Foto: Mille Miglia
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Kampfjets der italienischen Kunstflugstaffel Frecce Tricolori jagen donnernd im Tiefflug über Brescia. Die Regenwolken lassen sich davon allerdings nicht beeindrucken. Es beginnt zu nieseln. Unwillkürlich fallen einem die Worte des Literaturhistorikers Dieter Richter ein: "Ich habe noch nie so gefroren wie im Süden." Denn auch in der Lombardei schlagen die Eisheiligen Mitte Mai gnadenlos zu. Sie scheren sich nicht darum, dass auf der Piazza della Vittoria Volksfeststimmung herrscht.

Promis in rollenden Raritäten, Volksfeststimmung und ein Hauch von Anarchie – das macht die Mille Miglia für Autoliebhaber zur "corsa più bella del mondo", zur schönsten Oldtimer-Rallye der Welt.
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"Azzurro", dröhnt trotzig aus den Lautsprecherboxen, unterbrochen von den schnellen, stakkatoartigen Ansagen der Live-Kommentatoren. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Kinder haben schulfrei und stehen am Rand der Absperrung rund um den Platz. Wer es ins Innere der Piazza schafft, befindet sich auf Augenhöhe mit den Role-Models der Automobilgeschichte, die an der "schönsten Oldtimer-Rallye der Welt" – oder klangvoller: "La corsa più bella del mondo" – teilnehmen, der Mille Miglia. Sie führt traditionell rund 1600 Kilometer, also tausend Meilen, von Brescia nach Rom und wieder zurück. Heuer ging die Sause von 15. bis 18. Mai über italienische Landstraßen.

Die Bambini wacheln mit "Mille Miglia"-Fähnchen, Handys werden verzückt gezückt, um Schnappschüsse der rollenden Antiquitäten, die schon den einen oder anderen Kilometer auf dem Tacho haben, zu knipsen. Die Fahrer der meist unbezahlbaren Ferraris, Porsches, Bugattis, Bentleys und wie sie alle heißen, posieren stolz, fachsimpeln, plaudern mit den Zuschauern – oder werkeln noch hektisch am Motor rum. "Ah"-, "Oh"- und "Che bello!"-Rufe sind aus den Reihen der Zaungäste und Carspotter, viele von ihnen extra angereist, zu vernehmen. "Schnell, schnell, ein Selfie", ruft der Gatte seiner Frau zu, wenn etwa ein silberner Mercedes-Benz W 198 mit offenen Flügeltüren vorbeirollt. Ob dieser Besonderheit wird er liebevoll "Gullwing", Möwenflügel, gerufen, wie man von Auskennern vor Ort erfährt.

Um eine Startnummer zu bekommen, reicht es nicht allein den passenden Wagen und den passenden Kontostand zu haben.
Foto: Mille Miglia

Die sind ganz aus dem Häuschen beim Anblick der mindestens sechzig Jahre alten Raritäten, die sich auf dem Platz versammelt haben. Die Autos müssen sich hier letzten technischen Checks unterziehen. Den kirchlichen Segen gab's schon einen Tag davor, aber sicher ist sicher. Nun also die nächste Zeremonie: "Punzonatura" genannt, was man mit "Versiegelung" übersetzen kann. Erst wenn ein Offizieller eine entsprechende Plombe im Fahrzeuginneren befestigt hat, ist das Vehikel für den Start zugelassen. Es ist der letzte Schritt einer langen, teils bürokratischen Reise, die man als Teilnehmer, 2019 waren es 430 Teams aus 37 Nationen, hinter sich bringen muss.

Den Mythos der Rallye nährt, dass es fast unmöglich ist, eine Startnummer zu bekommen. Selbst wenn man das nötige Kleingeld und den passenden Wagen hat. Tatsächlich werden nur Fahrzeugtypen gelistet, die auch bei der Original-Mille-Miglia zwischen 1927 und 1957 hätten teilnehmen können (oder eben teilgenommen haben). Besitzt man ein solches Auto, heißt das aber noch lange nicht, dass man dabei ist: 1500 Bewerbungen gibt es pro Jahr, nur rund 400 Teams werden zugelassen. Abzüglich der fixen Plätze der Sponsoren bleiben unterm Strich noch circa 250 übrig.

Helden der Jugend

Also wie kommt man rein? Mit einem besonderen Auto oder einem Star mit an Bord, oder man besitzt das Vehikel eines (verstorbenen) Promis. Auch "Exoten", also ganz spezielle Autos, werden, so heißt es, bevorzugt behandelt, schließlich wollen die Veranstalter ein möglichst abwechslungsreiches Starterfeld. Jedenfalls ist viel Geld im Spiel, alleine der Startplatz kostet 6000 Euro.

Die Veranstalter wollen ein möglichst abwechslungsreiches Starterfeld.
Foto: Mille Miglia

Wie wär's also mit einem O.M. 469 S (steht für Officine Meccaniche, die Marke gibt's nicht mehr, Anm.), Baujahr 1930? Vorbesitzer: Benito Mussolini, der "Duce". Interessanterweise wurde dieser Wagen in Österreich wiederentdeckt, bevor er seinen Platz im Mille-Miglia-Museum in Brescia einnahm, wie man ebendort erfährt: Selbstverständlich auch vom Anfang der Rallye 1927, deren Ende 1957, dem ein tragischer Unfall mit elf Toten voranging, und der Wiederauferstehung als Mille Miglia Storica 1977.

In der Gegenwart ist bereits der rote Teppich ausgerollt, das Publikum hat sich rechts und links der Startrampe an der Viale Venezia versammelt. Die Oldtimer rollen an, chronologisch nach Baujahr. Jedes Auto wird einzeln vorgestellt: Marke, Typ, Besonderheit, Fahrer, Beifahrer – über 400-mal geht das so, stundenlang. Dennoch: Spätestens ab diesem Moment kann man sich der aufkommenden Euphorie nur schwer entziehen.

Die Mille Miglia ist ein Besuchermagnet und wird entsprechend inszeniert.
Foto: Mille Miglia

"Wer ist das? Google den mal", schallt es des Öfteren durch das Motorengebrüll und den Abgasgestank. Man weiß nicht: Ist damit das Auto gemeint oder der Lenker? In der Tat sind unter den Teilnehmern einige Helden der eigenen Jugend auszumachen: zum Beispiel Michael Diamond, besser bekannt als Mike D und als Mitglied der Beastie Boys oder Promis wie der Top-Designer Marc Newson.

Aber auch die Helden der Jugend von gestern und vorgestern, wie die ehemaligen Rennfahrer Jochen Mass oder Giancarlo Fisichella, sind darunter. Und ein Mann mit markantem Cowboy-Hut: Arturo Merzario. Er war es, der Niki Lauda 1976 auf dem Nürburgring aus seinem brennenden Ferrari zog. Auch Chopard-Co-Präsident Karl-Friedrich Scheufele, ein leidenschaftlicher Oldtimer-Sammler, setzt sich selbst hinters Lenkrad eines Mercedes-Benz 300 SL. Ehrensache: Chopard ist Hauptsponsor des Rennens.

Ausgestattet mit einem Roadbook, dick wie ein Telefonbuch, zieht die Karawane los. Rote Ampeln spielen auf dem Weg kaum eine Rolle, ebenso wenig die StVO. Ein Hauch von Anarchie ist da eben doch noch dabei. Auch wenn, so hört man, einige Kommunen bereits die Durchfahrt verweigern, Polizisten Strafzettel ausstellen und der eine oder andere Sponsor heuer nicht mehr vertreten ist.

2019 gewann das Team Giovanni Moceri und Daniele Bonetti in einem Alfa Romeo 6C 1500 SSA.
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Über Cervia Milano Marittima, Rom, Bologna zurück nach Brescia geht die Rundfahrt, durch die schönsten Landschaften Italiens. Nicht alle werden die 112 Gleichmäßigkeitsprüfungen absolvieren, die 28 Stempelstellen passieren und an den 16 Zeitkontrollen vorbeikommen, viele werden unterwegs liegenbleiben. Etwas, das die Benzinbrüder und -schwestern (ja auch eine Handvoll Frauenteams ist am Start) aber gerne in Kauf nehmen: Dabei sein ist alles. Gewonnen hat die 37. Neuauflage der Rallye übrigens das Team Giovanni Moceri und Daniele Bonetti in einem Alfa Romeo 6C 1500 SSA. Oder wie es bei der Mille Miglia heißt: Hauptsache Alfa. (Markus Böhm, 7.7.2019)