Die EZB knabbert das Sparschwein nachhaltig an.

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Tiefer geht’s nicht, mochte man meinen. Doch es geht. Die Rede ist von den Zinsen, die ausgelöst von der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank seit einem Jahrzehnt im Keller sind. Auch die Rückkehr zu ansehnlichen Wachstumsraten in der Eurozone ab 2014 änderte nichts daran, dass EZB-Chef Mario Draghi die Zinsen auf null beließ – im Unterschied zur US-Notenbank.

Seit die Wachstumsprognosen wieder purzeln und mit ihnen die Inflationserwartungen, geht es mit den Zinsen noch weiter bergab. Seit Dienstag sind nun auch die Renditen auf zehnjährige Staatsanleihen erstmals in den negativen Bereich gerutscht. Die Verzinsung entwickelt sich immer umgekehrt zu den Kursen. Steigt die Nachfrage nach Staatsanleihen, etwa weil sie als sichere Veranlagung gelten, sinken die Zinsen. Zuletzt sind die Investments in Staatsanleihen laut Angaben des US-Geldhauses Bank of America fast auf den höchsten Wert seit acht Jahren gestiegen.

Draghi lenkt die Märkte

Österreich steht mit den Negativzinsen nicht alleine da, in der ganzen Eurozone kam es zum Rückgang der Renditen. Auslöser der Entwicklung waren Äußerungen Draghis. Der Italiener hatte zuvor auf dem EZB-Notenbankforum im portugiesischen Sintra gesagt, die Zentralbank habe noch erheblichen Spielraum für weitere Anleihenkäufe.

Sollte sich der Wirtschaftsausblick nicht bessern, sei eine zusätzliche Lockerung notwendig. Zinssenkungen und weitere Anleihenkäufe seien denkbar, sie gehörten zum Instrumentenkasten, so Draghi. Hintergrund der Äußerungen sind die wesentlich schwächere Konjunkturentwicklung und hohe politische Risiken wie die zahlreichen Handelskonflikte.

Inflation sinkt

Zudem kommt die Inflation nicht in Schwung. Das von der EZB beobachtete Inflationsbarometer war am Montag auf ein Rekordtief von 1,135 Prozent gefallen. Das bedeutet, dass Investoren für den Zeitraum von fünf Jahren ab 2024 mit einer durchschnittlichen Inflation von 1,135 Prozent rechnen. Aus Sicht der EZB ist das bedenklich, weil die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte für die Wirksamkeit der Geldpolitik ein entscheidender Faktor sind. Die EZB peilt einen Wert von knapp zwei Prozent an.

Mario Draghi hat den Märkten wieder einmal den Weg gewiesen.
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Auch die Anleihenrenditen anderer europäischer Staaten konnten von den Aussagen Draghis profitieren. Staatliche Schuldverschreibungen aus Deutschland sind für Anleger schon seit längerem ein Verlustgeschäft und rentierten am Dienstag zeitweise bei minus 0,305 Prozent. Neben Deutschland und Österreich werfen zehnjährige Schuldtitel im Euroraum derzeit in den Niederlanden und Finnland weniger als null ab.

Zehnjährige Rendite Österreichs unter null

Dass Draghi die Schleusen weiter öffnen könnte, brachte ihm einige Kritik ein. "Die EZB verliert sich immer mehr in einer Scheinrealität, die für jedes Problem nur eine Antwort hat: Geld zu drucken und so eine massive monetäre Verwässerung des gesamten Finanzsystems voranzutreiben", lautet die Einschätzung von Heinz-Werner Rapp, Vorstand des deutschen Investmenthauses FERI. Das Analystenhaus Oxford Economics geht davon aus, dass Draghi einer Euroaufwertung vorausschauend begegnen will. Die könnte ins Haus stehen, wenn die USA die Zinsen senken.

Der scheidende EZB-Chef hat sich mit seinen Äußerungen auch intern nicht nur Freunde gemacht. Nach Informationen von sechs Insidern am Rande des Forums hatten Währungshüter nicht damit gerechnet, dass Draghi in seiner Rede so deutliche Signale sendet. Es gebe keinen Konsens über den weiteren Weg, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Entscheidung im Juli

Zinssenkungen und erneute Anleihenkäufe seien zuletzt lediglich kurz angesprochen worden. Eine substanzielle Diskussion darüber habe noch gar nicht stattgefunden. Den Insidern zufolge waren einige Eurowächter besorgt, dass Draghi den Finanzmärkten so starke Hinweise zu möglichen Maßnahmen liefert, dass sie dadurch praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Dann gebe es bei der nächsten Sitzung zur Geldpolitik am 25. Juli in Frankfurt womöglich kaum noch Chancen, nicht zuzustimmen. Deutschland und Österreich zählen zu den Ländern, die für straffere Zügel plädieren.

Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny hat sich für eine straffere Geldpolitik ausgesprochen.
Foto: Reuters/Heinz-Peter Bader

Allerdings war auch zu vernehmen, dass die Lust auf eine harte Auseinandersetzung im Juli angesichts der sich verschärfenden globalen Handelskonflikte und der Sorgen wegen der italienischen Budgetpolitik gering sei. Zudem sei trotz allem immer noch offen, welche geldpolitischen Maßnahmen umgesetzt werden könnten und wann und in welcher Abfolge das geschehen könne.

Neue Anleihenkäufe?

Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Laut den Insidern favorisieren einige Währungshüter eine Wiederauflage des im Dezember gestoppten Anleihenkaufprogramms. Andere würden eher eine Verstärkung des geldpolitischen Ausblicks dahingehend bevorzugen, dass die Notenbank in Aussicht stellt, ihre Leitzinsen noch für lange Zeit nicht anzuheben. Und manche Eurowächter neigten eher zu Zinssenkungen.

Eine Neuauflage des Anleihenkaufprogramms, das bis Ende 2018 ein Volumen von rund 2,6 Billionen Euro erreicht hatte, wäre allerdings nicht unproblematisch. Denn die EZB würde bei deutschen Bundesanleihen und portugiesischen Staatsanleihen womöglich in absehbarer Zeit an selbstgesteckte Kaufobergrenzen stoßen. Einigen Insidern zufolge könnten diese Limits aber, wenn nötig, abgeschafft oder umgangen werden. Die EZB hatte sich selbst Kaufobergrenzen von 33 Prozent pro Staatsanleihe und Land gesetzt. So sollte unter anderem verhindert werden, dass die Notenbank zu sehr die Anleihenmärkte dominiert. (as, 19.6.2019)