Miami – Zehn Bewerber um die demokratische Präsidentschaftskandidatur sind am Mittwochabend in einer ersten TV-Debatte gegeneinander angetreten. Als Erste kam Senatorin Elizabeth Warren zu Wort, die als Einzige der Teilnehmer in Umfragen derzeit auf einen zweistelligen Wert kommt.

Die 70-Jährige sprach sich für eine sozial gerechtere Wirtschaftspolitik in den USA aus und stellte dabei erneut zahlreiche Details ihrer bereits ausgearbeiteten Pläne vor. Von der guten wirtschaftlichen Lage in den USA würden derzeit nur die oberen Schichten profitieren, nicht aber die unteren. Sie forderte deshalb "strukturelle Veränderungen".

Elizabeth Warren dominierte die Debatte zu Beginn.
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Trumps Politik rückgängig machen

Ähnlich klar progressiv und links wie Warren argumentierten New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio und Ex-Bauminister Julián Castro. De Blasio sprach sich für einen Steuersatz von 70 Prozent für Reiche aus, fiel sonst aber eher damit auf, seinen Konkurrentinnen und Konkurrenten immer wieder ins Wort zu fallen.

Einige Highlights der Debatte.
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Castro, der erste Latino im Rennen um die Nominierung, punktete mit persönlichen Momenten: Als "herzzerreißend" bezeichnete er das Bild eines Vaters und seiner Tochter, die vor ein paar Tagen beim Versuch, in die USA zu gelangen, im Rio Grande ertrunken waren. Im Fall seiner Wahl, kündigte Castro an, wolle er Trumps Nulltoleranzpolitik an der Grenze zu Mexiko rückgängig machen.

Julián Castro kritisierte Trumps Nulltoleranzpolitik an der Grenze.
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Uneinigkeit bei Gesundheitspolitik

Neben Einwanderung und der wachsenden Ungleichheit war das US-Gesundheitswesen prominentes Thema der Debatte. Alle Kandidaten kündigten an, Obamacare reformieren und die privaten Krankenkassen um eine staatliche Versicherung ergänzen zu wollen. Warren und de Blasio sprachen sich sogar für den kompletten Umstieg auf ein staatliches System aus. Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota stieg mit ihren Zweifeln an einem staatlichen System am meisten auf die Bremse, was ihr unter anderem Kritik von Warren einbrachte. Viele würden eine Krankenversicherung für alle fordern, "dann aber nicht dafür kämpfen", bemängelte Warren.

Auch beim Thema Waffengesetze vertrat Klobuchar konservativere Positionen als ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Sie machte deutlich, dass sie bei jedem Vorschlag zum Thema prüfen wolle, ob er ihrem Onkel Dick und seinem Jagdhochsitz schaden könnte.

Amy Klobuchar bemühte sich bei der Debatte nicht um den linken Flügel.
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Nach Redezeit gerechnet dominierte allerdings ein anderer die Diskussion: Corey Booker, Senator aus New Jersey, der auch zum ersten mal in einer Präsidentschaftsdebatte den Schutz von Trans-Personen ansprach. Laut einer Zählung der Seite fivethirtyeight.com kamen die meisten Worte in der Diskussion von Booker, vor dem texanischen Ex-Kongressabgeordneten Beto O'Rourke und Warren. Wohl auch deshalb weist Booker, der in Umfragen bisher weit abgeschlagen war, auch in Google Trends mehr Suchanfragen auf als seine wichtigsten Konkurrentinnen und Konkurrenten. In Führung lag bei diesem Indikator allerdings die hawaiianische Abgeordnete Tulsi Gabbard, die einen betont russlandfreundlichen Kurs fährt und die Friedenspolitik betont. Sie konnte offenbar mit ihren unkonventionellen Positionen auf sich aufmerksam machen. Seriöse Umfragen zum Ausgang der Debatte gab es vorerst nicht.

Trump fand's langweilig

Zwei Stunden dauerte die Debatte, 60 Sekunden hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils Zeit für eine Antwort, weitere 30 Sekunden gab es zur Beantwortung von Nachfragen. Eine wirkliche Diskussion kam in diesem Setting nicht zustande, eher ein Abarbeiten der einzelnen Themen und Positionen. Auf persönliche Angriffe wurde weitgehend verzichtet.

Auch Trump war in der Debatte kein so großes Thema wie zuvor angenommen. Warren und de Blasio nahmen seinen Namen kein einziges Mal in den Mund. Vielleicht deswegen twitterte Trump, auf dem Weg zum G20-Treffen in Japan, über die Debatte nur ein Wort: "langweilig".

Zweite Debatte Donnerstagabend

Weil das Feld der Bewerberinnen und Bewerber so groß ist, wird am Donnerstagabend eine zweite TV-Debatte stattfinden, in der zehn weitere demokratische Präsidentschaftsanwärter gegeneinander antreten, unter ihnen Ex-Vizepräsident Joe Biden und der Senator Bernie Sanders. Insgesamt bewerben sich 25 Demokratinnen und Demokraten um die Präsidentschaftskandidatur – so viele wie noch nie in der Geschichte der Partei.

Die Plätze in den beiden Debatten wurden nach einem Zufallssystem vergeben, das eigentlich dafür sorgen sollte, chancenreiche und chancenarme Kandidatinnen und Kandidaten auf die beiden Debatten zu verteilen, die meisten Schwergewichte in Wahrheit aber auf die Debatte von Donnerstagnacht verteilte.

Die Diskussionen gelten vor allem für jene Kandidatinnen und Kandidaten als Chance, die bisher in den Umfragen nicht zur Geltung kamen – und das sind eigentlich fast alle außer Biden und Sanders. Barack Obamas früherer Vizepräsident führt das Feld der hoffnungsvollen Demokratinnen und Demokraten deutlich an, seitdem er vor einigen Monaten in den Wahlkampf eingestiegen ist. Er kommt landesweit derzeit im Schnitt mehrerer Umfragen auf 32 Prozent.

Die Schlussstatements der Kandidatinnen und Kandidaten.
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Hinter ihm liegen Sanders und Warren, wobei der Senator aus Vermont (17 Prozent) seine Kollegin aus Massachussetts (13 Prozent) jüngst wieder überholt hat. Chancen werden auch der kalifornischen Senatorin Kamala Harris (sieben Prozent) und dem Bürgermeister von South Bend, Indiana, Pete Buttigieg (6,5 Prozent), zugerechnet. Harris und Buttigieg treten ebenso wie Biden und Sanders in der Nacht auf Freitag in der zweiten Debatte auf. In einer hypothetischen landesweiten Wahl gegen Trump liegen alle fünf Demokraten derzeit in Umfragen voran, wobei Biden den größten Vorsprung (8,5 Prozentpunkte), Buttigieg den geringsten (zwei Prozentpunkte) verzeichnen kann.

Eine zweite Runde an Diskussionssendungen der Demokraten ist für den 30. und 31. Juli geplant. Die Vorwahlen beginnen Anfang Februar 2020 mit einer Abstimmung im Bundesstaat Iowa. Ihren Kandidaten oder ihre Kandidatin ernennen die Demokraten dann formell bei einem Parteitag vom 13. bis 16. Juli. Die Präsidentschaftswahl findet am 3. November 2020 statt. (maa, mesc, 27.6.2019)