Abdullah Öcalan wird noch immer von vielen Kurden verehrt. Ob und mit welchem Informationsstand der seit Jahren in Isolationshaft gehaltene Chef der verbotenen PKK nun tatsächlich eine Botschaft zur Istanbul-Wahl verfasst hat, ist umstritten. Die Meldungen darüber könnten aber der AKP von Präsident Tayyip Erdoğan helfen.

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Istanbul/Ankara – Wenige Tage vor der Wiederholung der Bürgermeisterwahl in Istanbul soll der inhaftierte Chef der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, die Kurden angeblich zur Neutralität aufgerufen haben. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu veröffentlichte in der Nacht Fotos eines entsprechenden Briefes.

Das Dokument will Anadolu von einem nicht näher bekannten "Dozenten" erhalten haben, der Öcalan auf seiner schwer gesicherten Gefängnisinsel İmralı besucht habe.

Bei der prokurdischen Partei HDP stieß die Botschaft auf Skepsis. Deren Vorsitzender Sezai Temelli forderte laut der Nachrichtenwebseite "T24" zunächst, eine Reaktion von Öcalans Anwälten abzuwarten. Die wunderten sich in einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme über das angebliche Treffen des unbekannten Mannes mit ihrem Mandanten. Sie könnten ohne Rücksprache mit Öcalan nichts dazu sagen.

Viele Fragen offen

Die kurdischen Stimmen hatten bei der Kommunalwahl am 31. März maßgeblich dazu beigetragen, dass in Istanbul der Oppositionskandidat von der Mitte-links-Partei CHP, Ekrem İmamoğlu, überraschend gegen den Kandidaten der Regierungspartei AKP, Binali Yıldırım, gewann. Mehrere Oppositionsparteien hatten keine Kandidaten aufgestellt, um İmamoğlu zu helfen, darunter die HDP. Die Wahlbehörde hatte die Wahl Anfang Mai wegen angeblicher Regelwidrigkeiten aufgehoben. Die inoffizielle Parteienallianz gilt auch für die Neuwahl am Sonntag.

Öcalans angeblicher Aufruf steht im Gegensatz zu einem Aufruf des ebenfalls inhaftierten prominenten HDP-Politikers Selahattin Demirtaş. Der hatte erst am Dienstag zur Unterstützung des Oppositionskandidaten İmamoğlu aufgerufen. Präsident Erdoğan sprach in der Nacht von einem "Machtkampf zwischen Demirtaş und Öcalan".

Öcalan ist seit 20 Jahren inhaftiert. Er saß lange in Einzelhaft, erst seit Mitte Mai darf er seine Anwälte wieder sehen, die jahrelang Besuchsverbot hatten. Auch Familienbesuche wurden wieder häufiger erlaubt. Das wurde teilweise als Versuch interpretiert, vor der Istanbuler Wahl die kurdische Wählerschaft zu umwerben. (APA, 21.6.2019)