Ministerpräsident Abyi Ahmed informierte am Sonntagvormittag über einen Putschversuch in der Provinz Amhara.

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Bei zwei offensichtlich koordinierten Attentaten sind am Samstag in Äthiopien zwei führende Generäle sowie zwei hochrangige Politiker ums Leben gekommen. Premierminister Abiy Ahmed sprach im staatlichen Fernsehen von einem Putschversuch: Mehrere Drahtzieher des gescheiterten Coups sollen inzwischen verhaftet worden sein.

Der erste Mordanschlag ereignete sich nach Angaben der Regierung am Samstagnachmittag in der Hauptstadt der Amhara-Provinz, Bahir Dar, wo sich Gouverneur Ambachew Mekonnen mit führenden Amtsinhabern der Region in einer Unterredung befand. Der Sicherheitschef der Provinz, Assamnew Tsige, soll mit mehreren Soldaten in Ambachews* (siehe Anmerkung am Ende des Textes) Büro gestürmt sein und den Gouverneur sowie einen seiner Berater aus nächster Nähe erschossen haben. Wenige Stunden später wurde der Chef der Streitkräfte, General Seare Mekonnen, in seiner Residenz in der Hauptstadt Addis Abeba von seinem eigenen Leibwärter erschossen. Dabei kam auch ein zweiter General ums Leben, der Seare besuchte. Sowohl in Addis Abeba wie in Bahir Dar waren nach den Attentaten offenbar Schüsse in den Straßen zu hören: In der Provinzstadt sei es über mehrere Stunden hinweg zu heftigen Schusswechseln gekommen, berichten Augenzeugen. Der Kommandeur einer Spezialeinheit der Streitkräfte teilte am Sonntag mit, "die meisten der Putschisten" seien verhaftet worden, nur "wenige" befänden sich noch auf freiem Fuß.

Vertraute des Premiers

Sowohl der Chef der Amhara-Provinz wie der Streitkräftechef galten als Vertraute des Regierungschefs Abiy Ahmed, die der Premierminister nach seiner Machtübernahme im April des vergangenen Jahres eingesetzt hatte. Bei der Unterredung in Ambachews Büro soll es um einen öffentlichen Aufruf des Sicherheitschefs Assamnew gegangen sein, der die Bevölkerung der Amhara-Provinz kürzlich aufgefordert hatte, sich zu bewaffnen und Einheiten zur Selbstverteidigung zu bilden. Seit Jahren wird Äthiopien, dem mit mehr als 100 Millionen Einwohnern zweitbevölkerungsreichsten Staat Afrikas, von schweren Spannungen innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erschüttert: 2,4 Millionen Menschen wurden nach Angaben der Vereinten Nationen aus ihrer Heimat vertrieben.

Abiy ist der erste Regierungschef seit der Befreiung des Landes von der Militärdiktatur Mengistu Heile Mariams im Jahr 1991, der dem Mehrheitsvolk der Oromo angehört. Zuvor wurde die Regierung von dem Minderheitenvolk der Tigre dominiert, denen die anderen Bevölkerungsgruppen – neben den Oromo vor allem die Amhara im Norden und die Somali im Osten des Landes – einen autoritären Führungsstil und schwere Menschenrechtsverletzungen vorwarfen. Gleich zu Beginn seiner Regierungszeit machte sich Abiy an eine radikale Reform des verkrusteten Staates, die ihm den Beinamen "Äthiopiens Gorbatschow" einbrachte: Er ließ Hunderte politischer Gefangener frei, hob das Verbot oppositioneller Parteien auf und unterzeichnete einen Friedensvertrag mit dem Nachbarstaat Eritrea.

Widerstand gegen Reformer

Gegen die Öffnungspolitik des mit 42 Jahren jüngsten Regierungschefs Afrikas formierte sich allerdings auch bald Widerstand: Bereits vor einem Jahr entkam Abiy nur knapp einem Bombenanschlag. Vier Monate später vermochte der ehemalige Geheimdienstoffizier eine Meuterei von Soldaten abzuwenden, die ihm eigenen Worten zufolge nach dem Leben trachteten. Weniger Erfolg hat der Regierungschef bisher bei der Befriedung der zersplitterten Bevölkerung: Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Konflikten zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien mit Dutzenden von Toten.

Für das kommende Jahr setzte die Regierung Wahlen an, die schon im Vorfeld für neue Konflikte sorgen. Während die Vorsitzende der Wahlkommission, Birtukan Mideksa, davor warnt, dass unter den derzeitigen Bedingungen keine friedliche Abstimmung stattfinden könne, droht die Opposition für den Fall einer Verschiebung des Urnengangs mit Aufständen. Werde die Öffentlichkeit vor den Kopf gestoßen, sagte der oppositionelle Ex-Gefangene Merera Gudina kürzlich gegenüber Reuters, "wird keiner die Macht oder die Mittel haben, ihrem Ärger zu begegnen." (Johannes Dieterich, 23.6.2019)