Ex-Präsident Sarkozy blickt zurück auf die Zeit vor seiner Wahl.

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Nein, er habe "keine politischen Hintergedanken", twitterte Nicolas Sarkozy zum Erscheinen seines Werks "Passions" ("Leidenschaften") mit einer Startauflage von 200.000 Stück. Und nein, "es war nicht mein Ziel, meine Memoiren zu schreiben", fügte der ehemalige Präsident an. Memoiren schreiben gewesene Politiker, und das will Sarkozy nun wirklich nicht sein. Zufällig enden seine 368 Seiten langen "Erinnerungen" mit seiner Wahl zum Staatspräsidenten 2007. Ein zweiter Band mit dem Einblick hinter die Kulissen des Élysée-Palasts ist also zu erwarten.

Sarkozy fühlte sich beim Schreiben offensichtlich inspiriert. Warum, darf er nicht offen zeigen – es ist der Niedergang seiner Partei. Die Gaullisten, denen Sarkozy selbst den Namen "Républicains" verpasst hatte, sind bei den Europawahlen im Mai auf ein historisches Tief von 8,5 Prozent abgesackt. Parteichef Laurent Wauquiez musste den Hut nehmen und seine Aspirationen auf die Präsidentschaftswahlen 2022 begraben. Damit ist die Bahn frei für den Retter Sarkozy. Nur ihm trauen die Republikaner zu, die Umklammerung durch Marine Le Pen zur Rechten und Emmanuel Macron in der Mitte zu sprengen und die Konservativen wieder zu einer Massenpartei zu machen.

Auch als Einiger seines Lagers scheint Sarkozy gut platziert – er vertritt pointiert rechte Positionen, gibt sich aber zugleich als geläuterter Staatsmann, der wahlkampfwirksame Schalmeien beherrscht. "Ich verspüre tiefe Dankbarkeit gegenüber allen Franzosen, die mir ermöglicht haben, an ihrer Spitze einen Moment der Geschichte zu erleben", schreibt er in seinen Nichtmemoiren.

Schwere Hypothek

Das Erstaunliche ist, dass die Worte des Gefühlsmenschen Sarkozy bei seinen Landsleuten weiterhin ankommen. Bei einer Umfrage des Instituts Ifop kürten ihn die Franzosen im April zum populärsten französischen Politiker, weit vor Macron, Le Pen oder Jean-Luc Mélenchon. Nur Ex-Umweltminister Nicolas Hulot, der sich aus der Politik verabschiedet hat, ist noch beliebter als der Gatte der Chansonsängerin Carla Bruni.

Erstaunlich ist diese Position auch deshalb, weil Sarkozy nach wie vor, um nicht zu sagen: mehr denn je eine schwere Hypothek mit sich herumschleppt. Kurz vor Erscheinen seines Buches bestätigte ein Pariser Strafgericht die Anklage wegen versuchter Bestechung: Sarkozy soll nach Verlassen des Élysées – womit er keine Immunität mehr genießt – einen damaligen Staatsanwalt kontaktiert haben, um ihm im Gegenzug zu einer vertraulichen Rechtsauskunft einen Posten in Monaco zu versprechen.

Dieser erste Korruptionsprozess gegen einen französischen Ex-Präsidenten dürfte in einigen Monaten stattfinden. Die Ermittler waren Sarkozy zufällig auf die Schliche gekommen, als sie ihn in der sogenannten Libyen-Affäre abhörten. Der Verdacht, dass sich Sarkozy eine Wahlkampagne durch den Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi finanzieren ließ, scheint sich hingegen kaum belegen zu lassen.

Dafür hat Sarkozy noch andere Affären am Hals, so etwa die falsche Deklarierung seiner Wahlkampfausgaben. Vor wenigen Tagen wurde zudem in Paris sein ehemaliger Generalsekretär Claude Guéant zusammen mit Ex-Fußballer Michel Platini einvernommen. Dank ihnen soll Präsident Sarkozy einen Deal mit einem befreundeten Scheich abgeschlossen haben: Die Katarer erhielten mit den Platini-Stimmen die Fußball-WM 2022, der Fußballverein Paris Saint-Germain und französische Baufirmen katarische Millionen. In diesem sportpolitischen Rechtsfall jedoch genießt Sarkozy wohl Immunität.

Dankbare Opferrolle

Unklar ist der politische Folgeschaden. Die Franzosen sind nicht immer konsequent in ihrem Wahlverhalten. Sarkozy präsentiert sich als Opfer "linker" Untersuchungsrichter. Zudem verweist er auf den Umstand, dass er in der Causa Gaddafi nie angeklagt und dass das Ermittlungsverfahren gegen ihn in der Spendenaffäre rund um die L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt eingestellt wurde.

Wird Sarkozy freigesprochen, so kann er zumindest ein Comeback versuchen, in der Hoffnung, es seinem – ebenfalls nach einer Unterbrechung wiedergewählten – Freund Wladimir Putin gleichzutun. Andernfalls kann er nur mit Silvio Berlusconi darüber sinnieren, wann der richtige Zeitpunkt für einen politischen Abgang verpasst ist. (Stefan Brändle aus Paris, 26.6.2019)