Norwegen ist dank des vielen Wassers nicht nur in puncto erneuerbare Energien top; das Land im Norden Europas gibt auch beim Klimaschutz den Takt vor.

Foto: getty images

Weltweit zerbricht man sich die Köpfe darüber, wie dem Klimawandel am besten Einhalt geboten werden könne. Ein Land sticht diesbezüglich trotz aller Widersprüche ob seiner stringenten, langfristig angelegten Politik positiv heraus: Norwegen. Nirgendwo sonst sind, prozentuell gesehen, so viele Autos mit Stromantrieb unterwegs wie dort. Das ist nicht nur, aber auch dem Umstand geschuldet, dass das Land im Norden Europas über keine eigene Autoindustrie verfügt, die früh Widerstand gegen das Abdrängen von Dieselfahrzeugen und Benzinern hätte leisten können.

Dass Norwegen über große Öl- und Gasvorkommen verfügt, stört die Politik nicht weiter – im Gegenteil. Die fossilen "Schätze" werden im Ausland versilbert, das Geld für künftige Generationen im Land gebunkert. Dank des reichlich vorhandenen Wassers rinnt erneuerbare Energie aus so gut wie jeder norwegischen Steckdose. Über Parteigrenzen hinweg gibt es in der Gesellschaft einen Konsens, Klimaschutz auch auf anderen Gebieten voranzutreiben. DER STANDARD war anlässlich der vom Österreicher Gerald Babel-Sutter organisierten Urban Future Global Conference (UGFC) in Oslo und hat sich umgehört, welche Maßnahmen zur CO2-Reduktion in dem 5,3 Millionen Einwohner zählenden Land geplant sind und zum Teil schon laufen.

Emissionsfrei cruisen

Es war die erste elektrische Autofähre der Welt, die 2015 an Norwegens Westküste in Dienst gestellt wurde. Seitdem quert sie bis zu 34-mal am Tag den Sognefjord rein elektrisch mit der Kraft von Batterien. 2017 war die größte Fährverbindung im Oslofjord an der Reihe, sie wird von jährlich drei Millionen Fahrgästen genutzt. Seitdem die Schiffsverbindung von Norwegens Hauptstadt zur anderen Seite des Fjords elektrifiziert wurde, sind die CO2-Emissionen lokal um 70 Prozent gesunken, haben Messungen ergeben. Und es geht weiter: 2021 soll die Fähre zu einer beliebten Ausflugsinsel vor Oslo, die im Sommer von vielen Badegästen aufgesucht wird, elektrifiziert werden. Drei Jahre später, 2024, ist geplant, auch Highspeedboote auf Strom umzustellen, was aber leichter gesagt als getan ist. Denn anders als bei Fähren sind große Batterien mit kleinen, deutlich leichteren Booten nicht kompatibel, weil sie viel zu schwer sind. Deshalb wird bei Highspeedbooten über den Einsatz von Wasserstoff nachgedacht.

Nach den Fähren sollen auch Highspeedboote im Oslofjord Zug um Zug auf Stromantrieb umgestellt werden.
Foto: bonanza

Flugzeugbauer sind vorgewarnt: Inlandsflüge in Norwegen sollen ab 2036 überwiegend, 2040 nur noch mit Stromantrieb erfolgen. Das sieht ein vom Verkehrsministerium unterstützter und vom Flughafenbetreiber Avinor vorangetriebener Plan zur Senkung der CO2-Emissionen im Luftverkehr vor. Die Fluggesellschaft SAS hat Gespräche u. a. mit Airbus aufgenommen, damit bei künftigen Ausschreibungen passendes Fluggerät zur Verfügung steht. Für die Langstrecke denkt man auf längere Sicht an den Einsatz von Wasserstoff.

Inlandsflüge sollen in Norwegen ab 2040 nur noch mit Elektroantrieb erfolgen. Dafür sind aber größere Maschinen als die im Bild zu sehende nötig.
Foto: Eirik Førde / Catchlight

Mit Strom baggern

Schädlicher Diesel raus und Strom rein heißt es auch bei zahlreichen Baustellen in Norwegen, wobei als Überbrückung auch Biodiesel erlaubt sein soll. Der Baustellenverkehr ist nach dem privaten Pkw der größte CO2-Emittent. Caterpillar hat bereits einen strombetriebenen Bagger auf den Markt gebracht, auch schweres Aushubgerät auf Basis von Strom gibt es schon. Fernwärme wird fallweise schon zu Gebäuden hingeleitet, wenn diese noch im Bau sind. So erspart man sich Dieselaggregate zum Beheizen der Baustelle.


Selbst vor Baustellen macht Klimaschutz in Norwegen nicht halt. Ziel der Politik ist es unter anderem darauf hinzuwirken, dass immer mehr elektrisch betriebene Baumaschinen zum Einsatz kommen.
Foto: tove lauluten/ufgc19

Anders urlauben

Es gibt Unterwasserhotels und solche aus purem Eis, aber noch kein Gebäude über dem Polarkreis, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht, und auch sonst hinsichtlich seines ökologischen Fußabdrucks glänzt – noch nicht. Läuft alles glatt, soll schon 2021 der Beweis angetreten werden, dass ein Plus-Energie-Hotel so weit im Norden funktioniert. Für die Pläne ist das norwegisch-amerikanische Architekturbüro Snøhetta verantwortlich. Das erste nach dem energiepositiven Powerhouse-Standard errichtete Hotel soll Svart heißen (schwarz auf Norwegisch, Anm.), eine Referenz an das dunkle Eis des Svartisen-Gletschers, dem zu Füßen das Hotel entstehen soll. Es wird rund 85 Prozent weniger Energie benötigen als herkömmliche Hotels und den Strom, der erforderlich ist, unter anderen von Solarpanels beziehen. (Günther Strobl, 27.6.2019)

Ein kreisrundes Hotel auf Stelzen soll Geschichte schreiben. Bei Realisierung wäre es das erste Plus-Energie-Haus über dem Polarkreis.
Foto: Snøhetta and Plompmozes