Sebastian Kurz: Man traut ihm zu, Wahlen zu gewinnen – aber weniger, die Arbeitnehmerinteressen zu vertreten

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Linz – Die Erwartungen an ÖVP-Chef Sebastian Kurz waren hoch – und sie sind es weiterhin: Zwei Jahre nachdem er zum Parteiobmann gewählt worden ist, muss er in den nächsten Wahlkampf. Und 53 Prozent der Wahlberechtigten meinen voll und ganz, er habe das Zeug, Wahlen zu gewinnen, weitere 24 Prozent stimmen der Aussage teilweise zu. Und Kurz hat seine eigene Partei voll hinter sich: In der Wählerschaft der Volkspartei summieren sich die Antworten in diesem Punkt auf 90 plus neun Prozent.

Ganz ähnlich sieht es aus, wenn man fragt, ob Kurz im Vergleich zu seinen Herausforderern bestehen könnte. Und die Frage, ob Kurz "die beste Wahl für die ÖVP" sei, wird von deren eigenen Wählern zu 98 Prozent bejaht. Mehr Geschlossenheit geht kaum.

Schwächen des Kurzzeitkanzlers

Andererseits zeigt die aktuelle Umfrage des Linzer Market-Instituts für den STANDARD auch die Schwächen des Kurzzeitkanzlers auf. Die Aussage "Sebastian Kurz ist ein guter Vertreter der Arbeitnehmer in Österreich" wird mehrheitlich abgelehnt – 33 Prozent sind komplett, weitere 15 Prozent sind überwiegend anderer Meinung. Nur 15 Prozent stimmen völlig zu, von den ÖVP-Wählern sind es auch nur 40 Prozent.

Nun könnte sich Kurz damit trösten, dass andere Parteichefs in früheren Umfragen auch nicht besser gelegen sind, meint David Pfarrhofer, Leiter des Market-Instituts, der die Zahlen herausgesucht hat: "Auch Pamela Rendi-Wagner haben im vergangenen Herbst nur neun Prozent voll zugetraut, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten, dem damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache im heurigen Februar nur zwölf Prozent. Aber jetzt kommt ein Wahlkampf, da kommen ganz andere Erwartungen auf die Spitzenpolitiker zu."

Arbeitnehmerpolitik offen

Für die ÖVP heißt das konkret, dass 69 Prozent der 808 Befragten fordern, dass sie sich "auf die Interessen der Arbeiter und Angestellten konzentrieren" sollte.

Ob sie das auch tun wird? Das Bild, das die Partei in dieser Umfrage abgibt, spricht nicht sehr dafür, denn 48 Prozent stimmen der Aussage zu: "Die ÖVP macht nur Politik für ihre eigenen Anhänger." Zum Vergleich: Der SPÖ haben das im letzten Herbst 42 Prozent der Befragten vorgehalten, der FPÖ im heurigen Februar 45 Prozent.

Auffallend ist, dass 68 Prozent meinen, dass das heimische Parteienspektrum ohne ÖVP unvollständig wäre (Vergleichswerte für SPÖ 62, für FPÖ 46) – und dass eine klare Mehrheit von 54 Prozent meint, dass die Volkspartei auch der nächsten Regierung angehören soll. Nur 30 Prozent sagen klar, dass die ÖVP nicht regieren sollte.

Pfarrhofer: "Das heißt natürlich nicht, dass alle dieser 54 Prozent die ÖVP als Kanzlerpartei wollen – und man muss auch sehen, dass die Wähler von SPÖ und Grünen mehrheitlich gegen eine ÖVP-Regierungsbeteiligung sind. Aber der Wunsch, dass die ÖVP regieren soll, ist stärker als die entsprechenden Wünsche bezüglich SPÖ und FPÖ, die wir in früheren Befragungswellen bei 42 und 35 Prozent auf einem deutlich niedrigeren Niveau gemessen haben."

Hohe Erwartungen an Kurz

An den ÖVP-Chef gebe es jedenfalls hohe Erwartungen: Männliche und ältere Befragte, Bewohner ländlicher Regionen und Menschen mit höherer Bildung stimmen in besonderem Maß der Aussage zu, dass sich Kurz als Kanzler bewährt habe – die Wähler der bisherigen Oppositionsparteien und die wichtige Wählergruppe der Wiener lehnen die Aussage mit großer Mehrheit ab.

In dem bevorstehenden Wahlkampf werde es für Kurz nun gelten, dem Anspruch gerecht zu werden, dass die ÖVP die Themenführerschaft hat, sagt Pfarrhofer: Derzeit trauen Kurz 35 Prozent die Themenführerschaft seiner Partei voll und ganz zu, die Hälfte der Wählerschaft traut ihm voll (31 Prozent) oder überwiegend (21 Prozent) zu, "gute Ideen für die Zukunft Österreichs" zu haben.

Andererseits ist die wahlberechtigte Bevölkerung gespalten in der Frage, ob Kurz die Sorgen und Ängste der Bevölkerung auch verstehe – da steht es 46 zu 47 Prozent. Das ist aber immerhin besser als die Einschätzung von SPÖ und FPÖ – denen wurde das zuletzt noch weniger zugetraut. (Conrad Seidl, 24.6.2018)