Knapp eine halbe Million Menschen marschieren in prächtigen Farben über die Wiener Ringstraße.
DER STANDARD

Wien – Es ist nach Mittag. Die Wiener Ringstraße ist seit Stunden gesperrt. Eigentlich hat die Regenbogenparade schon längst begonnen. Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer hat schon zu jenen Teilnehmern, die sich seit dem Vormittag am Ring zwischen Rathausplatz und Burgtheater eingefunden haben, im Europride-Village gesprochen. Die 107 angemeldeten Beiträge haben sich zu diesem Zeitpunkt schon längst in Bewegung gesetzt. Die beiden Sonderstraßenbahnen der Wiener Linien, die den Zug der Europride-Parade anführen, dürften – zumindest planmäßig – bereits beim Schwarzenbergplatz angekommen sein.

Etwa eine halbe Million Menschen wurde von den Organisatoren der Regenbogenparade erwartet. Rund 460.000 sollen laut Veranstaltern tatsächlich gekommen sein, wie sie später bekannt geben werden. Rund zwei Kilometer wird der Zug noch lange werden.

Feministische Kämpferinnen

Trotzdem: Noch sind nicht alle Menschen, die an dem Aufmarsch teilnehmen wollen, dort. Denn dieser Samstag sollte der bislang heißeste Tag im Jahr 2019 werden. Mehr als 35 Grad wurden prognostiziert, Wiens Fiaker-Fahrer hatten im Vorfeld für den Nachmittag gebuchte Stadtrundfahrten auf den Vormittag verlegt, falls sie den Pferden hitzefrei geben müssen. Die hochsommerlichen Temperaturen haben dafür gesorgt, dass die einen oder anderen sich erst nach der Mittagshitze in die Demonstration einreihen wollten.

Auch Conchita war mit von der Partie.
Foto: APA/AFP/JOE KLAMAR

Mirijam und Stefanie wollten sich beispielsweise nicht der Mittagssonne aussetzen. Der Tag wird für sie sowieso noch lange genug andauern. Während die Parade sich wenige Meter weiter über den Ring schiebt, stehen sie aber noch in einem Badezimmer im siebenten Bezirk. Gemeinsam mit Freundinnen machen sie sich für die Parade fertig. Glitzerlippenstifte, Paletten mit Lidschatten in Gold-, Silber- und Violetttönen, bunte Nagellacke und diverses anderes Makeup kugeln am Waschbeckenrand herum. In der Wohnung verteilt stehen Gläser mit Sekt und Bellini. Über den Lautsprecher schallt Musik. Haarlack liegt in der Luft.

Transparente Körper

Die Outfits liegen auf Stühlen verteilt bereit: Sport-BHs, bunte Badeanzüge – zum Teil von den Mamas aus den 1990er Jahren – und kurze Shorts sollen an die Kleidung von Boxerinnen oder Wrestlerinnen erinnern. Die Frauen wollen sich in feministische Kämpferinnen, "Feminist-Fighters", wandeln. Die goldenen Glitzerbodys sind aus Plastik und fühlen sich so an, als ob man auch bei niedrigeren Temperaturen darunter Bäche schwitzen würde – trotzdem quetscht man sich in die Polyestermonster.

Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer sprach zu beginn der Parade.
Foto: APA/Neubauer

Um einen Sonnenstich zu vermeiden, gibt es pinke Schirmkappen. Warum sie gerade bei der Europride für Frauenrechte kämpfen? "Feminismus und LGBTIQ gehen Hand in Hand und nicht gegeneinander. Bei der Pride geht es darum, gleiche Rechte zu haben unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung", sagt Mirijam zur Wahl ihres Mottos. Gekämpft wird dafür, dass "das Geschlecht oder wen man liebt nicht determiniert, welche Chancen man in der Gesellschaft hat", sagt Stefanie.

Mit flüssigem, wasserfesten Eyeliner und Tattoostiften schreiben sich die Frauen gegenseitig Sprüche auf die nackten Körperstellen. "Feminist" steht auf dem einen Arm und "Fighter" auf dem anderen. Warum sie sich verkleiden? "Man will ja was aussagen, nicht nur Party machen", sagt Stefanie. "So wie ich für andere Demonstrationen Transparente oder Schilder trage, bin eben heute ich das Transparent", erklärt Mirijam. Fast zwei Stunden brauchen sie, bis sie fertig und zufrieden mit ihren Outfits sind. Am Schluss baumeln blonde Barbieköpfe von Mirijams und silberne Diskokugeln von Stefanies Ohren herunter.

Das H.A.P.P.Y-Kollektiv will auf der Pride ein politisches Statement setzen.
Foto: Martin Mörk

"Viel zu erreichen"

"Gemeinsam können wir sehr, sehr, sehr viel erreichen", zitiert die APA Fischer zu Beginn der Parade. Während sich der ehemalige Bundespräsident auf seine Rede vorbereitet, wurde in unmittelbarer Nähe aber schon protestiert. Am Ballhausplatz riefen die KZ Verbände Wiens und Niederösterreichs, die Grünen Andersrum, Soho Wien und die Sozialistische Jugend zur Mahnwache für die Opfer des Nationalsozialismus, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und ermordet wurden. Das dort gelegene Desserteursdenkmal wurde mit Nelken, Kerzen und Plakaten geschmückt.

Schließlich setzte sich die Parade mit etwas Verspätung bei über 30 Grad in Gang. Die 107 Beiträge, also Wägen und Fußgruppen, sind laut Organisatoren um 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Die "Feminist-Fighters" stoßen beim Parlament zum Demozug hinzu. So schnell sie den Weg vom Badezimmer zur Parade geschafft haben, so schnell verlieren sie einander auch schon. Bei Bassgedöns zwischen Frauen, die oben-ohne herumlaufen, Bodypaintern, Dragqueens und Normalos in Sommerkleidung muss gleichzeitig Ausschau nach einander gehalten und gefeiert werden.

Abkühlung brachte die Feuerwehr.
Foto: REUTERS/Lisi Niesner

Trotz vereinzelter Regentropfen und bewölktem Himmel drückt die Hitze über dem Ring. Als Highlights der Strecke erweisen sich daher einige Feuerwehrschläuche, die die Organisatoren an Hydranten angeschlossen und zu Sprenklanlagen umfunktioniert haben. Das Wasser sorgt zumindest für ein bisschen Abkühlung unter den feiernden.

Politik auf der Party

"Ich kenne viele Leute, die sagen, es ist kein politisches Statement auf die Pride zu gehen, sondern nur eine Party", sagt Teilnehmerin Marta am Schwedenplatz. "Ich finde trotzdem, dass es ein Statement ist, herzukommen". Die Mittzwanzigerin trägt lange Hosen und ein schwarzes Shirt. Im Gesicht ein bisschen Glitzer. Dass sie nicht in die Kostümkiste gegriffen hat, liege auch daran, dass sie "es nicht schaffe, was zu organisieren", sagt sie lachend. Aber auch: "Es heißt doch: Be yourself. Das bin ich halt und ich bin eben zurückhaltender."

Bundespräsident Alexander Van der Bellen kam mit seiner Frau Doris Schmidauer.
Foto: APA/Neubauer

Das H.A.P.P.Y-Kollektiv um Autor Christopher Wurmdobler sieht das ähnlich. Jedes Jahr versuchen die Teilnehmer der Gruppe ein politisches Statement auf der Parade zu transportieren. "Heuer wollen wir die Kommerzialisierung des Pride-Gedankens hinterfragen", sagt ein Mitglied. Der junge Mann trägt ein schwarzes Kapperl und T-Shirt, dunkle Sonnenbrillen und eine schlichte kurze Hose. Auf den Schildern, die die Gruppe trägt steht das Wort "Riot". Gehen sie gemeinsam – und richtig aufgefadelt – nebeneinander bildet sich der Slogan: "Pride started as a riot". Die Kritik gilt dem "Pink-Washing" vieler Firmen, die bei der Pride unter dem Regenbogen mitlaufen und Werbung für sich machen.

"Together & Proud" war das Motto der diesjährigen Europride.
Foto: APA/AFP/JOE KLAMAR

Auch wollen die Aktivisten daran erinnern, dass "alles vor 50 Jahren mit Stonewall begonnen hat". Die Unruhen zwischen Homo- und Transsexuellen und Polizeibeamten in New York fanden in der Nacht vom 27. Juni auf den 28. Juni 1969 statt. Polizeibeamte führten damals eine Razzia in der Schwulen-Bar "Stonewall Inn" in der Christopher Street durch – erstmals widersetze sich eine Gruppe ihrer Verhaftung.

Reden von Politik

Zurück vor dem Burgtheater, nachdem die Demo eine Runde gegen den Ring gezogen war, drängen die Menschenmassen auf den Rathausplatz. Hinter den Zelten der Veranstalter, Parteien, und Homosexuelleninitiativen schlägt die Stunde der Politiker. Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat den Weg gemeinsam mit Gattin Doris Schmidauer über den Ring gewagt und wendet sich als erster amtierender Bundespräsident auch direkt an die Parade: "Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans, Intersex und queere Personen leben inmitten unserer Gesellschaft und werden auch weiterhin ein sichtbarer, respektierter und integraler Teil unserer Gesellschaft sein." "Die Würdigung der Vielfalt und deren Respekt und Akzeptanz sind ein wesentliches Element von Demokratien", so das Staatsoberhaupt.

Teilnehmer der Parade brachten ihre Haustiere mit.
Foto: Reuters

Seine nachfolgende Rednerin war EU-Justizkommissarin Vera Jourova. Sie hob ihren Einsatz für die Gleichberechtigung von LGBTIQ-Personen auf europäischer Ebene hervor. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), ebenfalls in Begleitung seiner Frau, machte anschließend klar: "Liebe ist frei und dafür werden wir uns einsetzen." Und schließlich rief er der Menge entgegen: "I love you all!"

Nach den politischen Reden wurde als "Überraschungsgast" Melanie Geymonat auf die Bühne gebeten. Sie und ihre Freundin waren Opfer jener Prügelattacke in einem Bus in London, der vor einer Woche für große Empörung in Großbritannien sorgte. Sie wurde vom Publikum mit Standing Ovations begrüßt und Katharina Kacerovsky, Organisatorin der EuroPride, deren Teil die Regenbogenparade heuer ist, versicherte ihr volle Unterstützung: "Du bist nicht alleine."

460.000 Teilnehmer sollen es laut Organisatoren gewesen sein.
Foto: Reuters

Zum Abschluss gab es noch einen Auftritt von Song-Contest-Siegerin Conchita Wurst, die bereits bei der Regenbogenparade selbst mit dabei war. Gefeiert soll im Pride-Village vor dem Wiener Rathaus noch länger werden. Und auch danach stehen duzende Regenbogenpartys am Programm. (Oona Kroisleitner, 15.6.2019)