Medien verbünden sich gegen die Unterdrückung.

Foto: REUTERS/Shamil Zhumatov

Iwan Golunow, ein russischer Investigativjournalist, wird von der Polizei verhaftet, geschlagen und des Drogenbesitzes angeklagt. Doch die Affäre weist zahlreiche Ungereimtheiten auf – und führt zu einer fast beispiellosen Solidarität in Russland für den Angeklagten.

"Ich bin / Wir sind Iwan Golunow", titelten am Montag mit Kommersant, Vedomosti und RBK daily gleich drei angesehene Tageszeitungen auf Seite eins (siehe Foto). Für den 12. Juni, den russischen Nationalfeiertag, haben Kollegen Golunows einen Protestmarsch bis vor die Polizeizentrale angekündigt, für den sich innerhalb weniger Stunden mehrere tausend Menschen über soziale Netzwerke anmeldeten.

Die Solidarität geht weit über die übliche Opposition hinaus. "Wir dürfen nicht zulassen, dass ein unbequemer Journalist dafür eingesperrt wird, dass er die Wahrheit schreibt", forderte etwa der bekannte Schauspieler und Regisseur Konstantin Chabenski während der Eröffnungszeremonie des Kinofestivals "Kinotawr" in Sotschi. Selbst das Staatsfernsehen unter dem Chefpropagandisten Dmitri Kisseljow, sonst stets bereit, die Schmutzkampagne gegen Oppositionelle anzuführen, wollte sich in dem Fall nicht eindeutig auf die Seite der Behörden stellen und kritisierte das "nicht einwandfreie, wenn nicht gar grobe" Verhalten der Ermittler.

Aufdecker

Bis vor seiner Festnahme war der Name Golunow der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt. Der 36-Jährige arbeitet als Korrespondent für das oppositionelle Internetmedium Medusa, das aufgrund des verschärften Vorgehens der Behörden gegen Internetmedien in Lettland registriert ist. Der Leserkreis ist eng, die Themen allerdings heiß: Golunow selbst schrieb über mehrere Korruptionsskandale. So deckte er die Aufteilung des lukrativen Bestattungsmarkts zwischen Mafia, Sicherheitsorganen und Beamten auf, schrieb über Milliardengeschäfte bei der illegalen Müllentsorgung oder über Luxusimmobilien eines ranghohen Beamten aus der Moskauer Stadtverwaltung.

Am Donnerstag wurde Golunow festgenommen und eigenen Angaben nach mehrfach geschlagen. Die später amtlich festgestellten Hämatome und Prellungen bestätigen seine Version. Die im Rucksack und in der Wohnung gefundenen Drogenpäckchen seien ihm untergeschoben worden, sagte Golunow. Dass die Polizei weder Fingerabdrücke zum Nachweis der Drogenspuren nahm noch ihm einen Anwalt stellte und in ihrem Bericht mit nachweislich falschen Fotos das angebliche Drogenlabor Golunows dokumentieren wollte, wie sie später selbst einräumen musste, lässt die Zweifel an den Sicherheitsorganen wachsen.

Wirtschaftsforum überschattet

Dass das Gericht Golunow bis zum Prozess unter Hausarrest stellte und nicht, wie vom Staatsanwalt gefordert und in Russland weitgehende Praxis, in U-Haft nahm, spricht Bände. Nicht nur über das dubiose Vorgehen der Beamten, sondern auch über die Unsicherheit der Behörden wegen des Echos in dem Skandal. Denn die Affäre überschattete sogar das Petersburger Wirtschaftsforum, bei dem sich der Kreml im besten Licht darstellen wollte. Wladimir Putin sei über den Fall, "der Fragen aufwirft", informiert, sagte dessen Sprecher Dmitri Peskow, wollte die Affäre aber ansonsten nicht kommentieren.

Das Problem für den Kreml liegt tiefer: Insgesamt ist das Vertrauen der Bevölkerung in Sicherheitsorgane und Rechtsstaatlichkeit gering. Das Misstrauen gegen den Beamtenapparat, aber auch die offizielle Meinungsmache wächst – und offenbar auch die Bereitschaft zu handeln. Eine gefährliche Mischung für den Kreml. (André Ballin aus Moskau, 10.6.2019)