Da soll es hingehen.

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Echte Schallmauern sind rar geworden in der Leichtathletik. Nur zwei warten noch darauf, durchbrochen zu werden: neun Meter im Weitsprung und zwei Stunden im Marathon. Geht es nach den Organisatoren des Vienna City Marathon, führen die neun Weitsprungmeter ab Oktober ein einsames Dasein. Der Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge wird im Rahmen der "1:59 Challenge" auf die erste Zeit unter zwei Stunden angesetzt.

Etwa viereinhalb vom Lusthaus über die Prater-Hauptallee zum Praterstern und zurück führende Runden soll der Kenianer laufen, VCM-Veranstalter Christian Konrad hofft auf bis zu 200.000 Zaungäste. Ein neuer Weltrekord nach Kriterien des Weltverbandes IAAF wird im Prater nicht aufgestellt, da sich 20 bis 25 Tempomacher aus aller Welt nach einem Rotationsprinzip abwechseln werden. Das erlauben die Regeln der IAAF nicht. Die von Kipchoge 2018 in Berlin aufgestellte Bestmarke steht bei 2:01:39 Stunden.

Perfekte Bedingungen

Das Projekt wird vom Petrochemie-Riesen Ineos finanziert. Da das Unternehmen in London sitzt und Kipchoge vierfacher Sieger des London-Marathons ist, wurde lange Zeit der Battersea Park in der englischen Hauptstadt als Austragungsort kolportiert. Dank der perfekten Bedingungen setzte sich nach monatelanger Suche aber Wien durch. "Da steht viel Wissenschaft dahinter. Wir brauchen einen flachen Kurs, keinen Wind und konstante Wetterbedingungen", sagte Projektmanager John Mayock.

Ineos-Gründer Ratcliffe und Weltrekordler Kipchoge vor einem Bild von Sir Roger Bannister, dem ersten Athleten, der eine Meile unter vier Minuten lief.
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Mathematiker, Physiker und Meteorologen errechneten das ideale Zeitfenster: Kipchoge soll am 12. Oktober laufen, bei Schlechtwetter könnte das Spektakel bis zum 20. Oktober verschoben werden. Die Hauptallee ist bekanntlich in gutem Zustand, laut VCM-Geschäftsführer Gerhard Wehr wird sie dennoch überprüft. Ein Stück Asphalt wird in die USA geschickt, um Kipchoges Laufschuhe perfekt darauf abstimmen zu können. Der Olympiasieger bereitet sich derzeit in Kenia vor. "Es ist unglaublich aufregend, eine weitere Chance zu bekommen, die Marke zu unterbieten", wurde der 34-Jährige zitiert.

Kipchoges Anforderungen an den Kurs.

Die angesprochene erste Chance hatte er 2017 auf der Formel-1-Rennstrecke von Monza. Kipchoge, Zersenay Tadese aus Eritrea und Lelisa Desisa aus Äthiopien waren von Nike unter Laborbedingungen auf die Schallmauer angesetzt worden, Kipchoge beendete den Marathon in 2:00:25 Stunden. Der in erster Linie als Promotion für einen neuen Laufschuh gestartete Versuch war aufgrund der künstlichen Bedingungen umstritten. Das Trio wurde von im "Schichtbetrieb" rotierenden Pacemakern vom Wind abgeschirmt, ein Führungsauto schrieb diesen mit auf den Boden projizierten Lasern exakt vor, wie schnell sie zu laufen hatten.


Die Doku über "Breaking 2".
National Geographic

Nike produzierte mit National Geographic eine fast einstündige Dokumentation zu dem "Breaking 2" getauften Vorhaben.

Laborzustände

Die Bedingungsoptimierung wird diesmal ähnliche Ausmaße haben, allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Fans. In Monza waren keine Zaungäste zugelassen, auch Medien bekamen kaum Zugang. Marathon-Veranstalter Wolfgang Konrad erhoffte sich für den 12. Oktober 200.000 Fans. Die Stadt Wien erhofft sich einen großen Werbeeffekt, müsse aber keinen Ausrichterbeitrag zahlen, sagte Bürgermeister Michael Ludwig dem STANDARD.

Financier Ineos ist unter anderem wegen der umweltschädlichen Gasfördertechnik Fracking umstritten. Der Gründer Jim Ratcliffe ist laut einer Erhebung der Sunday Times mit einem Vermögen von 23,5 Milliarden Euro der reichste Mensch Großbritanniens, im März übernahm er das Sky-Radteam um Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas. Den Vorwurf des "Sportswashing", der Rufverbesserung durch ein Engagement im Sport, weist er zurück. (Martin Schauhuber, 27.6.2019)