Kawhi Leonard kann mit seinen riesigen Händen Toronto zu einem historischen Erfolg führen.

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Jakob Pöltl sieht die Chancen seines Ex-Klubs auf den Meistertitel stark gestiegen.

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Dass sich in der National Basketball Assocation (NBA) eine Sensation anbahnt, ist Jakob Pöltl natürlich nicht entgangen. Der 22-Jährige schuftet zwar derzeit mit zwei Assistant-Coaches der San Antonio Spurs in Wien für sein viertes Profijahr in der NBA, manchmal macht er sich aber seine Gedanken. Was wäre wenn? Pöltls Ex-Klub Toronto führt im Finale gegen die Golden State Warriors 2:1, mit zwei weiteren Siegen können die Raptors ihren ersten Meistertitel in der Klubgeschichte und für Kanada holen. Das vierte Duell findet in der Nacht auf Samstag bei den Warriors in Oakland statt. "Torontos Chancen sind jetzt sehr stark gestiegen", sagt Pöltl zum STANDARD. "Manchmal passiert es mir, dass ich mir denke: Zach, da hätte ich dabei sein können. Das sind sozusagen meine Teamkollegen, die den Erfolg feiern, und ich kann nicht dabei sein." Tränen kommen Pöltl aber nicht. "Ich bin sehr zufrieden mit der Situation so wie sie jetzt ist."

Die Raptors galten vor Beginn der Finalserie als schwerer Außenseiter gegen die Warriors: Zu unerfahren auf der großen Bühne, zu wenig Offensivkraft, mit Nick Nurse ein unbeschriebenes Blatt als Coach. Doch der Titelverteidiger kämpft mit Verletzungspech. Mit Kevin Durant und Klay Thompson fielen zuletzt zwei der drei großen Stars bei Golden State aus. Durant zog sich in der Halbfinal-Serie gegen Portland einen Muskelfaserriss in der Wade zu und ganz Amerika diskutiert, ob der Superstar noch einmal in die Finalserie eingreifen wird können. Derzeit sieht es nicht so aus, auch Spiel vier verpasst der beste Werfer des Playoffs (34,2 Punkte im Schnitt). Thompson erlitt nach einem Spagat eine Zerrung der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Ob Durant für ein entscheidendes Spiel sieben fit gemacht wird? Oder schon früher? "Die Verletzungen spielen Toronto definitiv in die Karten, wenn zwei der drei besten Scorer beim Gegner ausfallen, musst du im Normalfall gewinnen", sagt Pöltl.

Aber was ist schon normal in dieser verrückten Saison. Mit Stephen Curry hat Golden State den besten Werfer in der Geschichte der NBA in seinen Reihen, seine 47 Punkte in Spiel drei, davon sechs Dreier, reichten den Warriors nicht, um eine Niederlage zu verhindern. Das Team hat auf dem Papier mit Curry, Draymond Green und Center DeMarcus Cousins noch immer drei All-Stars. Aber Green findet für seine guten Pässe keine Abnehmer, Cousins ist nach einer Oberschenkelverletzung noch nicht fit, er rettete den Warriors den Sieg in Spiel zwei, in Spiel drei war er wieder langsam wie eine Schnecke. "Wenn Toronto als Team verteidigt und Curry noch besser in den Griff bekommt, dann sieht es sehr gut aus. Die Frage ist: Wie bekommst du ihn in den Griff?"

Veränderungen im Spiel der Raptors

Toronto spielt uneigennützig, sucht immer den freien Mitspieler, findet eine gute Mischung aus Distanzwürfen und Punkten in Körbnähe. Bei Golden State verlässt man sich weiter auf die Dreier seiner Stars, die Mannschaft ist einfach nicht dafür gebaut, so viel Firepower zu ersetzen. Es hätte einen Traumabend eines Bankspielers wie Shaun Livingston oder "Swedish Larry" Jonas Jerebko gebraucht, aber außer Curry war da nix. Besonders in der Defense ging Thompson gegen die schnellen Flügelspieler der Raptors wie Pascal Siakam und Kawhi Leonard ab.

Bei den Raptors setzte Coach Nurse zuletzt auf eine Sieben-Mann-Rotation, was die Kanadier im Playoff auszeichnet: Jedes Spiel kann ein anderer Spieler herausragen aus dem Kollektiv, in Spiel eins war es unter dem Korb Marc Gasol mit 20 Punkten, in Spiel drei war es Serge Ibaka mit sechs unglaublichen Blocks. Pöltl hat Veränderungen im Spiel der Raptors ausgemacht im Vergleich zu den Vorjahren. "Als ich noch dort gespielt habe, lief das Spiel systemorientierter ab, war starrer. Jetzt spielen sie freier, die Spieler haben einen größeren Gestaltungsrahmen, vor allem in der Offensive."

Im Zentrum des Raptors-Erfolgs steht Kawhi Leonard, der sich inmitten eines der besten Playoff-Läufe der letzten zehn Jahre befindet (31,2 Punkte über 18 Spiele). Trotz muskulärer Probleme mit seinem linken Bein ist der 27-Jährige, der vor Saisonbeginn im Trade für Demar DeRozan und Pöltl von San Antonio nach Toronto transferiert wurde, nicht aufzuhalten. Gegen Philadelphia versenkte Leonard im Viertelfinale einen historischen Wurf in letzter Sekunde zum Sieg in der Serie, der Ball prallte viermal auf den Ring und entschied sich dann dazu, den Weg durch die Reuse zu finden.

Leonards Erinnerungen an einen dreckigen Spieler

Mit den Golden State Warriors hat Leonard eine Rechnung offen. 2017, damals noch im Dienste der San Antonio Spurs, führte sein Team im Halbfinale im ersten Spiel mit 23 Punkten, nach einer unsportlichen Aktion des Gegners verletzte sich Leonard weil ihm der Georgier Zaza Pachiulia unter den Wurf stieg und Leonard auf dessen Fuß landete und umknöchelte. "Die Klaue", wie Leonard auch genannt wird weil er die größten Hände aller NBA-Spieler hat, musste von der Bank zusehen wie Golden State die Spurs aus dem Titelrennen warf.

Pöltl: "Sollte Toronto gewinnen, ist Kawhi Leonard klar der MVP der Finalserie für mich. Er ist körperlich und mental stark, du spürst ihn als Gegner immer, ob in der Verteidigung oder in der Offensive. Im Fall eines dritten Titelgewinnes in Folge für Golden State wäre sein MPV Steph Curry. "Er ist das Herz der Warriors." (Florian Vetter, 7.6.2019)