Der säkulare Staat erodiert, die Trennung von Staat und Kirche ist in Auflösung begriffen.

Cartoon: Michael Murschetz

Sebastian Kurz und die Türkisen bringen sich wie die amerikanischen evangelikalen Konservativen in die Sphären des Heiligen, meint Elsbeth Wallnöfer in ihrem Gastkommentar.

Das Wunder von Rudolfsheim-Fünfhaus ist nicht die "Speisung der Fünftausend", ähnlich außergewöhnlich ist es dennoch fraglos. Zumal ihm die Legende über die Vertreibung des Jüngers aus dem Parlament vorausgeeilt war. Die Legendenbildung zum erlittenen Martyrium kursierte bereits. Darin hatten zwei finstre Mächte (eine davon ein gefallener Erzengel der heilsbringenden Regierungsgemeinschaft) versucht, das Wunderwerk zu zerstören. Mit einem obskuren Hexenwerk dieser Dimension rechnete wohl niemand. Das Loch im Zaun war geflickt, so behauptete der Exkanzler zu Kurzkanzlerzeiten, was sollte da noch kommen? Und doch, mochten sich der eine oder die andere fragen, was würde der Philister wohl als Nächstes rezitieren?

Der Stil des Ex-Kurzkanzlers, über die Krise des Parlaments hinwegzumarschieren, das Parlament als vom Volk losgelöste kanzlerfeindliche Gruppierung darzustellen, war noch blass in Erinnerung. Nach dem Wunder vom vergangenen Wochenende wissen wir nun, dass der Angriff aufs Parlament – SPÖ und FPÖ haben entschieden, aber am Ende wird das Volk entscheiden – sowie die antisemitische Anpatzerei der SPÖ mit dem Silberstein-Vorwurf in ihrer Unbekümmertheit an den Wandel Jesus übers Wasser erinnern.

Segen der Selbstverliebtheit

Was scheren den von Gott Auserwählten profane Gesetze, wenn es gilt, seine Wunderkraft zum Heil und Segen seiner Selbstverliebtheit und darüber hinaus seiner Klientel zu stellen? Was ist ein Staat, wenn das Himmelreich ruft? Den Ernst der Lage demokratischen Selbstverständnisses politischer Eliten während der Kurzkanzlerei zeigten uns bereits die "Offenbarungen zu Ibiza", die Abwendung von demokratischen Grundsätzen jetzt eben die neue Volkspartei. Der säkulare Staat erodiert, die Trennung von Staat und Kirche ist in Auflösung begriffen. Die Integration Gottes, des christlichen Gottes wohlgemerkt, schreitet voran.

Während wir noch im Nachhall auf das Video zum Thema "Österreich am Strande von Ibiza" diskutieren, dazu eine Debatte über die Möglichkeiten zu einem demokratischen Staate mit einem soliden Grundgesetz durch eine Expertenregierung führen, tritt der Teufel in Gestalt des Awakening Europe in die Welt. Eine Gesinnungsgemeinschaft, die sich einen derart politischen Namen gibt, kann keine reine Glaubensgemeinschaft bleiben wollen.

Impetus und Inszenierung

Der politische Impetus, der allein im Namen steckt, erinnert an die prophetischen Realitätsverweigerer, wie wir sie nur aus Erzählungen über Bewegungen rund um Donald Trump und Steve Bannon kennen. Die Inszenierungsbestrebungen dieser dezidiert Rechtskatholischen gieren nur so nach Öffentlichkeit, auch dies ist ein Zeichen, wenn auch nicht des Himmels, so doch eines: nämlich politisch agitieren zu wollen. Solche marktschreierischen Versammlungen sind laut. Zu laut, um besinnlich kontemplativ – eine mönchische Tugend übrigens – zu sein. Sie dienen nur einem Zweck, Aufmerksamkeit auf die eigene obskure Botschaft zu lenken. Sie agieren sektiererisch, sie leugnen den Klimawandel, die Naturwissenschaften allgemein, sie sind gegen Abtreibung und die Selbstbestimmung der Frau, sie sind der Ansicht, alles, was nicht heterosexuell ist, sei eine Krankheit. Ihre Politisierung besteht darin, Religion öffentlich zu betreiben, die inhaltlich orthodox-religiös-konspirativen Konzepte ihres Glaubens in die Politik hineinzureklamieren.

Es ist die Art eines solchen Erlösertums, mit seiner Katzenfreundlichkeit, seiner selektiven Sicht auf die Welt, mit seiner ideologiegetränkten Werteordnung und dem salbungsvollen Habitus für einen Kanzler ihrer Façon zu beten. Dieser Messianismus ist es auch, der abstoßend wirkt.

Keine Kanzlerqualitäten

Ein Kanzlerkandidat, der sich auf ein solches Ereignis begibt, hat nicht die Qualität, ein Kanzler für alle in einem modernen, säkularisierten Staat zu sein. Einem Kandidaten, der Religion nicht privat betreibt, im Gegenteil, diese derart dramatisch und unermesslich abgeschmackt pflegt, dem fehlt die nötige Distanz, der ein passabler Staatsmann bedarf.

Das eigentliche Drama dieses Events steckt im Kandidaten und in seinem Hang zum gleisnerischen Rechtskatholischen. Sich anschließend vor der Presse in staunensgleicher Verwunderung über die Veranstaltung zu zeigen, um der Kritik aufrechter Demokraten zu entgehen oder diese abzumildern, offenbart den ungläubigen Thomas im Sebastian. Kein Theatermacher dieser Welt könnte sich eine solch gelungene pharisäerhafte Inszenierung ausdenken. Der Jüngling, Gott Vater gleich, mit seinem gefittichten Cherubim Nehammer in salbungsvollem Gestus und mit adorierendem Blick von unten auf den Heilsbringer gerichtet, den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Hände gefaltet wie ein verunsicherter Katechet, stehen diese beiden da und wollen das Wunder von Rudolfsheim-Fünfhaus zu einer lässlichen Sünde degradieren.

Abkehr von der Kirche

Wenn dies der erwünschte frische Wind im Katholizismus ist und diese Convention, bei der der Brand von Notre-Dame in verschwörerischem Stile der neuen Rechten zwischen den Zeilen als Anschlag auf die europäische Zivilisation paraphrasiert wird, dann ist eine Abkehr von dieser Kirche, aber noch mehr vom Kandidaten unumgänglich, ja geradezu Christenpflicht.

Ein Kanzlerkandidat, der sich diese Bühne zu eigen macht, der dazu sagt, es sei ihm "eine große Ehre und Riesenfreude, hier sein zu dürfen", der sich einem abgeschmackten Gesülze ausgestreckter Hände mit entzückt entrücktem Geschau hingibt, sollte sich um das Amt eines Sektenpredigers kümmern, aber nicht um die Anwartschaft auf die Kanzlerschaft in einem demokratischen Staate, der seine ökonomische Stärke aus der kulturellen, religiösen und politischen Vielfalt bezieht. (Elsbeth Wallnöfer, 21.6.2019)