Die Sea-Watch 3 hat vergeblich versucht, den Hafen von Lampedusa zu erreichen.

Foto: AFP

Italiens Innenminister und Vizepremier will nur noch eines: die gesamte Besatzung der Sea-Watch 3 inklusive ihrer deutschen Kommandantin Carola Rackete im Gefängnis sehen: "Ich wäre sehr zufrieden, wenn das Schiff beschlagnahmt und die Besatzung verhaftet wird", erklärte Matteo Salvini am Donnerstag einem italienischen Radiosender. Dass die Sea-Watch 3 am Mittwoch trotz ausdrücklichen Verbots in italienische Hoheitsgewässer eingefahren ist, verglich der Innenminister von der rechtsradikalen Lega mit dem Durchbrechen einer Straßensperre: Das sei ein Delikt, das ebenfalls eine Festnahme zur Folge habe. Ein Versuch, in den Hafen von Lampedusa einzufahren, wurde am Donnerstag von der italienischen Küstenwache gestoppt.

Die Sea-Watch 3 mit ihren 42 geretteten Flüchtlingen an Bord blieb gestern weiterhin auf dem Meer blockiert – auf Sichtweite von Lampedusa, etwa drei nautische Meilen von der Hafeneinfahrt entfernt. Salvini hat die Abweisung des Rettungsschiffs der deutschen Hilfsorganisation zu einer Prinzipienfrage erhoben: Die Sea-Watch 3 fahre unter holländischer Flagge unter dem Kommando einer deutschen Kapitänin. Aus diesem Grund seien Holland und Deutschland für die Aufnahme der Flüchtlinge zuständig. "In Italien können nicht einfach alle ankommen; die Gesetze eines Landes sind etwas Ernsthaftes", betonte Salvini am Mittwoch.

Ankünfte anderer Flüchtlinge ohne Probleme

Diese Argumentation findet in Italien bei vielen Unterstützung. Doch der Innenminister, der sich brüstet, mit seiner Politik der geschlossenen Häfen den Strom der Bootsflüchtlinge praktisch zum Erliegen gebracht zu haben, verschweigt ein wichtiges Detail: Während er an der Sea-Watch 3 und ihrer 31-jährigen deutschen Kapitänin ein Exempel statuiert, kommen in Italiens Küsten weiterhin Hunderte von Flüchtlingen an, völlig unbehindert. Allein in den 15 Tagen, in denen die Sea-Watch 3 inzwischen vor Lampedusa blockiert ist, gingen 344 Migranten an Land, davon über 200 in Lampedusa selbst – ohne dass Salvini darüber ein Wort verliert.

Der Unterschied zu den 42 Flüchtlingen auf der Sea-Watch 3 besteht darin, dass die anderen Migranten nicht auf dem Schiff einer NGO nach Italien gekommen sind, sondern mit einem eigenen Boot. Seit Anfang Juni sind auf diese Weise bereits knapp tausend Flüchtlinge angelandet – ein Vielfaches mehr als in den Vormonaten. Während sich die Flüchtlinge auf der Sea-Watch 3 in Sicherheit befinden und sich damit für die Selbstinszenierung Salvinis als Retter der Nation eignen, können die Migranten auf den kaum seetüchtigen Booten nicht einfach gestoppt und abgewiesen werden: Auf diese Weise würden sie in den sicheren Tod geschickt.

Der sprunghafte Anstieg der Flüchtlingszahlen in Italien deutet darauf hin, dass sich die Schlepperbanden in Libyen, Tunesien und Ägypten darauf eingestellt haben, dass kaum noch Rettungsschiffe im zentralen Mittelmeer kreuzen. Sie schicken ihre Kunden deshalb wieder wie früher mit Booten auf die Reise, bei denen zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie aus eigener Kraft die italienische oder griechische Küste erreichen. Dass dies nicht immer gelingt, scheint ein grausiges Ereignis zu belegen: Am Dienstag hat ein sizilianischer Fischer eine verweste menschliche Leiche in seinem Netz gefunden. Laut den Behörden steht aber noch nicht fest, ob es sich um einen ertrunkenen Migranten gehandelt hat.

EU schaltet sich ein

Unterdessen hat sich die EU in den Streit um die Sea-Watch 3 eingeschaltet. "Wir prüfen, welche EU-Mitgliedstaaten zur Aufnahme der Migranten bereit sind", sagte eine Sprecherin der EU-Kommission am Donnerstag. (Dominik Straub aus Rom, 27.6.2019)