Wenn es an der Wall Street gewittert, treiben die Verkäufe von ETF-Anlegern alle Aktien eines Index in Bausch und Bogen nach unten.

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Sie sind einfach, kostengünstig und erfreuen sich nicht nur bei Privatanlegern steigender Beliebtheit. Passive Anlageprodukte wie ETFs (Exchange Traded Funds) bilden zumeist einen gewissen Aktienindex wie den S&P 500 oder den Dax ab. Anleger können daher mit nur einem Wertpapier ganze Marktsegmente abdecken. Das kommt gut an, in den vergangenen fünf Jahren konnten ETF-Anbieter das verwaltete Vermögen in Europa auf derzeit rund 760 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Laut dem Fondsanalysehaus Morningstar soll das ETF-Gesamtvolumen in Europa bis 2024 auf rund zwei Billionen Euro weiter ansteigen.

"ETFs haben große Vorteile für Anleger, die man anerkennen muss", sagt Josef Zechner vom Institute for Finance, Banking and Insurance der WU Wien. Allerdings sieht er auch Schattenseiten und Nebenwirkungen des anhaltenden ETF-Booms. Zunächst sind Anleger mit einem Dax-ETF zwar indirekt an allen 30 Unternehmen des Index beteiligt, erhalten aber nicht alle Rechte eines Aktionärs. "ETF-Anleger schenken das Stimmrecht her, aber das besitzt auch einen Wert", sagt Zechner, der auch für den Salzburger Fondsanbieter Spängler Iqam Invest tätig ist.

Kurzfristiger Horizont

"ETFs scheinen Anleger anzuziehen, die einen eher kurzfristigen Anlagehorizont haben", sagt Zechner. Sprich, sie würden Investoren zum häufigen Umschichten des Portfolios verleiten – was stets mit Spesen und Gebühren verbunden ist. Zudem hätten ETF-Anleger ein eher ungünstiges Timing beim Umschichten ihres Depots, das Kapital fließe tendenziell hinein, wenn ein Markt schon recht teuer ist, und vice versa.

An der Wall Street haben ETFs Zechner zufolge bereits einen Umsatzanteil von rund 40 Prozent. Die Folge: "ETFs ziehen aus Einzelaktien Liquidität ab." Dadurch können Kursschwankungen bei Einzeltiteln wegen geringerer Umsatztätigkeit auch in normalen Handelsphasen stärker ausfallen.

Anschein von Liquidität

Und wenn ein ETF einen ohnedies bereits wenig liquiden Markt abdeckt, etwa den Aktienindex einer Nebenbörse? "Das erweckt den Anschein von Liquidität, die in Stresssituationen aber nicht da ist." Sprich: Bei Marktverwerfungen wollen viele Anleger gleichzeitig durch dasselbe Tor flüchten, das jedoch zu schmal für sie ist – was die Kursbewegungen noch weiter verstärkt.

Allerdings bietet der ETF-Boom für aktive Fondsmanager und Aktienanleger auch Vorteile: Da bei Indexprodukten de facto alle Titel des Börsenbarometers in Bausch und Bogen ver- oder gekauft werden – und zwar die erfolgreichen ebenso wie die weniger erfolgreichen Unternehmen -, können Investoren manchmal sehr günstig an unterbewertete Aktien kommen.

Zusammenfassend sagt Zechner: "ETFs sind sicher ein großer Segen für viele Anleger, aber die Gefahren muss man auf dem Radarschirm behalten." (Alexander Hahn, 16.6.2019)