Für die Verlierer des amerikanischen Traums ist das Leben kein Honiglecken. Gelegentlich muss für sie auch das Auto als Ersatzunterkunft herhalten.

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Im Jahr 2004 setzte sich der aus Kansas stammende US-Publizist Thomas Frank in seinem Buch What's the matter with Kansas? mit einem merkwürdigen Phänomen auseinander. Er suchte nach Erklärungen dafür, warum in dem einst als "radikal" geltenden Bundesstaat die Arbeiterschaft seit etlichen Jahrzehnten in Scharen zu den Republikanern übergelaufen war und unwahrscheinliche Allianzen von Milliardären und Habenichtsen entstanden, die auch heute noch die politische Landschaft in den USA prägen. Und dies nicht nur dort.

Franks Analyse fokussierte auf die seiner Meinung nach vollkommen übertrieben mediatisierte Polarisierung der beiden großen Parteien und das Versagen der Demokraten als angebliche Repräsentanten der Arbeiter, der Armen und Schwachen, welche es nicht verstanden, die Leute daran zu hindern, wider ihre ökonomischen Interessen zu wählen.

Parallelen zu Europa stellte Frank zwar nicht her, sie lagen und liegen aber auf der Hand. Man ersetze etwa "Demokraten" durch SPÖ und "Republikaner" durch Türkis-Blau, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie sich in unserer globalisierten Welt die Bilder gleichen.

Die schonungslose Analyse von Frank schlug damals kräftig ein. Sein auf Deutsch erschienenes Buch Americanic - eine etwas forcierte Zusammenziehung von "America" und "Titanic" – umfasst einen bunten Strauß von längeren und kürzeren Arbeiten Franks aus den Jahren 2008 bis 2018, welche in angenehm formulierter und dennoch eindringlicher Schärfe aufzeigen, was in den USA im Argen liegt.

Saftige Abreibung

Das Schöne an Frank ist, dass er, wiewohl Demokrat und Fan von Bernie Sanders und Joe Biden, bei seiner Kritik keineswegs nach Schema F vorgeht. Gewiss seien die Demokraten im Spektrum die "weniger Bösen", aber "gut" sind sie deswegen noch lange nicht.

Der Bewegung Occupy Wall Street, auf die die Linke nach dem 2008er-Krach ihre Hoffnungen gesetzt hatte, verpasst er eine saftige Abreibung ("womöglich das am meisten überbewertete historische Ereignis aller Zeiten"). Und die mit der Präsidentschaft von Barack Obama verbundenen Hoffnungen erwiesen sich für Frank bereits 2009 als obsolet, als Obama "einem Konferenzraum voll nervöser Wall-Street-Manager versicherte, sie könnten auf seinen Schutz zählen".

Umgekehrt billigt Frank Donald Trump, den er sonst glaubwürdig aus ganzem Herzen verabscheut, zumindest ein Gespür für die Sorgen seiner Wählerschaft zu, welche von Liberalen sehr schnell das Prädikat "Rassisten" umgehängt bekommt.

Frank: "Es ist so viel einfacher, sie als Rassisten zu verunglimpfen und die Augen vor der offensichtlichen Tatsache zu verschließen, die der Trumpismus nur in besonders krasser und hässlicher Weise zum Ausdruck bringt: dass der Neoliberalismus mit Pauken und Trompeten gescheitert ist." Franks Buch ist eine ausgesprochen lesenswerte Bestandsaufnahme dieses Scheiterns.

Fulminante Abrechnung

Wenn sich Literaturkritiker über die Politik hermachen, kann Interessantes dabei herauskommen. 2006 publizierte der New York Times-Kolumnist Frank Rich The Greatest Story Ever Sold: The Decline and Fall of Truth from 9/11 to Katrina, eine fulminante Abrechnung mit den ersten Jahren der G.-W.-Bush-Ära.

Bei diesem Unterfangen spielte Rich, der über ein Jahrzehnt als Theaterkritiker für die NYT tätig gewesen war, sein Können als Hochpräzisionsanalytiker von politischen Inszenierungen brillant aus und schuf ein Sittenbild einer Ära, das sich heute noch mit grimmigem Amüsement lesen lässt.

Die Abrechnung seiner New York Times-Kollegin Michiko Kakutani mit der Trump-Ära fällt weniger überzeugend aus. In ihrem 200-Seiten-Bändchen Der Tod der Wahrheit. Gedanken zur Kultur der Lüge zählt die Literaturkritikerin erschöpfend auf, was die lärmende Ägide des Prolo-Präsidenten charakterisiert: Verachtung von Expertentum und Vernunft, ungenierter Gebrauch von Lügen und Fake-News, Vulgarität am laufenden Band, das nicht enden wollende Flächenbombardement der Öffentlichkeit mit prahlerischen, gehässigen und wirren Tweets ("Covfefe") etc. So weit, so bekannt.

Leider ist der literarisch-ästhetische Mehrwert der Darstellung, den man sich von einer Femme de Lettres erwarten würde, bescheiden. Zwar bemüht sich Kakutani gewissenhaft, gedankliche Brücken zu Autoren zu bauen, die in der Analyse von Machtpathologien exzelliert haben – Hannah Arendt, Aldous Huxley, Victor Klemperer, George Orwell, David Foster Wallace -, doch die von ihr gewählte Knappheit der Darstellung hat zur Folge, dass man von einer substanziellen Vertiefung des Themas kaum sprechen kann.

Einlassungen in die ökonomischen Ursachen des Trumpismus, die man bei Thomas Frank zuhauf findet, sucht man bei Kakutani vergeblich. Immerhin liefert der Anmerkungsteil etliche gute Anregungen zum Weiterlesen.

Marschieren auf Beton

Ein wenig bekanntes und finanziell alles andere denn auf Rosen gebettetes US-Bevölkerungssegment porträtiert die auf Subkulturen spezialisierte Journalistin Jessica Bruder in Nomaden der Arbeit. Die Rede ist von Amerikanern aus der Alterskohorte 60 plus, welche durch die Finanzkrise 2008 um ihre Altersvorsorge gebracht wurden und nun um ihr Überleben kämpfen, indem sie mit Vans und Trucks auf der Suche nach Arbeit durch die USA fahren.

Mit einem "Ruhestand", der diesen Namen verdienen würde, hat das Leben dieser Leute nichts zu tun. Sie verdingen sich als schlechtbezahlte Campingplatzbetreuer oder als Hilfskräfte in Amazon-Lagerhäusern, wo sie stundenlang, peinlich genau von Vorgesetzten und elektronischen Gerätschaften überwacht, auf steinharten Betonböden herummarschieren und abenteuerlichen Schrott ("lebendige Wachsraupen, ein fünf Pfund schwerer Riesengummibär, ein Analstöpsel mit Plüschfuchsschwanz") in Regale schlichten.

Bruder hat jahrelang mit viel Verständnis und Sympathie recherchiert. Ihr OEuvre, eine Zusammenfassung bereits publizierter Reportagen, ist nicht frei von Redundanzen und – too much information – ermüdenden Details. Der Einblick aber in eine triste Arbeitswelt, in der Verlierer des amerikanischen Traums um ihre Würde kämpfen, lohnt die Lektüre allemal.(Christoph Winder, 8.6.2019)