Der 17. Mai begann für Heinz-Christian Strache wie zahllose andere Tage auch. "In Österreich wird es mit Sicherheit keine Staatsbürgerschaft für Bigamisten geben", tönte es um 8.15 Uhr von seinem Facebook-Account. Anderswo mag das gestattet sein, in Österreich sei es eine Straftat, die konsequent geahndet würde: "Auf die FPÖ ist in der Regierung Verlass!"

Zehn Stunden und ein Ibiza-Video später war alles anders. Trotz der zugehörigen Medienanfragen zwei Tage zuvor, sei die Tragweite rückblickend nicht absehbar gewesen, wird Ehefrau Philippa Strache im Puls4-Interview erzählen.

Während der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und zeitversetzt auch der Falter die belastenden Videosequenzen veröffentlichten, herrschte auf dem Account des Vizekanzlers vorerst Normalbetrieb. 18.01 Uhr: "Wir leben mit der Mindestpension von 1.200 netto die soziale Verantwortung, die die SPÖ immer nur versprochen hat. Ein fairer Anteil für die ältere Generation. Wir lassen die Pensionisten nicht links liegen".

Ein Posting, das zwischenzeitlich gelöscht wurde. Nicht so jenes von 12.20 Uhr, auf das sich die Mehrheit seiner Community wohl keinen Reim machen konnte.

Am 17. Mai präsentierte sich Heinz-Christian Strache vor einem Gemälde von Friedensreich Hundertwasser. Eine Privatleihgabe, die sein Büro im Bundeskanzleramt zierte.
Foto: Faksimilie Facebook

Denn in HC’s natürlichem Habitat spielt Kunst allenfalls eine Nebenrolle: sieht man von Gemälden ab, die sich der Vizekanzler für sein Büro aus dem Heeresgeschichtlichen Museum lieh, oder auch den Avancen der talentfreien Pop-Art-Epigonin Tanja Playner. Angesichts des 2016 an Strache überreichten Porträtbildes musste man mit dem Dargestellten schon fast Mitleid haben, wie Playners aus dem Parlamentsbüro damals getwitterten Fotos belegen.

An besagtem Freitag ging es jedoch um Hundertwasser. Strache postete Aufnahmen, für die er vor dem Gemälde "Stadt von jenseits der Sonne aus gesehen" posierte: "Ein wundervolles Bild", schrieb er, das "als Leihgabe in meinem Büro im Bundeskanzleramt" hänge. Eine Inszenierung, für die er in die Rolle eines Intellektuellen schlüpfte und sich symbolisch, auf Augenhöhe mit dem Nationalheiligen heimischer Politgeschichte positionieren wollte.

Besenkammerl am Ballhausplatz

Denn sein Bild sei das "Schwesternbild" von diesem, das einst "bei Bundeskanzler Bruno Kreisky (Bild Nr. 224, "Der große Weg") im Büro hing". Zum Beweis fügte er ein historisches Foto bei, das einen ernst blickenden Kreisky unterhalb des Gemäldes zeigt, das der Künstler 1962 dem Belvedere widmete.

Es war übrigens jenes Büro, in dem bis vor kurzem Altkanzler Sebastian Kurz residierte. Ein solider, konservativer Rahmen, der von Oswald Haerdtl gestaltet worden war.

Als Kreisky, soeben zum Bundeskanzler gekürt, im April 1970 seine Amtsräume betrat, reagierte er "mit Abscheu auf die Hässlichkeit dieses Büros", wie Wolfgang Petritsch in seiner Kreisky-Biografie 2010 (Residenz Verlag) in Erinnerung rief. "Setzt mich in ein finsteres Besenkammerl, aber da geh ich euch nicht hinein", soll er zunächst ausgerufen haben. Dann änderte er seine Meinung und schmückte die Wände mit Leihgaben aus staatlichem Museumsbestand: mit Bildern von Anton Lehmden, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter, Herbert Boeckl und eben auch Friedensreich Hundertwasser.

Bruno Kreisky in seinem Büro, im Hintergrund Hundertwassers "Der große Weg", das folgende Anekdote bescherte: 1972 empfing er den Kaisersohn Otto Habsburg, der selbst einige Bilder des Künstlers besaß. "Wie war er?", fragte der Kanzler-Sekretär danach neugierig. Kreisky knapp: "No, vom Hundertwasser versteht er viel." (Quelle: Gerhard Vogl, "Wortgefechte", Kremayr & Scheriau, 2013)
Foto: Faksimilie Facebook

Mit dem als Friedrich Stowasser geborenen verband Kreisky über die Jahre etwas mehr als mit anderen Künstlern. Seiner Fürsprache für den Ökokünstler und Neigungsarchitekten verdankt Wien die vom "Profil" als "Neuschwanstein für Gemeindemieter" bezeichnete, von 1983 bis 1985 erbaute Wohnanlage.

Hundertwasser als "Herzensangelegenheit"

Knapp 400 Meter entfernt eröffnete 1991 das ebenfalls von Hundertwasser entworfene "KunstHausWien", das sich seit April 2013 im Besitz der Baha Immobilienverwaltungs GmbH befindet.

Als "Herzensangelegenheit", bezeichnete Christian Baha den damaligen Kauf. Kein Wunder, denn der Superfund-Gründer nennt auch die weltweit größte Privatsammlung an Werken des Künstlers sein Eigen. Eine Leidenschaft, der er bisweilen in Bausch und Bogen frönte. Ende November 2012 berichtete das "Profil" etwa über Ermittlungen gegen Bahas Galerie (damals "Fine Art & Design") wegen Abgabenhinterziehung. Laut den Akten hatte er am 10. September 2010 bei der Galerie Landau (Montreal) acht Hundertwasser-Bilder zum Gesamtwert von exakt 1.214.607 Euro erworben. Gemessen an den im Kunsthandel üblichen Preisen, klingt diese Summe vergleichsweise günstig.

Den vorläufigen Auktionsrekord notierte Christie’s im Dezember 2017 in Paris: Erraten, für das bis vor kurzem in Straches Büro gastierende Bild "Stadt von jenseits der Sonne aus gesehen", das, entgegen der Taxe (200.000-300.000 Euro), für stattliche 523.500 Euro den Besitzer wechselte. Ein Preislevel, bei dem österreichische Museen seit Jahren passen müssen.

Hundertwassers "Stadt von jenseits der Sonne aus gesehen" (1955) erzielte bei Christie’s in Paris im Dezember 2017 stattliche 532.500 Euro. Ein vorläufiger Auktionsweltrekord.
Foto: Christie’s Paris, 2017

Ob es sich bei dem damaligen anonymen Käufer um Christian Baha handelte? Die sinngemäße Auskunft der Superfund-Sprecherin: Herr Baha möchte nicht über seine Kunstsammlung sprechen, das sei seine Privatangelegenheit. Ein Dementi bleibt aus, ebenso Antworten auf die Nachfrage, wie es denn zu der Leihgabe kam, die der (Ex-)Vizekanzler öffentlich machte.

Goldspekulationen

Vielleicht ist man befreundet, vielleicht auch über Geschäftsverbindungen bekannt. Laut Falter (17.5.) hatte Strache in dem Ibiza-Video zu später Stunde geprahlt, wie er sein eigenes Vermögen durch Goldspekulationen verdoppelt habe. Eventuell durch eine Investition in den Superfund-Gold-Fonds?

Einerlei, die Beteiligten schweigen eisern. Sämtliche STANDARD-Anfragen der vergangenen beiden Wochen blieben unbeantwortet, auch jene an Straches Pressesprecher oder das FPÖ-Pressebüro.

Der Verbleib des Gemäldes ist unbekannt. Als das Team des Heeresgeschichtlichen Museums die Leihgaben am 29. Mai abholte, war es schon abtransportiert worden.

"Wenn es der Drozda sieht, ist es weg"

Mit 2.048 Likes bilanzierte das Hundertwasser-Posting für HC Straches Verhältnisse eher unterdurchschnittlich. Die Mehrheit der 560 Kommentare wurde in den Stunden und Tagen nach Ibiza-Gate deponiert, wenngleich nicht alle.

"Sie können sich niemals mit Kreisky messen, da helfen auch seine Bilder nichts" kam postwendend, oder "Ich hab im Kindergarten auch so Zeug fabriziert. Mit Wachsmalstiften auf Papier". Dazu die mittlerweile schon obligate Warnung "bitte gut auf das Bild aufpassen, wenn es der Drozda sieht ist es weg". Danach folgte hauptsächlich Häme: "Leihgabe – wie arm. Da geht man doch hin und fragt russische Oligarchen, ob sie es nicht für einen kaufen", oder "Hundertwasser-Bild jenseits des Büros aus gesehen".

Die mit Abstand meisten Likes generierte ein Zitat Hundertwassers, das dem Vizekanzler sechs Stunden vor seinem Rücktritt um die Ohren gehauen wurde: "Wenn man vor dem Abgrund steht, dann ist der Rückschritt ein Fortschritt". (Olga Kronsteiner, 15.6.2019)