Die Buchhändlerin und Autorin Petra Hartlieb vermisst den Einsatz der Politik für Leseförderung.

Foto: Robert Newald

STANDARD: Wie viele Schnitten sind in einer Manner-Packung?

Hartlieb: Zwölf?

STANDARD: Zehn. Diese Frage kommt auf Ihrer Homepage vor, in der Besprechung eines Buchs von Heinrich Steinfest. Die hat ein Stammkunde von Ihnen verfasst?

Hartlieb: Ja, gestern war ich mit ihm unterwegs – und er hatte Manner-Schnitten mit.

STANDARD: Sie haben Ihre erste Buchhandlung vor 15 Jahren gekauft. Ihre Homepage wird ständig aktualisiert, Sie bloggen, sind auf Facebook, veranstalten Lesekreise, vermieten Ihre Währinger Buchhandlung abends. Wehren Sie sich mit persönlicher Kundenbetreuung und ständigem Arbeiten gegen die Konkurrenz von Amazon und Buchhandelsketten wie Thalia?

Hartlieb: Persönliche Betreuung, ständig arbeiten, viel lesen: ja. Aber extrem wichtig sind unsere sehr motivierten Mitarbeiter.

STANDARD: Sie haben dreizehn Angestellte. Wie schwierig ist es, gute Buchhändler zu finden?

Hartlieb: Ich suche sie nicht, sie fallen mir zu. Wir bilden von jeher Lehrlinge aus, bis auf einen haben alle Mitarbeiter bei uns gelernt. Unsere Buchhandlung ist immer so gewachsen, dass wir sie nach der Ausbildung anstellen konnten.

STANDARD: Zwölf Frauen, ein Mann arbeiten bei Ihnen. Zufall?

Hartlieb: Der Buchhandel ist eine sehr weibliche Branche: viel Arbeit, viel soziales Engagement und wenig Geld.

STANDARD: Ist es leicht, Buchhandelslehrlinge zu finden?

Hartlieb: Ich habe einmal versucht, einen Lehrling übers AMS zu bekommen, es war eine Katastrophe. Sie haben mir Leute geschickt, denen es ganz egal war, ob sie in einer Buchhandlung oder einer Autowerkstätte lernen. Das geht natürlich nicht bei uns. Wir bekommen unsere Lehrlinge immer von Freunden oder Kunden empfohlen. Ganz junge Lehrlinge nehme ich aber nicht.

STANDARD: Warum nicht?

Hartlieb: Wir wollen Leute, die schon ein bisschen gelebt haben, Noten und Schulabschlüsse sind mir egal. Vielleicht ist es ein Vorurteil, aber: Ich will niemandem beibringen, wie man die Tür aufhält, grüßt, Bitte und Danke sagt. Das müssen meine Lehrlinge schon können, denn es gibt genug anderes, das wir ihnen im Buchhandel beibringen müssen. Man muss nicht nur viel über Bücher wissen, sondern es braucht auch unglaublich hohe soziale Kompetenz in unserer Branche. Wir sind ja eine Grätzelbuchhandlung. Als solche kennen wir unsere Kunden, und da geht's auch darum zu fragen, wie's der alten Mutter und dem kranken Hund geht.

STANDARD: Sie schreiben seit 2014 auch selbst. Ihr erstes Buch über Ihre Buchhandlung hat sich mehr als 60.000-mal verkauft, wurde in acht Sprachen übersetzt ...

Hartlieb: Ja, wir sind jetzt auch eine relativ berühmte Buchhandlung, unsere Kunden nennen uns "die Hartliebs". Das war unser Ziel und zaubert uns immer noch ein Lächeln ins Gesicht. Wir sind aber nicht nur eine Grätzel-, sondern auch eine Literaturbuchhandlung, und es funktioniert beides: Manche Leute kommen von weiter her, weil sie wissen, dass wir mehr als nur die Bücher von der Stange verkaufen. Gleichzeitig sind wir Nahversorger, also: Uns ist nichts zu blöd. Wir verkaufen die mathematischen Formelsammlungen genauso wie die Lösungshefte. Ich kann ja nicht von meinen Kunden verlangen, dass sie den neuesten gebundenen Daniel Kehlmann bei mir kaufen und für die Lösungshefte in die Stadt fahren müssen.

STANDARD: Der Buchhandel war früh von der Digitalisierung betroffen. Viele glauben, das Buch werde aussterben. Sie wohl nicht?

Hartlieb: Vor fünf Jahren war es schlimmer. Da war Amazon noch nicht so angepatzt wegen seiner schlechten Arbeitsbedingungen. Ich habe das Gefühl, es gibt einen Backlash: Die gebildeten Leute, die Buchleser kaufen bewusster ein, den kleinen Buchhandlungen geht es wieder besser. Wir haben wieder viel mehr junge Kunden, auch solche, die viel im Internet einkaufen. Wenn die einmal da waren und merken, dass man sie wiedererkennt und dass es cool und lustig bei uns ist, kommen sie immer wieder. Davon profitieren kleine Buchhandlungen sehr.

Wer einmal liest, der beginnt immer wieder damit – auch wenn er zwischendurch in Serien reinkippt.
Foto: Getty

STANDARD: Obwohl in den vergangenen fünf Jahren mehr als sechs Millionen Käufer verlorengegangen sind, wie der deutsche Börsenverein 2018 errechnet hat?

Hartlieb: Man kann eine Branche auch totreden. Wir müssen uns auf die konzentrieren, die noch lesen und die wir wieder zurückholen können. Wer einmal gelesen hat, fängt immer wieder an. Ich habe Freundinnen, die waren drei Jahre Netflix-Serien-süchtig und entdecken jetzt das Lesen wieder.

STANDARD: Streaming ist die wahre Konkurrenz fürs Buch?

Hartlieb: Ja, Streaming ist eine starke Konkurrenz. Die Serien sind ja gut gemacht, da wird im Pool der Intellektuellen gefischt. Wir merken, wenn eine neue Staffel rauskommt, die Leute reden ja auch mehr über Serien als Bücher.

STANDARD: Ihr Geschäft schaut retro aus; man kann aber auch online bestellen, Sie stellen gratis zu. Ihre Konzession an die Konkurrenz aus dem Internet?

Hartlieb: Wir gaukeln den Leuten quasi vor, dass wir Buchhandlung machen wie vor hundert Jahren. Im Hintergrund sind wir ein sehr moderner, hocheffizienter Betrieb, fünf Prozent unseres Umsatzes machen wir mit dem Webshop. Wir verschicken portofrei in ganz Österreich – und ja, das müssen wir tun. Uns ist lieber, wir verdienen an den Büchern, die wir nach Gramatneusiedl liefern noch weniger, als dass die Kunden sie bei Amazon bestellen.

STANDARD: Bekommen kleine Unternehmer wie Sie genug Unterstützung von der Politik?

Hartlieb: Diese Steuerschlupflöcher der großen Konzerne stellen ein riesiges Ungleichgewicht dar, aber das trifft ja fast alle. Was mich so anstrengt, seit ich Unternehmerin bin, ist dieser Fluch des Wachstums. Wir wollen gar nicht mehr Geld verdienen, aber wir können uns dem nicht widersetzen. Wir müssen jedes Jahr mehr umsetzen, nur um die höheren Transport-, Miet-, Personal- und Lohnnebenkosten bezahlen zu können. Und was mir zu schaffen macht, sind die Löcher, die es wegen der Umsatzentwicklung im Buchhandel jeden Sommer gibt: Da wissen wir nicht mehr, wie wir die Miete zahlen sollen, da haben wir kein Geld mehr. Früher habe ich mich geschämt, heute weiß ich, dass es allen Buchhändlern so geht. Aber ich mache ich mir keine Sorgen mehr: Wir haben Freunde, die uns wortlos Überbrückungsgeld überweisen, und im Dezember zahlen wir's zurück. Das Weihnachtsgeschäft bringt uns ja ein Viertel des Gesamtumsatzes.

STANDARD: Seit März vermieten Sie das Geschäft am Abend, Sie veranstalten Speeddating, Lesekreise. Alles, um an Kunden zu kommen?

Hartlieb: Das ergibt sich automatisch daraus. Bei unseren Einschließabenden schauen die Leute Bücher an, reden, essen, trinken und sind glücklich. Beim Speeddating treffen einander fünf Frauen und fünf Männer, die haben dann sechs Minuten Zeit, dem anderen ihre Lieblingsbücher zu erzählen, danach wird gewechselt.

STANDARD: Sie führen Ihre zwei Buchhandlungen mit Ihrem Mann, wohnen über dem Geschäft. Nach diesen Einschließabenden räumen Sie unten auf, Sie schreiben, machen Lesereisen, verkaufen Bücher. Wie sehr beutet man sich als Kleinunternehmer selbst aus?

Hartlieb: Ich tu das ja freiwillig, Ausbeutung sehe ich da nicht. In den ersten drei Jahren vielleicht: Da haben wir so viel gearbeitet, dass ich mir heute gar nicht mehr vorstellen kann, wie wir das überlebt haben. Aber jetzt können wir uns Angestellte leisten, haben eine effiziente Arbeitsaufteilung, sind sehr professionell geworden. Und wenn ich zu meiner Schicht um zehn Minuten zu spät komme, kriege ich eine auf den Deckel.

Buchhändlerin und Autorin Harlieb vermisst mehr Leseförderung durch die Politik.
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STANDARD: Samstagnachmittag haben Sie nicht offen. Warum?

Hartlieb: Weil ich keine Lust habe. Würden die Ladenschlusszeiten gelockert, würde ich aufhören. Wenn die Thalias und Morawas rundherum bis 22 Uhr aufsperren, wäre es vorbei mit dem "Niemand muss offen haben". Das ist der Schmäh bei allen Liberalisierungen, auch beim Zwölfstundentag. Ich würde nie jemanden zwölf Stunden arbeiten lassen. Zusperren würde ich übrigens auch, gäbe es die Buchpreisbindung nicht mehr – obwohl mein Mann immer sagt, wir würden auch das überleben. Ich weiß, dass nicht jedes Buch ein förderungswertes Kulturgut ist, aber das Lesen gehört gefördert, denn ohne Lesen kann man die Welt nicht verstehen. Bei der Leseförderung bei Kindern müsste die Politik viel mehr tun. Aber das interessiert die Politik nicht, das bringt keine Stimmen.

STANDARD: Bei Politikern sind Bücher selten Thema ...

Hartlieb: Stimmt, und das ist so schade! Denn Bücher erklären die Welt in guten Geschichten. Warum nützen Politiker das nicht? Ich würde ihnen gern Bücher empfehlen. Nach dem Strache-Video haben wir übrigens ein Ibiza-Schaufenster gestaltet: mit Reiseführern, Büchern über Alkoholismus und Trunkenheit, dem Comicstrip Basti & Bumsti, einer Biografie über Sebastian Kurz.

STANDARD: Welches Buch würden Sie ihm empfehlen?

Hartlieb: Klaus Manns Mephisto. (Renate Graber, 23.6.2019)