feindes? Dann freilich hätte alles wieder seine Ordnung. Denn anders als die Altmanager kann man den grünen Neo-Managern nicht vorwerfen, dass sie das System jahrzehntelang mitgetragen und –geformt haben. Denn in Wahrheit nisten sich da einfach ewig-kritischen Geister vor dem Auge der Öffentlichkeit beim Glücksspiel und in der Großindustrie ein und warten dort auf den großen Tag, an dem sie vereint losschlagen werden. Wir werden uns noch wundern, was auch in der Wirtschaft alles möglich sein wird. (Markus A. Gaßner, 6.6.2019)

Zum Thema:

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Links:

Grüne Ex-Politikerin im Verbund (Kurier)

Vom Autor:

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