Nestor El Maestro holte als Cheftrainer mit Spartak Trnava 2,03 und bei ZSKA Sofia 2,25 Punkte pro Spiel. Ein Schnitt über zwei reicht in Österreich meist zum Vizemeistertitel.

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Nestor El Maestros Antwort auf die Frage nach seinem bevorzugten Spielstil ist exakt neun Minuten lang und reicht von der "politischen Unkorrektheit" des Bekennens zu reaktivem Spiel bis hin zum Vizemeistertitel des LASK. Wer an diesen und mehr taktischen Feinheiten, El Maestros Konzept von "Zeit-Ergebnis-Dynamik", seiner Beziehung zu Thorsten Fink oder Treffen mit Union Berlin ("Ich war voll heiß auf den Job") interessiert ist, der sollte die hier verlinkte Langfassung des Interviews lesen.

Für durchschnittlich Sportinteressierte folgt hier die gekürzte Fassung.

STANDARD: Haben Sie schon ein Gefühl, welche Offensive besser zum Kader passt?

El Maestro: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass das Spiel im Offensivdrittel brutal abhängig von den Fähigkeiten meines Hauptstürmers ist. Da ist die erste Frage: Wer ist das bei Sturm? Das kann ich heute noch nicht sagen. Wenn du einen Stürmer hast, dessen Hauptwaffe das Verwerten von Flanken ist, dann musst du schauen, dass du Flanken bringst, sonst ist der sinnlos. Und wenn ich weiß, ich muss möglichst viele Flanken schlagen, geht das rückwirkend bis zum Torwart: Wie komme ich in Situationen, wo ich vernünftige Flanken schlagen kann? Wenn mein Stürmer ein überragender Konterspieler ist, muss ich schauen, dass sich diese Spielszenen entwickeln. Und wenn mir das nicht recht ist, muss ich einen anderen wählen. Es gibt dafür konkrete Beispiele ...

STANDARD: Und zwar?

El Maestro: Eine Mannschaft, die sehr negativ gesehen wurde, trotz überragender Erfolge: Atlético Madrid. Die haben immer einen Weltstar-Stürmer, der wird aber häufig verkauft und ausgetauscht. Was die gegen den Ball spielen, ist grundsätzlich immer gleich, das Spiel im Offensivdrittel ändert sich aber enorm, abhängig davon, wer in der Spitze spielt. Spielte Falcao, war das total unterschiedlich zu Griezmann oder Costa, weil sie total unterschiedliche Typen sind. Wenn Sie mich fragen, welche Typen ich am liebsten habe, dann antworte ich: ziemlich scheißegal. Hauptsache, der hat richtig Qualität.

Als Trainer von ZSKA Sofia warf El Maestro die Admira aus dem Europacup.
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STANDARD: Es spielt der Einserstürmer ja nicht jedes Spiel 90 Minuten durch. Versucht man da, Ersatzleute mit denselben Fähigkeiten zu haben, oder ist es realistisch, in einigen Monaten mehrere Varianten einzutrainieren?

El Maestro: Mehrere Varianten sind einfacher. Wir müssen immer wissen, wo wir uns befinden: Welche Gehälter zahlen wir? Da ist es sehr schwer, den Markt so zu filtern. Wie bei einer Wohnungssuche, wie ich es gerade mache: Es ist schön, wenn du ein reicher Mann bist und sowieso jede Wohnung in Graz zahlen kannst. Dann sagst du, du hättest gerne einen Balkon, Tiefgarage, ein riesiges Wohnzimmer, sie soll möglichst möbliert sein und am Jakominiplatz. Das können andere Mannschaften in Österreich vielleicht machen, aber nicht wir. Wir müssen das genauso wie ich machen, da schaust du: Was kannst du zahlen, und was ist das Beste, was du dafür kriegst? Wenn dann der eine oder andere Kompromiss dabei ist und du auf der Straße parken musst, ist das eben so.

STANDARD: Welche Attribute suchen Sie bei Spielern?

El Maestro: Charakter in erster Linie, Laufbereitschaft in der zweiten. Und dann auf der einen oder anderen Position das, was ich Entscheiderqualität nenne – da brauchst du nicht mehr als zwei oder drei. Das sind Leute, die es häufig schaffen, aus dem Nichts Tore vorzubereiten oder zu erzielen. Das ist extrem wertvoll für einen Trainer. Da kannst du häufig gut aussehen nach einem Spiel, obwohl du gar nicht so geil gespielt hast. Das sind aber die Leute, die am schwierigsten zu bekommen sind. Charakter und Laufstärke haben wir hier, deswegen habe ich keinen Stress, weil das ausreicht für vernünftigen Fußball, vernünftige Ergebnisse und eine vernünftige Saison. Damit bestehst du. Wie viel Fantasie ich für Großes habe, ist abhängig von diesen Entscheidertypen. Schaffe ich es, welche zu entwickeln, die schon da sind? Kommen welche dazu? Das werden wir dann sehen.

STANDARD: Das ist wohl auch relativ untrainierbar.

El Maestro: Es sind meistens Leute, die grundsätzlich ein höheres Level haben als das, was wir haben bei Sturm.

El Maestro beim ersten Training.
Foto: APA/EXPA/DOMINIK ANGERER

STANDARD: Was entscheidet bei einem Fußballspiel über Sieg und Niederlage?

El Maestro: In jedem Einzelspiel auf vergleichbarem Niveau, wie zum Beispiel in der Bundesliga, ist Glück der entscheidendste Faktor. Diese Variable ist so groß, dass du damit lebst oder stirbst. Der Rest ist auf einen längeren Zeitraum gesehen extrem wichtig. In meiner kurzen Cheftrainerkarriere habe ich von einer unfassbaren Konstanz in statistischen Elementen gelebt, die viel mit der taktischen Ausrichtung zu tun hat, aber auch viel mit der psychologischen Vorbereitung der Spieler. Zum Beispiel: Ich habe bis jetzt in meiner Profikarriere über 95 Prozent der Begegnungen gegen einen auf dem Papier schwächeren Gegner gewonnen, also Playoff 1 gegen Playoff 2 (El Maestro gewann mit zwei Ausnahmen sämtliche Spiele gegen Clubs, die am Saisonende nicht unter den Top sechs waren, Anm.). In Österreich ist das schwieriger als da, wo ich bis jetzt war, hier werden grundsätzlich mehr Punkte verloren. Das andere: Wenn ich 1:0 in Führung gehe, gewinne ich fast jedes Spiel (In 66 Pflichtspielen als Cheftrainer gab El Maestro nur zweimal ein 1:0 aus der Hand, Anm.). Natürlich werde ich versuchen, das wieder zu erreichen, aber ich kann das nicht hundertprozentig versichern, weil ich nicht weiß, was die Variable Glück in all diesen Spielen gemacht hat.

STANDARD: Wie bringt man ein 1:0 so verlässlich über die Bühne?

El Maestro: Es hat etwas mit dem zu tun, das ich Zeit-Ergebnis-Dynamik des Spiels nenne. Es gibt Ligen, Österreich ist eine davon, wo sehr häufig zwei Mannschaften aufeinandertreffen, die einen Plan haben. Die spielen ihren Plan durch, und am Ende gewinnt einer. Es ist aber erreichbar, die Ergebnisdynamik des Spiels zu lesen und sich daran anzupassen. Das ist jetzt nicht viel Rederei, um zu sagen: Du schießt das 1:0, und dann stellst du dich hinten rein, denn das funktioniert sehr selten. Genau dann kriegst du den Ausgleich. Es hat etwas mit Risikobereitschaft beim Von-hinten-Rausspielen zu tun – wann ja, wann nein? Abhängig von Zeitpunkt und Ergebnis. Es hat etwas mit der Dynamik des Ballbesitzspiels zu tun – wann quer, wann vertikal? Und anderen Aspekten. Ich werde versuchen, wieder einmal rüberzubringen, wie man ein Spiel auf Augenhöhe – und das sind in Österreich fast alle – vielleicht ein bisschen schlauer spielt.

Die Spieler bezeichneten das erste Training als "intensiv".
Foto: APA/EXPA/DOMINIK ANGERER

STANDARD: Was war die letzte große Erkenntnis, die Sie für das Trainergeschäft gelernt haben?

El Maestro: Meine Kritiker sagen, ich schaffe es nicht, als Cheftrainer Derbys zu gewinnen. Das ist statistisch tatsächlich wahr. Vor ein paar Monaten habe ich zufällig das Video von Zinédine Zidane zur Halbzeit eines Champions-League-Finales mit Real Madrid gesehen. Zunächst war es für mich eine Riesenenttäuschung, wie dieser Typ gar nichts gesagt hat und gar nichts gemacht hat. Dann habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen – ich weiß jetzt nicht, ob der richtig ist -, dass gerade in diesen ganz großen Spielen die Nervosität rauszunehmen und Ruhe und Souveränität auszustrahlen entscheidend ist. Ich habe in solchen Derbys versucht, besonders zu sein, noch mehr zu motivieren.

STANDARD: Was verbindet den 36-jährigen Nestor El Maestro mit dem 17-jährigen Nestor?

El Maestro: Nicht viel. Ich bin ein total anderer Mensch für Außenstehende. Wenn ich zurückdenke, wie ich war, schäme ich mich fast. Es kommt mir naiv, jung, unintelligent vor – und ich meine jetzt nicht die Namensänderung, sondern allgemein. Ich war zum Beispiel früher viel arroganter. Ohne irgendetwas zu wissen, habe ich gedacht, ich wäre ein richtig geiler Trainer. Es hat Jahre gedauert, dass ich verstehe, wie wenig ich damals verstanden habe. Aber ich glaube und hoffe, dass die Leute, die in meinem inneren Kreis sind, die Leute, die mich richtig kennen, meinen: Ich bin ziemlich der gleiche Mensch, was die Grundsätze des Lebens betrifft. Meine Frau, die mich seit zehn Jahren kennt – wenn wir streiten, dann sind es dieselben Gründe. (Martin Schauhuber, 24.6.2019)

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