Bauplanen verhüllen die Fassade, es staubt. An der Eingangstür blättert die Farbe, auf einem Messingschild neben der Türklinke steht, dass Unbefugte keinen Zutritt haben. Aber auch sonst würden die meisten wohl achtlos vorbeilaufen an dem dreistöckigen Gebäude mit der Adresse 1520 H Street NW in Washington. Dafür ist es zu unscheinbar, liegt es zu eindeutig im Schatten des Weißen Hauses. Was zufällige Besucher nicht ahnen: Dies war das Hauptquartier der National Aeronautics and Space Administration, 1958, als die Nasa gegründet wurde.

"That's one small step for man, one giant leap for mankind": Neil Armstrongs Worte sind berühmt geworden
NASA

John F. Kennedy, damals Senator, gehörte zu den eifrigsten Fürsprechern. Voller Sarkasmus attackierte er Dwight Eisenhower, den Amtsinhaber im Oval Office. In seiner gemächlichen Art, spottete er, finde es der Präsident offenbar beruhigend, dass die Sowjets zwar den ersten Satelliten ins All geschickt, die Amerikaner aber das "Auto der Zukunft" entwickelt hätten, in Form des Edsel, der sich als Flop erweisen sollte. Kennedy dagegen beschwor einen Kraftakt. Massive Staatsinvestitionen, um Weltraumraketen zu bauen. Um die UdSSR zu überholen, brauche man eine Regierung, die sich der Sache ernsthaft annehme.

Inbegriff jugendlicher Dynamik

Dass Eisenhower es gelassener sah, stand in den Augen des Aufstrebenden für alles, was schieflief im Weißen Haus. Und JFK suchte den Kontrast, schon mit Blick auf die Wahl von 1960. Trotz eines Rückenleidens der Inbegriff jugendlicher Dynamik, würde er die Behäbigkeit des gealterten Weltkriegsgenerals durch jenes uramerikanische Gefühl ersetzen: Die Zukunft ist grenzenlos. Er würde unbekümmerter dafür stehen, als es sich sein Widersacher Richard Nixon, Eisenhowers Parteifreund, traute.

John F. Kennedy bei seiner berühmten Rede am 25.5.1961: Dahinter mit gestreifter Krawatte sitzt Lyndon B. Johnson
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Vorausgegangen war, am 4. Oktober 1957, der Sputnik-Schock. Während der erste Satellit, gebaut in der Sowjetunion, die Erde umkreiste, musste sich das Weiße Haus darauf beschränken, die siebzigtausend Amateurfunker des Landes um Mithilfe zu bitten, damit die Signale der Kugel geortet werden konnten. Was folgte, war eine Sinnkrise, gepaart mit Panik. Nun hätten die Russen im All Fuß gefasst, warnte Lyndon B. Johnson, Senator aus Texas, "und bald werden sie aus dem Weltraum Bomben auf uns werfen wie Kinder, die von Autobahnbrücken Steine auf Autos fallen lassen". Am 12. April 1961 dann der Kosmosflug Juri Gagarins, des ersten Menschen im Orbit, während die von der CIA eingefädelte Schweinebucht-Invasion mit einem Fiasko endete. Der junge US-Präsident, schreibt Historiker Douglas Brinkley in seinem Buch American Moonshot, musste das Blatt wenden. Er suchte die Rückkehr zu den optimistischen Tönen, mit denen er ins Amt gezogen war. Sobald aber jemand den Namen Gagarin erwähnte, soll er gereizt reagiert und weitere Fragen gestellt haben. "Können wir den Mond umkreisen, bevor sie es tun? Können wir vor ihnen einen Menschen auf dem Mond landen lassen? Wann sind wir bereit für den Saturn?"

Rede für die Geschichtsbücher

Sechs Wochen nach Gagarins Premiere, am 25. Mai 1961, hielt Kennedy vor beiden Kammern des Kongresses eine Rede, die in die Geschichtsbücher einging. Wolle man die Schlacht zwischen Freiheit und Tyrannei gewinnen, sollte Gagarins Flug wie schon zuvor der des Sputnik klargemacht haben, welchen Einfluss derartige Ereignisse auf Menschen hätten, wenn sie zu entscheiden versuchten, welchen Weg sie einschlagen sollten. "Ich glaube, diese Nation sollte sich dem Ziel verpflichten, noch vor Ende der Dekade einen Mann auf dem Mond landen zu lassen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen." Damit hatte Kennedy den Mond zu einer Art Weltpokal im Ringen des Kalten Krieges erklärt. Mag sein, dass es seiner Überzeugung entsprach. Sicher war es ein schlauer Schachzug, um dem Kongress astronomisch anmutende Summen für das Mondabenteuer abzuringen. Er wusste, selbst konservativen Hardlinern würde es schwerfallen, ihm zu widersprechen, wenn er die Expedition in den Kontext des Systemwettbewerbs stellte.

Juri Gagarin (mit Nikita Chruschtschow) war der erste Mann im Orbit.
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Skeptiker verhöhnte er mit den Worten, sie könnten sich einreihen in die Reihe derer, die sich schon gegen die Pferdekutsche oder Kolumbus' Entdeckungsfahrt über den Atlantik gewehrt hätten. Die Mondlandung, schärfte er dem Nasa-Direktor James Webb ein, habe absolute Priorität, selbst wenn man andere Vorhaben aufschieben müsse. Nicht jeder ließ sich vom Fieber des "Race to the Moon" anstecken. An kritischen Stimmen herrschte kein Mangel. John Williams, ein republikanischer Senator aus Delaware, versuchte es mit bissigem Humor: "Mit dem ausufernden Budget der Nasa dürften die Schulden den Mond erreichen, bevor wir es tun." Joseph Kennedy, der Vater des Präsidenten, soll Vertrauten sein Leid geklagt haben. Und Whitney Young, Direktor der National Urban League, einer Bürgerrechtsorganisation, verwies auf irdische Probleme. "Es kostet 35 Milliarden Dollar, zwei Männer auf dem Mond landen zu lassen. Schon zehn Milliarden würden reichen, um jede arme Person in diesem Land über die Armutsgrenze zu heben."

Echte Wirkung erzielten die Warnungen nie. Hatte das Budget der Nasa in deren Gründungsjahr noch 100 Millionen Dollar betragen, so stieg es bald rasant an. 1964 lag es um 300 Prozent höher als 1962. Mitte der Sechziger flossen rund fünf Prozent des Gesamthaushalts allein ins "Project Moon", was von den Relationen her etwa einem Drittel des heutigen Verteidigungsetats entspricht. Cape Canaveral, am Rande schlangenverseuchter Sümpfe an der Atlantikküste Floridas gelegen, wurde zum Synonym für technische Weltspitze. Aus Houston wurde "Space City U.S.A."

Synonym für technische Spitze: Die Saturn-Rakete auf der Abschussrampe in Florida
Foto: Nasa

Vizepräsident Lyndon B. Johnson verstand sich darauf, seinen Heimatstaat Texas mehr als jeden anderen von der Reise zum Mond profitieren zu lassen. Kennedy ließ es geschehen, was wohl auch mit wahlpolitischem Kalkül zu tun hatte. Wollte er 1964 im Amt bestätigt werden, brauchte er die Demokraten des Südens, die rassistischem Dünkel noch lange nicht abgeschworen hatten und auf Distanz zu ihm gingen, weil er mit dem Bürgerrechtsprediger Martin Luther King sympathisierte. Das Apollo-Programm aber unterstützten sie, indem Kennedy den Nutzen desselben für die Südstaaten beschwor, versuchte er, sie bei der Stange zu halten.

Alternativen zum kosmischen Duell

1963, in einer Uno-Rede, ließ er erkennen, dass er sich Alternativen zum kosmischen Duell mit Moskau vorstellen konnte. Ernüchtert durch den Nervenpoker der Kubakrise, schien er um Annäherung bemüht. Es gebe Spielraum für Kooperationen. Da im All keine Nation territoriale Ansprüche stelle: "Warum sollte der erste Flug eines Menschen zum Mond eine Sache nationaler Konkurrenz ein?" Das vage Angebot reichte, um bei der Betonfraktion auf Capitol Hill die Alarmglocken läuten zu lassen.

Prompt bastelte sie an Gesetzentwürfen, die es der Nasa verboten, im Falle einer gemeinsamen Mondmission mit der Sowjetunion amerikanische Steuergelder zu verwenden. Nikita Chruschtschow wiederum beantwortete Kennedys Offerte in Pokermanier, indem er vorgab, überhaupt kein Interesse an einer Landung auf dem Mond zu haben. Was ihm die Amerikaner nicht glaubten, womit sie richtig liegen sollten: Erst Jahre später, als die Trägerrakete N1 kurz nach dem Abheben in Baikonur explodierte, sollte sich abzeichnen, wer als Erster durchs Ziel kommen würde.

Neil Armstrong, Michael Collins und Buzz Aldrin werden nach der Rückkehr zur Erde von US-Präsident Richard Nixon begrüßt
NASA

Und dann der Schock. Lee Harvey Oswalds Schüsse in Dallas. Am wichtigsten sei jetzt, dafür zu sorgen, dass Webb dranbleibe, drängte Wernher von Braun, der nicht als Hitlers Raketenbauer, sondern als Spiritus Rector des Apollo-Kraftakts in die Annalen eingehen wollte. Die Sorge, der Nasa-Direktor könnte nach dem Mord an Kennedy an politischem Rückhalt verlieren, erwies sich indes als unbegründet. Johnson, der Nachfolger im Weißen Haus, gab nicht nur Rückendeckung, er schmetterte Zweifel resolut ab. Wann immer welche laut wurden, rief er die Schwankenden zur Ordnung – nach der Devise, dass keiner es wagen möge, am Vermächtnis einer Legende zu rütteln. So paradox das klingen mag, sagt Historiker Brinkley, der Tod des kompromisslosen Antreibers hat den Erfolg der Mondmission erst recht garantiert. (Frank Herrmann, 20.6.2019)

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