Alles ist gut geworden: Der erneute Wahlsieger Ekrem İmamoğlu tritt vor die Presse.

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Wahlwiederholungsverlierer Binali Yıldırım.

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Eine Stimme für die CHP in Istanbul.

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Istanbul – Noch vor 20 Uhr Istanbuler Zeit war es am Sonntag so weit: AKP-Kandidat Binali Yıldırım gratulierte seinem Kontrahenten Ekrem İmamoğlu zu seinem Sieg – genauer gesagt zu seinem "Vorsprung". Doch dieser Vorsprung war mit fast zehn Prozentpunkten schon so groß, dass es kaum mehr Zweifel gab, wer die Wahl gewonnen hatte. Schon kurz darauf waren die ersten Hupkonzerte zu hören. Nach 25 Jahren wird die größte Stadt der Türkei nicht mehr von der AKP oder Erdoğans islamistischen Vorgängerparteien, der 1998 verbotenen Wohlfahrtspartei und der 2001 ebenfalls verbotenen Tugendpartei, sondern von der Opposition regiert.

Bei der ersten Wahl am 31. März hatte İmamoğlu mit einem hauchdünnen Vorsprung von 13.000 Stimmen gewonnen. Die AKP aber hatte das Ergebnis angefochten, und die Hohe Wahlkommission hatte die Wahl schließlich wegen Unregelmäßigkeiten wiederholen lassen. Nun konnte İmamoğlu seinen Vorsprung auf rund 750.000 Stimmen ausbauen.

Sieg der Demokratie

İmamoğlus Sieg ist auch einer der schon fast totgesagten türkischen Demokratie. Tausende Istanbuler hatten für die Wahl ihren Urlaub unterbrochen oder waren aus dem Ausland angereist, um ihre Stimme abzugeben. Die Möglichkeit der Briefwahl gibt es in der Türkei nicht.

Dass die Hoffnung dieser Menschen nicht enttäuscht wurde, ist ein gutes Zeichen – auch für den Zusammenhalt der sonst so zerrissenen türkischen Gesellschaft. Der Wahltag verlief weitgehend friedlich. Tausende Freiwillige hatten in den Wahllokalen gearbeitet, Wahlbeobachter aus dem In- und Ausland berichteten, die Wahl sei friedlich und ohne größere Zwischenfälle abgelaufen.

Schmutzkampagnen

Der dauerlächelnde 49-Jährige hatte in den vergangenen Wochen einen beeindruckenden Wahlkampf geführt. Schmutzkübelkampagnen waren an ihm abgeprallt, und anstatt den politischen Gegner zu beschimpfen und zu verunglimpfen, wie es sonst üblich ist in der türkischen Politik, bot İmamoğlu kaum Angriffsfläche. Das symbolisierte auch sein Slogan "Her sey güzel olacak", was so viel bedeutet wie: Alles wird gut werden.

Genau das kam an bei vielen Istanbulern, die von dem finsteren Terrorismus-Beschuldigungen Erdoğans und anderer AKP-Granden genervt sind. Auch längst nicht alle AKP-Wähler waren von der Idee begeistert, die Wahl wiederholen zu lassen. Zwar versuchte die AKP, das Narrativ zu etablieren, man sei bei der Wahl am 31. März um den Sieg betrogen worden. Doch das nahmen viele Wähler ihrer Partei nicht mehr ab. Auch war es der AKP nicht gelungen, konservative Kurden zu mobilisieren. Sogar den seit 20 Jahren inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan hatte man dafür einzuspannen versucht. Vergebens.

Was der Wahlausgang langfristig bedeutet, lässt sich noch nicht absehen. Zwar rufen manche türkischen Journalisten und Beobachter schon den Anfang vom Ende der Ära Erdoğan aus. Doch da dürfte eher der Wunsch Vater des Gedankens sein. Erdoğan hat sich, als er bemerkte, dass die Wahlkampfstrategie der AKP nicht aufging, im Wahlkampf stark zurückgehalten und sich nicht exponiert. So bleibt der Verlust zunächst am Spitzenkandidaten Binali Yıldırım, nicht aber an ihm selbst hängen. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 23.6.2019)